Montag, 10. März 2014

Matthias Matussek wird 60 - Glückwunsch!

Mitten im Bonus des Lebens

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Lieber Jubilar,

gut, die nackte kalte Wahrheit gleich zuerst. Machen wir uns nichts vor Matthias: 60 Jahre alt zu sein, ist hart, eigentlich sogar richtig scheiße. Nein, 60 ist auch keine Hausnummer, an der wir mal eben vorbeimarschieren könnten, als hätte man die weiteste Strecke noch vor sich. 60 ist schon verdammt alt. Zumindest dann, wenn man schon mal 20, 30, 40 und 50 war. 60 ist Synonym für Rentner.

Zumindest für die, die 40 Jahre körperlich hart malocht haben. Gut, hast Du nicht. Du bist ja ein Dichter und Denker. Und diese Berufsgruppe ist ärmer dran, als der ärmste Polier, denn als Edelfeder hat man keine Ausreden, nicht mehr produktiv sein zu wollen. Edelfedern müssen Tinte spritzen bis zum bitteren Ende. Also wenn Du so richtig Pech hast, geht das Theater noch satte 30 Jahre munter so weiter. Also 30 Jahre immer brutal am Zeitgeist lang, immer mit dem Leben der Jüngeren im Update bleibend. Ne ne, 60 kann für Dich nur ein kurzer, schneller Boxenstopp sein. Ein Time-Out allenfalls als Gelegenheit, mal an sich herunter zu schauen. Narben, Verletzungen und chronische Krankheiten zählen. Inventur machen also.

Die allerbesten Jahre bereits hinter sich

Aber selbst dann, wenn man darüber hinweghasten möchte, bleiben doch diese unbestechlichen Statistiken in ihrer für einen 60-Jährigen wohl verachtenswertesten Sprache: 30 Prozent aller 50-54 Jährige beklagen gesundheitliche Einschränkungen, bei den 60-65 Jährigen sind es bereits 50 Prozent. Nein, das Leben schreitet nicht einfach nur so voran, wie ein majestätischer Fluss, die Sache entwickelt sich gerne mal zum gefährlichen Sturzbach. Wer behauptet, es verliefe linear, der versteht nichts vom Leben.

Jeder über 45 weiß, dass man jetzt, mindestens körperlich, seine allerbesten Jahre bereits hinter sich hat. Ab 45 beginnt zwar noch nicht der Altenteil, aber schon so etwas, das man als Bonus des Lebens bezeichnen könnte. Gut, man kann den körperlichen Verfall mit viel Sport und Schweiß konservatorisch noch eine Weile bekämpfen, aber es bleibt, was es ist: reinster Sisyphos.

Nun liegt natürlich viel an den Begleitumständen und der so genannten „inneren Einstellung“. Zählen die einen was war anhand der Einschläge, ziehen andere ihre Erfolgsbilanz. Oder kürzer: Pessimismus vs. Optimismus.

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Bei Dir lieber Jubilar ist das freilich noch einmal etwas komplizierter. Denn natürlich sahst Du die 60 schon kommen, als sie noch gar nicht um die Ecke gebogen war. Und weil Du Dich sorgtest, was da nun kommen würde, hast Du die Sache schon mal im Vorfeld durchexerziert, indem Du Dich literarisch an einem Gleichaltrigen abgearbeitet hast, der schon ein paar Wochen früher als Du die 60 erreichte. Quasi als Testdurchlauf und – na klar – auch als versteckte Bitte, wie Du selbst behandelt werden möchtest, wenn die Zeit gekommen ist, wenn man ganz verlegen mit 60 roten Nelken vor Dir und Deinem Geburtstagsschaukelstuhl steht.

Nicht der Helmut-Schmidt-Weg

Also gedanklich, denn Du bist ja rechtzeitig nach Rio geflüchtet, um dort durch den Karneval zu tanzen, als wärst Du wieder 25 – herrjee. Ausgerechnet dort, wo Du ein paar Jahre lang für den Spiegel tätig warst: „Matthias Matussek, unser Mann aus Rio.“ Wir dürfen also annehmen, das dieser Abschnitt in Deinem Leben ein besonders wichtiger für Dich war, dass Du Dich zu diesem zwiespältigen Jubiläum dorthin verkrochen hast. Aber zurück zum Gleichaltrigen. Gemeint ist der Pop-Titan. Über eine Begegnung mit Dieter Bohlen – übrigens rein zufällig ebenfalls in Rio! – schriebst Du etwas, das perfekt geeignet ist, Deinen Vorab-Gemütszustand zu erzählen:

„Nun ist er also 60 geworden. (…) Er hat ja schon vor mindestens 30 Jahren jene Apfelbäckchen-Alterslosigkeit erreicht, die das Ziel der Peter-Pan-Generation ist. Es sei denn, man sieht aus wie ein ehrwürdiges Monument aus Exzess und Verfall und Drogen. Bohlen ist die Vitaminvariante. Glückwunsch, Dieter Bohlen, prima hingekriegt, dieses Leben ohne Risiko, aber auch ohne Aussetzer. Nun ist er 60. Ich bin es in drei Wochen. Wie entsetzlich!“

Ohne die Psychologie zu sehr zu bemühen, unterliegst Du hier natürlich einer Fehleinschätzung. Nein, dieser dunkelbraune Falten-Bohlen, diese Botox-Variante eines Joachim Gauck, dieser quengelige Shar-Pei II aus Tötensen, dieser seit Jahrzehnten in die selbe zu enge Stonewashed-Jeans Gequetschte, sieht keineswegs jünger oder frischer aus als Du. Ihr beide seid nun einfach 60. Und man sieht es Euch an.

Lieber Jubilar, stimmt, das ist keine Schmeichelei. Und seien wir ehrlich, Dir in diesen rauen Tagen zu schmeicheln – Geburtstag hin oder her – hätte auch etwas von einem Himmelfahrtskommando. Nein, Du hast Dich schon vor Deinem 60-sten entschieden nicht den Helmut-Schmidt-Weg zu gehen. Denn anstatt Dich nun in aller Seelenruhe die kommenden 30 Jahre mit Menthol-Zigaretten zu belüften, hast Du das rostige Bajonett poliert, umstandslos aufgepflanzt und Dich ins Getümmel gestürzt, als gäb’s kein Morgen.

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Rumble in the Jungle im Feuilleton

Die Geburtstagsständchen gerieten entsprechend unterirdisch. Aber so ist das wohl, wenn man die Frechheit besitzt, wenn man noch mal in den Ring steigt, ein paar brutale Uppercuts austeilt und dann selbst mit ein paar üblen Cuts einfach nicht auf die Matte will. Rumble in the Jungle im Feuilleton. Ein großes Tohowabou und Du wütend und grinsend zugleich im Auge des Hurricans.

Und der beste Zeitpunkt, es frei heraus auszusprechen: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Du alter Kämpfer. Lass es bitte nie, niemals ruhiger angehen. Es würde etwas fehlen. Bleib einfach so lange es geht der Stachel im so elend abgesoffenem Feuilleton der Anständigen, die sich in ihren rosa Tütüs in Papierschiffchen um die Einfahrt in die letzten sicheren Häfen balgen. Alles Gute!

Samstag, 8. März 2014

Sibylle Lewitscharoff - völkisch, genetisch, blöd.

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Mann, kaum ist das letzte feuilletonreife Theater seicht verklungen, wird schon das nächste rund um diesen Themenkreis „drohender neuer Konservatismus“ aufgeführt. Dieses Mal versammelt man sich um eine Rede der Literatin Sibylle Lewitscharoff in Dresden am Schauspielhaus im Rahmen der Reihe „Dresdner Reden“.

Nietzsche, Ezra Pound und den todessüchtigen Genet verbieten Herr Diez?

Der gute Dirk Knipphals schreit herrlich laut und famos in der „taz“, David Hugendick glossiert in der „Zeit“, Andreas Platthaus wütet in der „FAZ“ und – logisch – Georg Diez für „Spiegel Online“. Der hatte sich sogar schon im Vorfeld warmgelaufen, als die Autorin den Büchnerpreis bekam und er sich fragte, ob Lewitscharoff womöglich gar keine tolle Autorin, sondern nur „eine vom Reinlichkeitswahn der schwäbischen Hausfrau getriebene Langeweilerin“ sei. Diez also hat schon vorher alles richtig gemacht. Entsprechend hahnenstolz auch sein Nachschlag, in dem er nicht weniger als den Untergang des kultivierten Abendlandes identifiziert und „die Literaturkritikerinnen und -kritiker und all die Betriebsonkel und -tanten, die sie gefördert haben mit Preisen und Stipendien“ ultimativ auffordert, sich dazu zu verhalten. Ein Lynchaufruf quasi. Herrlich!

Allerdings: Nach Diez’ Logik, die so genau der abgekoppelten Logik der Dr. Ryan Stone aus „Gravity“ entspricht (Zeitgeist völlig losgelöst), müsste man nun ebenfalls Nietzsche, Ezra Pound und den todessüchtigen Genet verbieten beziehungsweise boykottieren.

Noch herrlicher dann ein Satz irgendwo in der Mitte bei Diez, wenn er so wunderschön diebisch-diezisch attestiert: „Wenn sie dort Schluss gemacht hätte, der Skandal wäre ihr sicher gewesen. Sie wollte aber mehr, sie wollte Verachtung.“ Und beim „Spiegel“-Bumser ist es nun auch kein Konservatismus, keine neue Rechte mehr, sondern – Achtung! – ein neuer „Klerikalfaschismus“, den Lewitscharoff dem deutschen Lesevolk da präsentiert. Dazu das Übelste gleich vorweg: Georg Diez hat natürlich völlig recht.

Keine Scheu, Privatestes auf den Tisch zu legen

Aber gehen wir mal gemeinsam in die Recherche. Da gibt es zwar zunächst einen Link zu einer Tonspur, aber keinen gedruckten Text, wo es sonst auf der Website des Schauspielhauses noch jede der Dresdner Reden zum Downloaden gibt. An der Stelle zum Download findet sich nun eine als „Offener Brief“ falsch etikettierte „Wutrede“ von Robert Koall, dem Chefdramaturgen des Hauses. Dramatisch, unsachlich, gut! Ein Anruf in der Dramaturgie löst das Rätsel schnell auf: die Lewitscharoff-Rede wäre in Kürze downloadfähig, sie läge noch beim Lektorat. Und man hält Wort.

Nun kann man der Autorin beziehungsweise Rednerin eines schon nach wenigen Seiten bescheinigen. Die Frau kann schreiben wie wenige neben ihr. Wunderschöne dramatisch tragische Sätze sind dabei. „Das Todestheater meiner Mutter war ungeheuerlich. (…) Steckelsdünn, kraftlos, auf Minuten schon dem Tode nahe gerückt, bäumte sich in ihrem Bett auf, packte alles, was auf ihrem Nachttisch stand und warf es gegen einen Kruzifix an der Wand, röchelte tief und verschied.“ Was für ein schwarzer Sound. Das swingt. Wer Wörter und Sätze so zum Schwingen bringen kann, der hat großes Talent.

Und Lewitscharoff hat keine Scheu, Privatestes auf den Tisch zu legen, wenn sie über ihre geliebte Großmutter, über den Selbstmörder-Vater und die verzweifelte Alkoholiker-Mutter erzählt, die elend an Krebs zugrunde ging, während ihre Großmutter doch mit einem ähnlichen Schicksal voller Gottvertrauen und quasi mit einem Lächeln, friedlich und im Haiabettchen in die ewigen Jagdgründe einging. Wunderbar.

Sicher wird auch das Dirk Knipphals dazu veranlasst haben, so zu enden: „Wie man aus der Literaturgeschichte weiß, können auch politisch fragwürdige und menschenverachtende Schriftsteller interessante Bücher schreiben.“ Na klar, das meint er wohl als Beschreibung einer weichgespülten Version von der Geschichte des Sachsenhausen-KZ-Kommandanten, der Blumenbeete vor den tödlichen Elektrozaun, niedliche kniehohe Holzzäune und einen künstlichen See anlegte, um den herum kleine Findlinge gruppiert wurden.

Lewitscharoff hatte nun also in ihrer Dresdner Rede wunderbar dramatisch über den Tod ihr nahestehender Personen referiert. Und das tat sie, um überzuleiten zu den modernen Todesarten unserer Gesellschaft, diesen mit den Glaceehandschuhen der modernen Medizin durchgeführten, die so wunderbar Schmerzen auslöschen kann, aber nur das Leben hinauszögert, hin zu einem „qualvoll verlängerten Horror“.

Ein seltsame Art literarischer Selbstmord

Sie sehen, wir befinden uns auch hier, mittig der Rede, noch im grünen, im mitfühlenden Konsens-Bereich. Die Sache kippt in dem Moment ganz furchtbar, wenn der böse Geist der so friedlich verstorbenen Großmutter von Lewitscharoff Besitz ergreift und Organspende und Patientenverfügung so kommentiert:

„Mir ist, sowohl was das Leben anlangt als auch den eigenen Tod, die um sich greifende Blähvorstellung der Egomanen, sie seien die Schmiede ihres Schicksals, sie hätten das Schicksal in der Hand, seien gar die Herren über es, zutiefst zuwider.“

Dann schwankt die Autorin am Brutkasten eines todgeweihten morphinierten Säuglings ganz fürchterlich zwischen biblischer „Erbsünde“ und „radikaler Unschuldsvermutung“, dass dem Zuhörer schon ganz gruselig wird. Aber gut, Lewitscharoff hofft dann in einem letzten Aufbäumen ihrer sich zur Hysterie der Kinderlosen aufgebäumten Narretei vom „Glanzvollem des Todes“, vom „würdigen Sterbebett“.

Ja, es wird knüppeldüster in Dresden im Schauspielhaus. Zu gerne würde man da wissen, wie so etwas live passiert. Ist das gehörte Wort zu schnell verklungen, bleibt etwas haften, ist die Sogwirkung größer, bleibt das Analytische noch ganz fern? Egal. Denn dieser elende Absatz andauernde Todesstoß ist identisch im Ton wie im Wort. Ein einzigartiger literarischer Selbstmord, der mit einer Art Mittelalterkommunion beginnt: „Im Lauf der Jahre hat sich (bei der Autorin) die Rückbindung an den christlichen Vorstellungskreis, was Leben und Tod, was Sünde und mögliche Vergebung angeht, enorm gekräftigt.“

Eine übelriechende Totgeburt

Und als so runderneuerte Katholikin folgt sogleich das nächste Bekenntnis, das so geht, dass Schwangere automatisch das alleinige Recht auf ihren Bauch verwirkt hätten und der ab dem Zeitpunkt dem „Kind und dem dazugehörenden Vater“ und einer „Reihe vorausgegangener Generationen“ mit gehört. Krachwumm, wir sind beim völkischen Aspekt des Lebens angelangt. Generatives Denken versus Onanie zum Zwecke der künstlichen Befruchtung, dem „Horror (…), auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen“.

Mitreißender Literatur ist unvermittelt eine Horrorrede entwachsen. Eine übelriechende Totgeburt um im Bild zu bleiben. Der Galgen für die Moderne ist aufgestellt. Und die, die das gerade noch rechtzeitig ebenso empfinden, haben laut Autorin „noch nie einen Gedanken verschwendet“ über „Ursprungskonstruktion“. Sie meint damit tatsächlich – Herr lass Asche regnen! – die Entstehung eines Kindes durch Geschlechtsverkehr und die Ahnen, die aus dem Jenseits wohlwollend die gelungene Kopulation in Echtzeit betrachten. Oh je. Und weil das alles so gotterbärmlich widerlich ist und die Autorin es ja selbst bemerkt, müssen noch kurzerhand die – kein Witz! – „Schöpfungsmythen“ als Alibi herhalten.

Und Büchner würde sich im Grab umdrehen

Im Finale dieser sensationell monochromen Dark-Ages-Rede: dann die vollkommene Verabschiedung von der Moderne wie wir sie kennen. Wenn die Autorin, der ein Kinderlächeln unheimlich, ja direkt suspekt ist, in die vollen Ränge geifert, dass das Unheil, so …

„es geschehe durch höhere Gewalt und nicht vermittels eigener Entscheidung (…) ungleich bekömmlicher für das Leben (ist), das wir alle führen müssen, in dem sich Glück und Unglück, Gelingen und Misslingen als undurchschaubare Wechselbälger zeigen. Heiteres Gewährenlassen und nicht über alles, wirklich alles bestimmen zu wollen, ist geradezu der Garant für ein in Maßen gelingendes Leben. Das Glück ist eh ein flüchtiges Bürschle im Flatterhemd, welches schneller flieht, als dass man es festhalten könnte.“

Was für eine zutiefst unglückselige Autorin. Eine wahnsinnige Verschwendung eines großen Talents. Genie und Wahnsinn im Prozess der düstersten Umverteilung. Und Büchner würde sich jetzt sicher schwindelig im Grab umdrehen: „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“

Dienstag, 4. März 2014

UKRAINE – Folgt der Konflikt einem bekannten Muster?

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Fangen wir zunächst mal mit drei subjektiven Wahrnehmungen an:

Eine Bekannte, die als Teenager aus der Ukraine übersiedelte, erzählt, das sie schon als Kind beim Schiffeversenken Russland gegen Ukraine spielte. Erklären wollte sie damit eine immer schon bestehende natürliche Rivalität zwischen den Ländern. Nächste Wahrnehmung ist ein Auftritt Gregor Gysis bei Günther Jauch, der eine erschreckende Naivität an den Tag legte, die man so von dem ansonsten durch fundierte Beiträge glänzenden ehemaligen Ostblock-Politiker nicht gewöhnt ist. Und die dritte Wahrnehmung ist so dämlich, das sie anonym bleiben darf, denn sie erzählt nur von einem Stammtischler der ungefragt kundtat, das nun mit einer wachsenden Zahl ukrainischer Prostituierter zu rechnen sei, von denen er gehört hätte, das die bei deutschen Freiern besonders beliebt seien.

Konzentrieren wir uns aber zunächst einmal auf diese vielbesprochene Günther Jauch-Sendung, denn die war für viele Zuschauer die an Informationen bisher reichhaltigste Quelle über einen undurchsichtigen Konflikt, der aktuell von zu vielen Lohnjournalisten leider unisono auf diese dilettantische Gregor-Gysi-Art-und-Weise besprochen wird.

Heimat misst sich an Bewohnern

Das fand scheinbar auch Patrick Bernau für die „Faz“, der sich immerhin ganz besonders intensiv über den „Grundkurs Ukraine“ seitens der jüngsten, aber kompetentesten Diskutantin, der deutschen Piratin ukrainischer Herkunft Marina Weisband, freute.

Für die eloquente Diplompsychologin sind Einmischungen von außen in den Konflikt nicht das Mittel der Wahl. Für die Idealistin – Jugend darf das! – muss die politische Erneuerung der Ukraine aus dem Volk heraus passieren. Damit war aber schon das erste ungelöste Problem auf der Tagesordnung. Denn da wo Weisband Volk sagt, meint sie wohl eher Staatsbürger. Die Ukraine ist knapp doppelt so groß wie Deutschland bei einer halb so großen Bevölkerungsanzahl. Dreiviertel der Bevölkerung sind wohl ethnisch Ukrainer, aber in der autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol sind russischstämmige Ukrainer die bei weitem bedeutendste Volksgruppe und sunnitische Krimtataren mit heute über zehn Prozent der Bevölkerung die zweitgrößte Minderheit. So gesehen wäre eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der Krim zu Russland oder der Ukraine wahrscheinlich von jeher reine Formsache pro Russland.

Das erinnert Historiker vielleicht an die Situation des Deutsche Reiches nach dem Versailler Vertrag, wo große Gebiete mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung nicht mehr zum Reich gehörten. Eine der vielen Lunten übrigens, die Hitler nach Belieben für sein großes zerstörerisches Feuerwerk entzündete. Die Lehren daraus sind bekannt und dauern bis heute an. Überall, wo es Machträume gibt, die ethnisch nicht den Machthabern folgen, wird ermordet, vertrieben und neu besiedelt. Ethnische Säuberungen sind seitdem mehr und mehr das Mittel der Wahl geworden, will man einen neuen Status Quo erzwingen. Heimat misst sich längst nur noch an Bewohnern, nicht mehr am angestammten Land.

Aber auch über Jahrzehnte bestehende ethnische Konflikte sind nicht die Hauptursache des aktuellen Konfliktes in der Ukraine. Hier muss mehr dahinter stecken. Und einiges verweist hier auf altbekannte Muster vergleichbarer Konflikte des 21.Jahrhunderts.

Perfekt aufgestellt für die internationalen Medien

Analog zum Kairoer Tahrir-Platz und zum Istanbuler Taksim-Platz haben wir in Kiew den Majdan. Die Keimzelle der Umwälzungen, der Demonstrationen, konzentrierte sich auch in der Ukraine nicht etwa auf eine unüberschaubare Region oder Landesteile, sondern medienkompatibel auf einen überschaubaren Platz in der Hauptstadt, der dann perfekt geeignet ist, weltweit den Eindruck zu hinterlassen, wir befänden uns mitten im Zentrum eines Volksaufstandes. Volle Straßen, urbane Verwerfungen mit auffälligem Militäraufgebot usw.

Alles perfekt aufgestellt für die internationalen Medien, die in den Metropolen sowieso bereits ihre Zentralen betreiben. Zeltlager, Bühnen und nächtliches Feuerwerk tun ihr Übriges. In diesem dichten Hexenkessel reichen Aktionen weniger Provokateure von beiden Seiten für eine maximale Außenwirkung. In so einer zentralistisch gesteuerten ehemaligen Sowjetrepublik ist der Effekt natürlich noch einmal größer.

Als nächstes folgt dann in altbekannter Manier die komplette Diskreditierung des Staatsoberhauptes zum Diktator, Machthaber oder Despoten. Wir erinnern uns, weil es dieser Tage es so schnell in Vergessenheit gerät: Der Präsident der orangenen Revolution, Wiktor Juschtschenko selbst schlug 2006 Janukowytsch als Ministerpräsidenten vor. Als Ministerpräsident sprach sich eben dieser Janukowytsch anfangs sogar für den EU-Beitritt der Ukraine aus und düpierte damit Russland. Bei vorgezogenen Wahlen 2007 gewann Julija Tymoschenko und 2010 wurde erneut Janukowytsch gewählt. Vor der Wahl Tymoschenkos drohte Russland damit, die als Gegenleistung für die ukrainischen Gasleitungen nach Europa subventionierten Gaspreise deutlich anzuheben. Immerhin 80 Prozent des russischen Gasexports die nach Europa fließen werden durch die Ukraine geleitet.

Aber weiter in der erkennbaren Methodik: Die Protzvilla des Despoten fehlt nun noch. Ein perfektes Instrument, um Neid und Abscheu zu erzeugen, wie man bei Gaddafi so medienwirksam bereits durchexerziert hatte. Das quasi gleich auf der anderen Straßenseite gegenüber Janukowytschs Villa weitere, noch protziger Villen der Oligarchenfamilien stehen sollen – wie Frau Weißband berichtete – interessierte die Medien kaum. Der Grund ist einfach: Die Türen waren verschlossen. Wozu also klingeln und um Filmaufnahmen bitten?

Jetzt fehlt nur noch der finale Moment

Nächster Akt dann die unter großem Jubel und Fahnenmeere organisierte Freilassung echter oder unechter prominenter politischer Gefangener – bis heute ist ja ungeklärt, ob und welche Wirtschaftsverbrechen Frau Tymoschenko tatsächlich begangen hat – oder wahlweise die Heimkehr eines Politikers aus dem Exil. Die intensive Arbeit oder Beratertätigkeit diverser ausländischer Geheimdienste setzen wir übrigens bei all diesen Umstur-Prozessen einfach mal voraus, ohne sie im Einzelnen investigieren zu wollen.

Jetzt fehlt nur noch der finale Moment, zunächst die Heraufbeschwörung einer Kriegs- oder besser Weltkriegsgefahr, dann zeitnah, wenn die internationalen Medien richtig in Brand geraten sind, der offizielle Hilferuf einer Übergangsregierung, die dann den Einsatz ausländischer Kräfte zumindest moralisch weitestgehend legitimiert. Und siehe da, Frau Tymoschenkos soll bereits aus ihrem Rollstuhl heraus einen Hilferuf gesandt haben. Der Weg scheint also frei für eine erneute Umverteilung von Staatseigentum unter Wenigen. Putin hat damit übrigens am wenigsten zu tun. Er ist in diesem Spiel nur widerwillig zum Buhmann geworden, weil er seine angestammten Interessen schützen will. Denn den Buhmann von außen braucht es ja immer.

Sicher annehmen darf man nun, das sich in fünf bis zehn Jahren neue Gesichter aus der Ukraine melden und vielleicht irgendwo in Europa einen Fußballverein kaufen und was sonst noch so gefällt und unverschämt teuer ist. Der Lebensstandard der Ukrainer wird dabei allerdings allenfalls stabil bleiben. Stabil niedrig.

Das freut dann allenfalls den anonymen Stammtischler und Gregor Gysi, der dann wieder sagen kann, er hätte ja eh schon immer gewusst, dass das nur zu Lasten der Ärmsten gehen kann. Was für ein Trauerspiel. Arme Ukraine.

Montag, 3. März 2014

Horst Mahler: Im Februar 2014 bereits fünf Jahre in Haft

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Diesen Februar vollendete Horst Mahler sein fünftes von zwölf Knastjahren. Vom erhofften Märtyrertum ist er weit entfernt. Er gerät sogar schon in Vergessenheit. Zeit, ihn endlich freizulassen.



Nachschlag für Häftling Nr. 746/09

Ich weiß ja, die Sache ist maximal unangenehm, aber man sollte trotzdem mal darüber sprechen. Eine der schillerndsten und auch düstersten Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte, der Rechtsanwalt (heute ohne Zulassung) Horst Mahler, sitzt im Gefängnis und verbüßt dort eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren wegen Volksverhetzung und anderer – nennen wir sie mal verharmlosend – verbaler Vergehen.

Und jetzt frage ich Sie vorab: Wie kann es so weit gekommen sein, dass wir es in Deutschland wieder für nötig erachten, einen alten Mann länger als ein Jahrzehnt wegzusperren, nur dafür, dass er etwas äußert, das wir für menschenverachtenden Schwachsinn halten, während das Internet mit exakt derselben Scheiße randvollgestopft ist, ohne dass wir wirklich etwas dagegen tun könnten? Wie viel Angst zeigen wir eigentlich damit vor solchen Geisteshaltungen? Was fürchten wir? Fürchten wir am Ende, dass das, was der alte Mann äußert, tatsächlich die Kraft und das Potenzial hätte, unsere Jugend oder sogar uns selbst zu vergiften? Haben wir heute wirklich so wenig Vertrauen, dass wir annehmen, dass ausgerechnet Mahlers Thesen geeignet wären, unsere demokratische Grundordnung auf eine Weise zu gefährden, die wir nur mit dauerhaftem Wegsperren beantworten können? Mit lebenslänglich? Was ist los mit uns, was fürchten wir eigentlich? Welches Detail dieses düsteren Paralleluniversums ist in der Lage, uns eine solche Angst einzujagen? Eine Schande für uns und unser demokratisches Selbstbewusstsein.

„Ich sitze hier, weil ich hier sitzen will“

Horst Mahler wurde am 23. Januar 78 Jahre alt. Die unglaubliche Vita dieses Mannes ist den meisten in unterschiedlichen Details bekannt. Aber es gibt bis heute keine Biografie. Niemand wagt sich aus unterschiedlichsten Gründen an diese Mammut-Aufgabe.

Was das hohe Strafmaß für Mahler angeht, so bleibt bis heute fraglich, ob die Gesetzgebung tatsächlich mit einer solchen Hartnäckigkeit bzw. Unbelehrbarkeit gerechnet hatte, als sie den Paragrafen 130 StGB (Volksverhetzung) 1994 (Absatz 3: Einschränkung des Artikels 5 Absatz 1 Grundgesetz zur „Freien Meinungsäußerung“) und 2011 erweiterte bzw. verschärfte. Mahlers Strafmaß reicht an jenes heran, welches man sonst bei Totschlag und anderen Schwerverbrechen erwarten darf.

Zwölf Jahre wegen Volksverhetzung. Und anscheinend kann man für jede neue Volksverhetzung zusätzlich abgestraft werden. Die Sache summiert sich also. Für Horst Mahlers Hitlergruß, gerichtet an Michel Friedman in einem Interview, gab es dabei beispielsweise etliche Monate. Ebenso, wie für den Hitlergruß vor dem Gefängnis an ein paar rechtsradikale Zaungäste gerichtet. Die Liste ist lang. Und bizarrerweise wurde sie auch deshalb länger, weil Mahler dort, wo es keinen Kläger gab, Selbstanzeige erstattete und dazu vor Gericht äußerte: „Ich sitze hier, weil ich hier sitzen will.“

Vom Landgericht München II gab es beispielsweise sechs Jahre Freiheitsstrafe, aus Potsdam fünf Jahre und vier Monate und aus Landshut noch mal zehn Monate Freiheitsstrafe, die sich alle im Prinzip auf §130 StGB stützen – insgesamt kam so besagter Freiheitsentzug von insgesamt zwölf Jahren zusammen. Aber welche ist nun die Strafzwecktheorie, mit der man mit gesundem Menschenverstand diese zwölf Jahre begründen könnte – zu denen übrigens noch weitere kommen könnten, wie wir gleich noch erfahren werden?

Was macht man mit so einem Mann?

Es geht beim Strafvollzug darum, dem Verurteilten Haftzeit zu geben, seine Taten zu reflektieren, also um Sühne, um Resozialisierung. Und auf der anderen Seite geht es um Abschreckung und Vergeltung. Also um so etwas wie Schuldausgleich. Paragraf 46 I Satz 1 StGB besagt dabei in etwa, dass die festgestellte Schuld Grundlage für die Zumessung der Strafe sein soll. Aber was nun tun, wenn Strafe ihre Wirkung komplett verfehlt?

Ein pikanter Fall in dem Zusammenhang war der des ehemaligen „Spiegel“-Journalisten Fritjof Meyer, der journalistisch wohl so etwas wie eine Relativierung des Holocaust vornahm, dafür ausgerechnet von Horst Mahler, natürlich aus naheliegenden Beweggründen, angezeigt wurde, und straffrei davonkam mit der Begründung, Meyer würde „die Barbarei nicht relativiere(n), sondern verifiziere(n)“.

Nun relativiert Mahler nicht nur, er streitet sogar kategorisch ab. Was macht man verdammt noch mal mit so einem Mann? Horst Mahler war zudem befreundet mit einer Reihe hochrangiger ehemaliger deutscher Politiker: Seine anwaltlichen Leistungen haben die Selbstauffassung des gesamten Anwaltstandes über Jahrzehnte hinaus nachhaltig geprägt. Der Mann hat sich also tatsächlich einmal für die freiheitliche Grundordnung verdient gemacht. Da steht er mindestens in einer Reihe mit Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Klaus Croissant.

Anwälte wie der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder waren sicher auch deshalb mit Horst Mahler per Du. Aus Respekt. Schröder war es sogar, der vor Gericht die zwischenzeitliche Wiederzulassung Mahlers als Anwalt erstritt. Ex-Freund Otto Schily brachte ihm Hegels gesammelte Werke in den Knast, als Mahler noch als Linksterrorist einsaß, später standen sich beide im NPD-Verbotsverfahren gegenüber. Mahler als Anwalt der NPD, Schily als Innenminister. Mahler entschied das Duell für sich.

Dieser merkwürdig spröde Interview-Dokumentarfilm „Die Anwälte“ führte Ströbele, Schily und Mahler noch einmal zusammen, ohne dass sie dabei direkt aufeinandertrafen. Auch hier blieb ein schaler Eindruck zurück. Ausgerechnet der düsterste der drei, Horst Mahler, machte den aufgewecktesten, den offensten, den hellsten, ja, fast sogar den sympathischsten Eindruck.

Dem exzellenten Journalisten Malte Herwig, der das Talent besitzt, mit schlafwandlerischer Sicherheit und sprachlicher Raffinesse Stimmungen und Fakten miteinander in Einklang zu bringen, kommt das Verdienst zu, in Sachen Mahler ein tieferes Verständnis für dieses Gemengelage aus Links und Rechts, aus RAF und nationaler Verwirrung ein stückweit aufzudröseln. Herwigs Kunststück besteht auch darin, selbst nicht in die Schusslinie zu geraten und das, obwohl er nicht die fast schon standardisierten Psychologisierungs- und Pathologisierungsklischees im Umgang mit Rechtsradikalen bedient. Sein Artikel in der „Zeit“ über einen Besuch in der JVA bei Mahler ist Pflichtlektüre, will man sich diesem unappetitlichen Fall annähern.

Horst Mahler ist jetzt ein politischer Gefangener

Bleiben wir kurz noch bei Mahler in der JVA. Denn ausgerechnet dort gelang es Mahler, ein Buch zu schreiben, das wohl inhaltlich geeignet ist, alle seine gesammelten Straftaten, für die er derzeit einsitzt, noch einmal zusammenzufassen. Das führte zu so seltsamen Erkenntnissen wie die des Richters Andreas Dielitz vom Landgericht Potsdam, der den Computer selbst als Mahlers eigentliches Tatwerkzeug identifizierte: „Das ist so, als ob man einem Einbrecher Einbruchswerkzeug zur Verfügung stellen würde“, sagte der Jurist. Was ja im Umkehrschluss hieße, dass Mahler auch nach seiner Haftentlassung striktes Computerverbot bekommen müsste. Will man ihm zusätzlich noch die Bleistifte verbieten? Also alles, was irgendwie in der Lage wäre, Gedanken festzuhalten? Was kommt, wenn auch das versagt? Elektroschocks, um den falschen Gedanken endgültig den Garaus zu machen?

Aktuell ermittelt die Cottbuser Staatsanwaltschaft nun wegen dieses Buches und des erneuten Verdachts der Volksverhetzung gegen den Inhaftierten. Zu den zwölf Jahren können also tatsächlich noch weitere hinzukommen. Wie weit lässt sich so etwas betreiben? Kann man in Deutschland mit „verbaler Geschicklichkeit“ über 100 Jahre sammeln, selbst dann noch, wenn man bereits 78 Jahre alt ist?

Horst Mahler ist jetzt ohne Zweifel ein politischer Gefangener, wo er in Freiheit nur ein verwirrter böser Mann sein konnte. Und das war, was er immer schon sein wollte! Und was könnte dieser Horst Mahler in Freiheit Schlimmeres verzapfen, als das, was ihm ja bereits während der Haftzeit mit einem Buch besser gelungen scheint als in relativer Freiheit? Das lehrt im Übrigen auch die gesamte RAF-Geschichte: Die größte Wirkung erzielten die RAF-Kämpfer während ihrer Haftzeit. In diesen Jahren wurden die nächsten Generationen akkreditiert.

Lassen wir Horst Mahler also jetzt endlich frei, wenn das irgendwie möglich ist. Denn Freiheit für Horst Mahler bedeutet für unsere Gesellschaft außerdem, einem 78-jährigen Mann, der damit die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes bereits um ein Jahr überschritten hat, noch ein paar Momente dessen genießen zu lassen, was wir anderen ein gutes Leben nennen, und was diesem Menschen offensichtlich so gut wie nichts mehr bedeutet. Strafe hat im Falle Mahlers keinen Sinn mehr.

Und was soll dieser Mann heute noch mit seinen Äußerungen anrichten? Was verdammt noch mal haben wir zu befürchten? Dass er in unser Hirn kriecht mit seinen Ideen? Was für ein Armutszeugnis wäre das für uns? Zumal es heute keine noch so krude, unverständliche, strafbare oder kranke Aussage gibt, die im Netz nicht jedem zu jeder Zeit zur Verfügung stände. Und unter engster Bewachung des Verfassungsschutzes würde man Horst Mahler sowieso stellen, auch dann, wenn er bereits morgen aus dem Gefängnis entlassen werden würde. Empfindliche Einschränkungen, die ihm jede größere Plattform versagen, wurden bereits erfolgreich durchexerziert, so wie einst das Reiseverbot nach Auschwitz oder zur antisemitischen Teherankonferenz.

Horst Mahler, lassen Sie nun endlich ab

Tun wir uns den Gefallen. Lassen wir den Mann endlich frei. Ein juristischer Weg dafür wird sich finden. Auch ein Horst Mahler kann doch nicht immun dagegen sein, noch einmal über eine Blumenwiese zu laufen, ein Kind lächeln zu sehen, ohne diesem Kind gleich den Hitlergruß zeigen zu müssen, oder einen Sonnenuntergang friedlich beizuwohnen, ohne darüber zu schwadronieren: „Uns geht die Sonne nicht unter!“

Horst Mahler, lassen Sie nun endlich ab. Sie haben doch alles gesagt. Alles ist doch bereits für immer im Netz und anderswo aufgeschrieben. Und vertrauen Sie auf die Jugend, die wird’s schon machen. Und wenn nicht in Ihrem Sinne, dann ist das eben so. Jede Sache hat nun mal ihre Zeit.

Peter O. Chotjewitz, der am 14. Juni 80 geworden wäre, sagte einmal über Sie: „(Er hat) das Amt der Verteidigung mutig, selbstlos, bis weit in den politischen Diskurs hinein ausgeübt. Also höchstes Lob.“ Belassen wir es dabei. Überlassen wir den ganzen Rest doch nun einfach einer zukünftigen Mahler-Rezeption nachfolgender Generationen und genießen Sie das bisschen Leben, das Ihnen hoffentlich noch bleibt. Es lebt sich gut in Deutschland. Sie haben für Ihre verschiedenen Überzeugungen mehr gesagt und getan als ein einzelner Mann normalerweise erledigen kann. Nun lassen Sie es gut sein. Wenn schon nicht für Ihren inneren Frieden, dann eben für unseren.

Samstag, 22. Februar 2014

Eintracht Braunschweig – Zen, die Kunst zu verlieren.

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TO BE OR EINTRACHT BRAUNSCHWEIG

Braunschweiger sein, dass ist, mindestens in Sachen Fußball, ein Fall größtmöglicher gemeinschaftlicher Leidensfähigkeit. Denn kann man eigentlich noch brutal schöner verlieren als diese sensationell tragischen Helden aus Niedersachsens Fußballhauptstadt am Samstag in Nürnberg im wahrscheinlich entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt der Saison 2013/14?

Wohl noch nie in der Bundesliga hat ein Abstiegskandidat die wohl wichtigsten Punkte der laufenden Saison so spektakulär an einen ebenfalls akut abstiegsgefährdeten Gegner abgeben müssen. Die Sache ist schnell aber natürlich nur unter Bauchschmerzen erzählt: Braunschweigs wiedererstarkter Domi Kumbela "Torfabrik" machte zunächst nahtlos da weiter, wo er in der vergangenen Woche mit einem furiosen Eilzug zum HSV-Tor (Einsatz zweite HZ, 3 Kumbela-Tore) aufgehört hatte: 34. Minute Ecke, Kumbela, 1:0 für die Eintracht. Braunschweig aus dem Häuschen. Und noch besser: Zu dem Zeitpunkt spielte der Club bereits nach einem Foul in der 32 Minute mit einem Mann weniger.

Der Schicksalsmoment für die Eintracht kann dann ziemlich genau auf die 41. Minute festgelegt werden. Foul an Kumbela im Strafraum durch Torwart Schäfer, der eigentlich zusätzlich zum Elfer noch die rote Karte hätte bekommen müssen, aber unverdienterweise mit einer Gelben im Kasten verbleiben durfte. Also Jubel, also Elfer, also Kumbela. Und Nürnbergs Schäfer hält. Genauer: held. Die Franken nun ihrerseits aus dem Häuschen. Eine Initialzündung die die verbleibenden zehn Nürnberger zusammenschweißt? Nein, denn zunächst unterbricht der Abpfiff solche Gedanken. Halbzeit.

Und im zweiten Durchgang passierte, was nun mal passieren muss, wenn man mit maximaler Bewaffnung zurück auf dem Rasen einem zwar verunsicherten, aber brandgefährlich angeschlagenem Gegner gegenübersteht. Diese "Magie der Zehn", die bis heute noch niemand schlüssig erklären konnte, nahm seinen für Braunschweig verhängnisvollen Lauf.

Also elf Braunschweiger, von denen zunächst wohl jeder der zehn Feldspieler davon überzeugt schien, genau jener frei spielende Mann zu sein, der sich nun nicht mehr einen Gegenüber zuordnen braucht. Also Null Zuordnung und dann irgendwas um 13 Sekunden nach dem Anpfiff 1:1 und eine Minute später noch das 2:1 für Nürnberg. Dabei blieb es dann. Aus. Schluss. Vorbei.

Ach so, in diesen längsten verbleibenden 43 Minuten für Braunschweig fielen noch zwei Elfmeter. Einer auf der rechten einer auf der linken Spielfeldseite. Auch beide verschossen, also in der Partie drei verschossene Elfmeter – Rekord in der Bundesliga seit Bestehen.

Und Rekordbegeisterung in Nürnberg. Mehr als über den Sieg an sich noch über dieses gigantische Ringen. Ohne Braunschweig unmöglich! Denn nur Braunschweig hat den Spirit für solche Spiele. Nur leider ebenso oft für sich selbst, wie als Geschenk für den Gegner.

Was das nun alles bedeutet? Zumindest so viel, das, wer so ein Spiel auf so tragische Weise abgibt, eigentlich auch alle Chancen haben müsste, jedes weitere Spiel auch auf glücklichste Weise für sich zu entscheiden.

Eintracht Braunschweig hat als einzige Bundesliga-Mannschaft dieses manisch-depressive Grenzgänger-Abo, das am Ende auf wahrscheinlich herzanfallverdächtige Weise für den Klassenerhalt via Relegationsspiel sorgen wird.

Der leidensfähigste aller Bundesliga-Trainer mit dem größtmöglichen Rückhalt in seiner Stadt hätte es jedenfalls mindestens ebenso verdient, wie diese Ausnahme-Spieler und ihre völlig fußballverrückten Ausnahme-Fans in Blau-Gelb.

Montag, 17. Februar 2014

HOMOPHOBIE UND FAMILIENPOLITIK

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Eltern am Rande des Regenbogens


Erstaunlich eigentlich, dass es bisher noch keinem aufgefallen sein will. Noch mehr, da Matthias Matussek mit seiner zielgenauen Polemik „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so“ auf „Welt Online“ die Angelegenheit doch ätzend genug transparent gemacht hat und dafür auf dem Parallelgleis des Shitstorms bei bisher 23. Tsd. Facebookern den gereckten Daumen abgeerntet hat.

Eines Shitstorms übrigens, der zum ersten Mal überhaupt umstandslos die natürlichen Schranken der Schmuddelräume Facebook und Twitter hinein ins deutsche Feuilleton überwunden hat. Eine mehr als bedenkliche Entwicklung, eine neue Unkultur, aber ein anderes Thema. Denn eigentlich geht es bei dieser im Hysterie-Modus eskalierenden Homophobie-Diskussion sowieso um etwas ganz anderes, nämlich um eine unerträglich defizitäre Familienpolitik. Nur gemerkt hat es bisher noch keiner.

Die von einer Mehrheit praktizierte Lebensform

Defizitär deshalb, weil eine Vielzahl institutioneller Versäumnisse Familien jenen Rahmen verweigert, der es ihnen ermöglicht, ihre Kinder angemessen und in Würde großzuziehen und ihnen ein individuelles Rüstzeug für das Leben mit auf den Weg zu geben.

Wenn es aber nun, angefangen bei dieser elenden Diskussion um Eltern- und Erziehungsgeld bis hinüber zu diesen immer merkwürdiger artikulierten, ideologisch aufgeladenen Erziehungskonzepten, zu einer grundsätzlichen Relativierung und Infragestellung des herkömmlichen Familienmodells Vater, Mutter, Kinder kommt – das ja vorerst noch die von einer Mehrheit praktizierte Lebensform ist! – dann werden Gräben vertieft, die das hohe Toleranzpotenzial dieser Menschen beleidigt und mit Füßen tritt. Eine große geifernde Zusammenballung. Eine kritische Masse aus Dünnsinn und links-grünem Herrenreitergestus.

Gleichstellungsdiskussionen mit dem Bürger werden dann so geführt, als ginge es lediglich darum, eine bestimmte Menge und Anzahl unterstellter defizitärer Ressentiments aus den familiären Köpfen zu verbannen bzw. dafür zu sorgen, dass Kinder gar nicht auf die Idee gebracht werden, diese unterstellten elterlichen Ressentiments zu adaptieren. Kein Problem, aber ausgerechnet das setzt entweder eine engagierte elterliche Mitarbeit, sprich Planerfüllung, voraus oder es wird als das verstanden, was es ist: ein direkter Angriff auf die Autonomie der Familie, auf das Erziehungsrecht der Eltern. Auf das Kindeswohl. Umso mehr, da Eltern und Familien sich mit ihren immer vielfältiger werdenden Versorgungsproblemen sowieso schon alleine gelassen fühlen.

Die Diskussion um das Eltern- und Erziehungsgeld beispielsweise wurde auf eine so polemische und unanständige Weise geführt, dass man sie durchaus als Initial für die schmutzigen Kampftechniken aller weiteren Debatten behaupten kann. Denn auch die aktuelle Debatte um Homophobie, die Matussek mit seinem Artikel so schön nackig gemacht hat, das wird doch immer klarer, ist Fortführung dieser Auseinandersetzung mit anderen Mitteln. Es geht um die Beschneidung von Freiheitsrechten und Familienautonomie.

Familie bleibt auch im 21. Jahrhundert die erste Zelle im Staat

Ich wage mal die Behauptung, dass, wenn die Große Koalition sich auf eine familienfreundliche Politik besinnen würde, dann diese ganzen Peripherie-Gefechte schnell aus der Welt wären. Denn Toleranz ist und bleibt Wesensmerkmal der Familie. Familie ist in sich altruistisch. Immer schon gewesen. Das familiäre Zusammenleben basiert sogar zwingend auf diesen Voraussetzungen. Niemand würde heute noch ernsthaft behaupten wollen, dass ein Familienmodell, das noch auf der Autorität eines einzelnen Familienmitglieds basieren würde, Bestand hätte.

Familie ist heute eine exzellente Konfliktlösungsvereinigung. Familie bleibt auch im 21. Jahrhundert die erste Zelle im Staat, die gesellschaftliche Veränderungen in der Praxis überprüft. Familie ist generationenübergreifende Verständigung, Familie ist der Ort, der noch ausreichend Kraft besitzt, über sich hinaus zu wachsen und zu wirken. Lebensumstände positiv zu verändern. So hat eine starke Familie jedes erdenkliche Potenzial für Toleranz, sogar für Akzeptanz. Aber sie ist unbestechlich und hoffentlich auch unbelehrbar.

So lässt sich auch die Frage klären, ob es zur Meinungsfreiheit gehört, sagen zu dürfen, dass man ein traditionelles Familienbild der Schwulenehe vorzieht, ohne dass es als „Kränkung der Schwulen“ empfunden wird, so wie es in der Sendung von Maischberger insinuiert wurde.

Wer es allerdings versäumt, eine vernünftige, also eine auf Vernunft angelegte, Familienpolitik zu machen, wer Familien verunsichert, wer wirtschaftliche Bedingungen schafft, die Familien von vorneherein die Option nehmen, einen Elternteil zu Hause arbeiten zu lassen, wer Kinder mit familienfeindlicher Politik gegen die eigenen Eltern aufbringt, der verschenkt etwas, das unwiederbringlich ist, und überantwortet es Institutionen, die über eine Ideologie hinaus hoffnungslos überfordert sind.

Familie ist der Ort

Gesellschaftlicher Wandel kann nicht an den Familien vorbei geführt werden. Wer aber Diskussionen um Adoptionsrecht und Gleichstellung, um Quote und Ganztagsschule von vorneherein in Opposition zur Familie gestaltet, gestaltet Gesellschaft am Menschen vorbei.

Es ist sicher so: Ein paar ernsthafte schwule Solidaritätsinitiativen für Vater, Mutter, Kind, für Familie – solchen Familien entstammen doch auch die allermeisten Homosexuellen – würde eine Welle familiärer Sympathie und Akzeptanz in Bewegung setzen. Die Sache ist sogar erfreulich simpel: Toleranz und Akzeptanz sind Haltungen, die von Herzen kommen müssen. Es braucht heute keinen Einzelkämpfergestus, der nur auf die Durchsetzung seines eigenen Rechtes pocht. Es braucht dieses magische Denken, das immer noch viele Familien in ihrem Inneren so fest zusammenhält. Familie ist der Ort mit der stärksten Kraft für gesellschaftliche Verbesserungen. Einfach, weil er im Idealfalle den Mut und das Stehvermögen hat, Veränderungen auszuhalten, sogar mitzugestalten.

Montag, 3. Februar 2014

Matussek Abschied vom Spiegel

DER TIEFSEETAUCHER

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©Matthias Matussek

INTRO

Eigentlich weiß man wenig darüber, wie sehr diese Edelfedern – so nennt man besonders anspruchsvolle und kultivierte Schreiber – mit sich ringen müssen, bis so ein edler Text steht. Ist es jedes Mal eine große Qual, ein verlustreiches über das Alles-Geben noch hinausgehendes Schaffen?

Der ehemalige „Spiegel“-Kulturchef Matthias Matussek ist so eine Edelfeder. Und es gibt weitere. So wie den ehemaligen „Zeit“-Kulturchef Florian Illies. Was beide verbindet: Sie haben neben ihrer journalistischen Tätigkeit noch relevante Bestseller geschrieben.

Matussek besuchte Florian Illies Ende 2012 in Berlin und schrieb anschließend für den „Spiegel“ eine kleine Hymne über dessen Mega-Bestseller „1913“. Das Treffen zweier Tintengiganten, die altersmäßig fast Vater und Sohn sein könnten, ist noch einmal interessanter, weil sie trotz ihrer parallelen beruflichen Biografien unterschiedlicher kaum sein könnten. Und weil dieser Besuch in Berlin bei Illies auch viel über den Hamburger Journalisten erzählt.

Matussek beschrieb uns damals einen echten Goldjungen mit bruchloser, lupenreiner Vita. Und man konnte nur ahnen, was ihm, dem Getriebenen, dem Zweifelnden, dem immer Mit-sich-Ringenden, dabei so durch den Kopf gegangen sein muss, als er bei Illies, der mittlerweile Teilhaber des Auktionshauses Grisebach geworden war, für ein paar Stunden in die Welt des anderen eintauchte.

Das größere Talent hat zweifellos Matussek. Der Diszipliniertere hingegen ist Illies. So schreibt Matussek auch anerkennend: „Früher war Illies ein kluger Feuilletonist, vornehmlich für die ,FAZ‘ und die ,Zeit‘. Die drei Jahre, in denen er an ,1913‘ gesessen hat, waren für ihn eine immens wichtige Disziplinierung, eine Selbsterziehung zur Genauigkeit.“

Der Tiefseetaucher

Da muss dann also bei Matussek zunächst mal die Erkenntnis gewesen sein, dass Disziplin so ein Super-Talent auch relativieren kann. Drei Jahre an einem Buch zu arbeiten, das wäre für Matussek undenkbar. Denn dafür muss man unweigerlich dem brodelnden Leben, dem Außen gegenüber Scheuklappen aufsetzen. In Klausur gehen. Matusseks Klausur, da offenbart er sich so wunderbar in seiner Biografie „Als wir jung und schön waren“, ist der Exzess. Dieses sich völlig aufgeben, in der Welt verlieren, um dann aus dem selbstgewählten Tal wieder neugeboren emporzusteigen. Eine echte Ochsentour. Eine Quälerei.

Stellt man sich vor, er ränge auch mit jedem einzelnen seiner Texte so – der Mann muss viehische Kraftreserven haben. So etwas zerrt sicher an den Nerven, an der Konstitution. Oder stählt und imprägniert es? Kann man so ein tiefes Fallen ins Fremde tatsächlich trainieren?

Viele Texte dieses Matthias Matussek lesen sich wie Expeditionen ins Unbekannte. Ein großes kindliches Staunen. Ohne Angst. Aber immer entweder die totale Begeisterung oder Vernichtung, Schmerz, düsteres Pathos. Und dann wieder hellster, bis ins Kitschige bimmelnder Glockenklang. Matussek ist die Schreibmaschine.

Und wenn er der Tiefseetaucher ist, ist Illies der Ärmelkanalschwimmer. Konditioniert, aber dabei einen doppelten Schutzanzug tragend, es könnte ja eine Feuerqualle unterwegs sein irgendwo in den weiten dieser bösen Nordsee. Am deutlichsten wird das, wenn man Illies’ „Ortsgespräch“ gelesen hat. Die „Taz“ schreibt von einer „stramm rückwärtsgewandten, einfältigen Veröffentlichung“.

Aber dann kam „1913“. Ein Triumph des Willens, der Disziplin, des hundertmal geschliffenen Wortes, der fleißigsten Archivarbeit. Ein Bestseller, erfolgreicher, als alle Bestseller Matusseks zusammengenommen. Ein Weltbestseller sogar.

Wenn Matussek das Fässchen edler Portwein ist, getrunken aus dem steinernen Henkelbecher aus Auerbachs Keller, wird Illies zum hochkarätigen Danziger Goldwasser, mit abgespreiztem Finger schlückchenweise genippt aus einem dünnwandigem Meißner Porzellantässchen. Matussek die stolze Eiche, die das Borstenvieh magisch anzieht, Illies der allseits bewunderte Elfenbeinturm-David. Dort der singende barocke Katholik, hier der sinnierende fast schon weltabgewandte Lutheraner.

Matussek hinterließ dem „Spiegel“ am 27.01. einen letzten Abschiedsblues aus Havanna. Kulturkollege Lars-Olav Beier schreibt dazu: „Kraftvoll und wild wie immer bei Matussek ist dieser Text, jederzeit muss der Leser damit rechnen, dass ein Geistesblitz einschlägt. Matussek beschreibt Kuba als einen ,Scherbenhaufen‘, aber er bringt ihn aufs Schönste zum Glänzen.“

ZUM INTERVIEW:

Sprechen wir also mit Matthias Matussek über seinen Abschied beim „Spiegel“, ob er dort einen Scherbenhaufen hinterlassen hat und wie schwer der Gang war hinüber zu Springer, zur „Welt“.

„Reportagen kannten sie in der Kultur nicht“

Aber vorab soll er uns noch sagen, mit Hand aufs Herz:

Wallasch: Gab es Phasen in Ihrem Leben, wo Sie nichts sehnlicher sein wollten als ein Florian Illies?
Matussek: Sicher! Lieber aber wollte ich Mick Jagger sein. Harold Brodkey, mein leider verstorbener Schriftstellerfreund aus Manhattan, übrigens auch.

Wallasch: 26 Jahre beim „Spiegel“ – die durchschnittliche Ehedauer beträgt heute 14,5 Jahre. Aber bei denen, die es 26 Jahre miteinander aushalten, ist die Trennungsrate verschwindend gering. Herrje, wie konnte das passieren?
Matussek: Es war dann doch ein langsamer Auszehrungsprozess. Am Ende hat man sich nichts mehr zu sagen, man geht brummelnd aneinander vorbei, vermeidet Augenkontakt und träumt von Freiheit. Ich dachte ja eigentlich, ich hätte lebenslänglich. Aber das ist mir wegen guter Führung erlassen worden.

Wallasch: Erzählen Sie, wie Sie ankamen beim „Spiegel“. Erinnern Sie sich an den ersten Tag?
Matussek: Oh ja! Mann, war ich stolz! Ich kam ja vom rufmäßig lädierten (Hitler-Tagebücher) und leicht rabaukenhaften „Stern“, und die „Spiegel“-Leute trugen Anzug, oder wenigstens Sakko mit Krawatte. Und ich hatte meinen Köter dabei, weil meine damalige Freundin in einer Boutique jobbte, und dieser Köter pinkelte dem Kunstkritiker, einem sehr feinen Dr. Dr. Akademiker unter den Tisch. Gab gleich den ersten Knatsch. Ich habe sie aber ausgesöhnt mit einer Fünf-Seiten Geschichte über Syberberg und Edith Clever, das kannten die bis dahin in der Kultur nicht – dass man Reportagen schreibt.

Wallasch: Wie war der letzte Tag? Es gibt diesen herrlichen Film „About Schmidt“, Jack Nicholson räumt in der Eingangsszene sein Büro in Omaha. Gab es diesen bedrückenden „About Matussek“-Moment auch in Hamburg?
Matussek: Der letzte Moment war heute Mittag. Büro ausgeräumt, dem Pförtner die Hand gedrückt. Die Pförtner sind so wichtig, ich hab in meiner Rede auf meinem Abschiedsfest besonders einen hervorgehoben, der immer freundlich war, solo wichtig, wenigstens beim Eintritt in das Irrenhaus ein freundliches „Guten Morgen, Herr Matussek“, ich: „Guten Morgen, Herr Lewien“. Die Abschiedsrede hat mein Freund Jan Fleischhauer gehalten, und alle waren gerührt. Bis auf diejenigen, die er beleidigt hat. Nein im Ernst: Da waren doch einige Kollegen, Ressortchefs, die mir ans Herz gewachsen waren. Und fünf Chefredakteure waren da, ehemalige und gegenwärtige. Aber mit Stefan Aust bleibe ich ja zusammen, er wechselt ja auch zu Springer.

Wallasch: Hat er Ihnen mal verraten, warum er einen Narren an Ihnen gefressen hat?
Matussek: Tough love, er hat mich geschätzt, hat es sogar geduldet, wenn ich mal im Eifer laut geworden bin, weil ich immer geliefert habe, aber er hat auch mal gebrüllt, er schieße mich an den Orinocco, wenn das nix wird mit der Titelgeschichte über, ich glaube es war „Berlin als Hauptstadt“. Eine tolle Geschichte im Übrigen, die er in einem Wutanfall in die Tonne getreten hat. Da war er schlecht drauf. Aber ich kann jetzt auch verraten – damals ein paar Wochen nach 9/11 wollte er, dass ich von Rio nach NY fliege, um das Porträt einer deprimierten Stadt zu schreiben. Da hab ich ihn gelinkt. Ich war gerade mit Familie und Freunden auf dem Weg zu ein paar Tagen Inselurlaub und hatte keinen Bock. Da hab ich das Handy in den Wind gehalten und bisschen draufgeklopft und gebrüllt: „Sorry, die Verbindung bricht ab …“, und habe Urlaub gemacht.

Wallasch: Was landete nicht im Karton für zu Hause, sondern gleich im Müll?
Matussek: Eine Wackelschnee-Kugel von Neuschwanstein und eine Freiheitsstatue mit abgebrochenem Arm – sehr symbolisch, finden Sie nicht?

Wallasch: Also endgültiger Abschied von dieser Matussek’schen Deutschland-Begeisterung nach Washingtons Gnaden?
Matussek: Hören Sie auf mit Ihrem Antiamerikanismus, Herr Wallasch. Ich liebe Amerika, meine New Yorker Zeit war traumhaft, mein Sohn ist da zur Welt gekommen, er hat einen amerikanischen Pass und ist tierisch stolz darauf.

Wallasch: Sie haben in dem Vierteljahrhundert mit Hunderten von Menschen gesprochen, die Kultur weltweit prägten, wem sind Sie bis heute besonders verbunden, wer hat Sie am meisten beeindruckt?
Matussek: Bis heute verbunden bin ich ganz sicher mit Hans Magnus Enzensberger, mit Hellmuth Karasek, Elisabeth Plessen, Irene Dische … ach es sind so viele, mit denen man sich inzwischen angefreundet hat, und die bleiben einem ja.

Wallasch: Was war für Sie persönlich Ihre düsterste Stunde beim Spiegel?
Matussek: Der Moment, als einer der Jungs, die ich engagiert habe, zur Chefredaktion gelaufen ist und meine Absetzung gefordert hat, weil ich böse zu ihm war. Mir stand der CvD auf den Füßen und der hat in Paris noch an seinem Text gefummelt, und ich hab gesagt, er soll das Manuskript rübermailen, sonst hacke ich ihm die Finger ab. Der gleiche Typ hat dann später eine unglaublich angeberische Prekariatsreportage mit so Boxern und Halbwelt im Osten geschrieben, er immer mächtig mit Muckis und Hartdeutsch, aber damals hat er geflennt, und die Chefredaktion hat sich gebeugt. Auf meinem Abschiedsfest hat der damalige Chef dann gesagt, dass es ein Fehler war … das war es auch. Allerdings war ich schon angezählt. Aber ich habe einen sehr guten kämpferischen Kulturteil gemacht. Nein, das war ein ganz beschissener Verrat von einem, wie sich rausstellte, sehr beschränkten Großmaul.

Wallasch: Aber eigentlich hätten Sie es dem von Uslar schon ansehen müssen, oder? So eine grobe Physiognomie gebietet doch von vornherein besondere Obacht, oder? Besitzen Sie keinen gesunden Menschenverstand?
Matussek: In dem Fall nicht. Ich habe ihn oft bevorzugt, habe ihm Plätze eingeräumt auch gegen die anderen, habe ihm Freitage für seinen Sohn eingeräumt. Aber er hat dieses gewaltige Ego-Problem, wie ich später über einen Freund erfuhr. Es wurde lächerlicherweise offenbar um meine Videoblogs. Die fand er blöde, weil ich da eine witzige Plattform geschaffen hatte, auf der er keine Rolle spielte. Ein Kindskopf halt. Aber einer, der dir ohne zu fackeln das Messer in den Rücken rammt. Da hat diese Tante, die sich von mir im Fahrstuhl belästigt fühlte und später über ihren Posten in der Mitarbeiter-KG den Mob gegen Aust anführte – journalistisch übrigens eine Vollniete – gar nicht eine so große Rolle gespielt.

„Vor der Sechzig habe ich mich mordsmäßig erschrocken“

Wallasch: Sie müssen sich nun entscheiden: Welcher war Ihr bester, welcher Ihr schlechtester Text?
Matussek: Einer der besten war sicher die Titelgeschichte über Lady Di, die ich in zwei Tagen geschrieben hatte, ohne irgendwas vorher übers Königshaus zur Kenntnis zu nehmen. Schlechte Texte wurden im „Spiegel“ nicht gedruckt, jedenfalls nicht von mir. (lacht)

Wallasch: Welche Schlagzeile würden Sie sich selbst über Ihren Abschied beim „Spiegel“ schreiben?
Matussek: Der Alte Mann und das Mehr – ich will einfach (sehr wohl!) mitmischen, und bei der „Welt“ finde ich glücklicherweise eine sehr liberale Redaktion vor. Ich hab sie ja heute mit meinem ersten Text auf die Probe gestellt – etwas seeeehr Katholisches, um nicht zu sagen: Erzkatholisches. Das war beim „Spiegel“ nicht mehr geduldet, war nicht politisch korrekt genug. Daran wird der „Spiegel“ zugrunde gehen – an der entsetzlichen mehltaumäßigen, sozialdemokratisch-grünen politischen Korrektheit. Das ist so unaufregend, wenn man sich dauernd versichert, zu den Guten zu gehören.

Wallasch: Dürfen wir also in Zukunft nur noch purpurne Tintenflüsse von Ihnen erwarten? Das wäre schade.
Matussek: Nee, ich habe ja in den letzten Monaten bewiesen, dass ich Reporter und Journalist bin, und immer war. Meine Reportage über die Promitränke Borchardt in Berlin, mein Titel über Hesse – einer der bestverkauften des Jahres übrigens – oder meine Geschichten über Dickens und die Londoner Riots oder die Abschluss-Reportage über Kuba – das hatte alles nix mit Kirche zu tun.

Wallasch: Reicht’s für eine Frührente noch nicht? Oder einfach noch zu viel Tinte im Füller? Sie haben mehr Kulturthemen beackert als die meisten deutschen Feuilletonisten. Was soll man da überhaupt noch Neues von Ihnen bei „Welt“ erwarten?
Matussek: Ach, ich glaube, ich käme von jetzt an auch so über die Runden, aber Schreiben macht Spaß, Stören macht Spaß, Kämpfen für das, woran man glaubt, macht Spaß. Besonders, wenn es gerade nicht hip ist. Hip ist so dämlich. Das ist wie mit lautem Gebrüll durch sperrangelweit geöffnete Türen zu laufen und so zu tun, als kämpfe man auf der Barrikade. Die schlimmste Tröte in diesem Beritt ist wohl Georg Diez, ein Neukollege, der von mir mal NICHT eingestellt würde, weil ich ihn zu halbseiden fand.

Wallasch: Haben Sie ihm das vor Ihrer Kündigung schon mal auf der Toilette zugeflüstert, oder treten Sie nach?
Matussek: Ich hab ihm öfter gesagt, dass er eine Niete ist. Man nennt ihn ja den Thesen-Diez, er liest von Büchern eben meistens nur die Klappentexte und hat sofort eine angespitzte These.

Wallasch: Was könnten die Themen der Gegenwart sein, die Ihnen noch einen Bestseller entlocken? Oder liegt schon ein Manuskript in der Schublade? Worum geht’s?
Matussek: Na ja, plötzlich bin ich sechzig, oder kurz davor, ich hab mich mordsmäßig darüber erschrocken. Dachte, das könnte mir nie passieren. War übrigens bisweilen kurz davor, dass es nie passiert.

Wallasch: Werden Sie Ihr „Spiegel“-Abo behalten, damit Sie was zu lesen haben, wenn’s ruhiger wird?
Matussek: Ich habe schon in den letzten Monaten, eigentlich Jahren, den „Spiegel“ nur flüchtig oder sporadisch gelesen. So werde ich es weiterhin halten. Ich guck mir Sachen auf „Spiegel Online“ an, vor allem die Fleischhauer-Kolumnen, das Brillanteste, was die konservative Publizistik in Deutschland zu bieten hat.

Wallasch: Gefallen Ihnen eigentlich auch mal Sachen von Journalisten, die Sie nicht mögen? Oder ist „mögen“ Bedingung für den Matussek’schen Qualitätscheck?
Matussek: Komischerweise mag ich die Kollegen, deren Texte tatsächlich gut sind. Alexander Smoltzcyk z.B. oder Alexander Osang, ganz große Reporter und Freunde.

Wallasch: Was haben Ihnen die Kollegen zum Abschied geschenkt?
Matussek: Die Kollegen von der Dokumentation haben mir eine „Korinthenkacker“-Maschine geschenkt, so einen umgebauten Kaugummi-Apparat mit Korinthen drin, weil ich sie oft als Korinthenkacker beschimpft habe. Das waren schweißtreibende Sessions, für alle Beteiligten. Aber ohne sie wäre ich aufgeschmissen gewesen.

Wallasch: Was hat Ihnen der Kulturchef des „Spiegel“ mit auf den Weg gegeben, was der Chefredakteur?
Matussek: Ach der Kulturchef Lothar Gorris … wir hatten unsere Brüll-Duelle, aber er war ganz okay. Er konnte halt nichts mit mir anfangen, ich war ihm nicht hip genug. Aber er hat meine Texte – bisweilen knurrend – gedruckt. Tja, und der neue Chefredakteur Wolfgang Büchner, dem ich von Herzen alles Gute wünsche – leicht wird er es nicht haben – hat mir ebenfalls viel Glück gewünscht. Ich glaube, er hätte mich gerne gehalten. Das Problem war der Stellvertreter. Ironischerweise ist der jetzt gerade entmachtet worden. So ist das Business.

„Der Kulturchef fährt Maserati“

Wallasch: Stimmt das Gerücht, dass Ihr Kollege Georg Diez darauf bestanden hat, Ihren angestammten Parkplatz zu übernehmen, weil der direkt neben dem des Kulturchefs liegt?
Matussek: Jawoll. Er fährt so einen knallroten Angeber-Golf mit Heckflossen und Aufklebern von „Occupy“ und von den „Arctic Monkeys“. Der Kulturchef fährt Maserati. Ich glaube, Diez spart schon auf einen. Ich hatte ihn mal in einer nächtlichen Facebook-Notiz, nachdem er Krachts „Imperium“ auf nazinahes Gedankengut geröntgt hatte, als eifernden Denunzianten bezeichnet. Was er ja auch vom Kern her ist. Großes Aufheulen beim Kulturchef. Aber Diez ist nun mal ein Schienbeintreter, der sich mutig findet, wenn er die wunderbare Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff als kreischende schwäbische Hausfrau beschimpft und den wunderbaren Woody Allen ein für alle Male abräumt, weil er nie ausgebeutete dominikanische Putzfrauen zeigt – auf so etwas muss man erst mal kommen.

Wallasch: Na ja, bei Woody Allen hätten ihm tatsächlich naheliegendere Massenvernichtungswaffen einfallen können, oder?
Matussek: Nein, Woody Allen wird immer besser, „Midnight in Paris“, wunderbar, und jetzt das Ding mit Cate Blanchett erst recht („Blue Jasmine“).

Wallasch: Hat die nette alte Dame im Sekretariat geweint?
Matussek: Die nette alte Dame war mal eine nette junge Dame, vor zwanzig Jahren, damals habe ich sie in meinem Buch „Palasthotel“ verewigt. Sie schreibt selber Romane. Leider ist sie vor einigen Monaten ausgeschieden, und ich habe geweint.

Wallasch: Wie ist das, wenn Sie weinen? Ansehnlich? Manche weinen ja schön. Andere weniger.
Matussek: Na ja, echt geweint habe ich bei „Once upon a time in the west“, als Jason Robards tot aus’m Sattel fällt.

Wallasch: Vielen Dank für das Gespräch.

Montag, 16. Dezember 2013

URSULA VON DER LEYEN - Leichen pflastern ihren Weg

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich habe mich jedenfalls über diese Große Koalition samt Koalitionsvereinbarung und SPD-Pseudo-Demokratie-Parteimitgliederbefragung dermaßen geärgert, dass ich vollkommen davon überzeugt war, diesen Mist könne man nicht mehr toppen.

Falsch gedacht. Und ja doch, es kann immer noch schlimmer kommen und als man glaubt. Denn ich hatte Ursula von der Leyen nicht mehr auf dem Plan. Die niedersächsische Unions-Polittrutsche war mir einfach hinten durchgerutscht. Ich hatte sie schlicht vergessen.

Mutter der Kompanie

Umso unangenehmer jetzt der Überraschungseffekt, als die Betonfrisierte nun völlig unbefleckt aus dem Schlammbad dieser BRD-Volkskammervereinigung emporstieg, wie Phoenixa aus der Asche, wie die freikirchliche Version einer verhärmten Marilyn Monroe aus einer ungezuckerten Diabetiker-Torte. Adrett lächelnd bis zur Selbstaufgabe. So sehr staubige Bonner Republik, dass Berlin gefühlt wieder so weit entfernt liegt, wie vor dem Mauerfall.

Diese von der Leyen soll nun Merkels „Kronprinzessin“ sein, wie der „Spiegel“ zu berichten weiß. Autor Roland Nelles weiß sogar, dass die Union, dass Merkel mit dieser geschickten Personalie eine Reihe von Problemen lösen kann. Von der Leyen sei sogar „eine der beliebtesten Politikerinnen in Deutschland“. Wie bitte? Schaut man sich die dazugehörigen Rankings an, steht das da tatsächlich. Allerdings wenige Plätze hinter ihr ist dort auch Claudia Roth platziert. Seien wir ehrlich, was bitte schön kann so ein Ranking mehr als Fälschung entlarven, als die Behauptung, Claudia Roth wäre eine beliebte Politikerin?

Diese von der Leyen soll nun Thomas de Maizière als Verteidigungsministerin (oder schreibt man hier korrekt „-ministerIn?“) ablösen. Dort, so prognostiziert Nelles, dürfte sie sich schon bald „als ‚Mutter der Kompanie‘ profilieren und bei den Soldaten Punkte machen“. Das allerdings fand ich dann wieder passend.

Denn da bekommt diese so planlos von de Maizière zugedrohnte Bundeswehr exakt die Jeanne d’Arc, die sie verdient hat: Eine ausgebildete Medizinerin mit Leichen-Erfahrung, wie Milliardär und Dauerverlobter der Ferres, Carsten Maschmeyer in der Sonntagsausgabe der „FAZ“ stolz verriet: „Wir standen als Medizinstudenten im Anatomiekurs an der gleichen Leiche. Wir mochten uns, lange bevor absehbar wurde, was aus uns wird.“ Maschmeyer brachte sein Studium nicht zu Ende, er hatte Wichtigeres mit dem Niedersachsen – herrje, was hat Deutschland bloß diesem Land angetan, dass es so von ihm bestraft wird? – Gerhard Schröder zu verhandeln.

Die personifizierte Spießigkeit

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Von der Leyen promovierte mit der Doktorarbeit: „C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung“. Und es darf hier als sicher gelten, dass diese Arbeit der siebenfachen Mutter als unantastbar plagiatsfrei gilt. Ein Kind mehr, und sie hätte sich in düstereren deutschen Zeiten das Mutterkreuz der ersten Stufe in Gold verdient. Und sie hätte es zu jedem Anlass getragen, da bin ich völlig sicher.

Ehrlich, ich weiß wirklich nicht, ob es überhaupt noch eine öffentlich auftretende weibliche Deutsche gibt, die mir unangenehmer ist als diese Frau. Die personifizierte Spießigkeit. Jedwede emotionale Regung planvoll konstruiert. Aufgesetzt, mit diesem Queen-Elisabeth-Gestus, dass man sofort wild gestikulierend abwinken möchte. Fremdscham sogar schon bei der bloßen Erwähnung ihres Namens.

Entschieden für Christus

Aber es kommt noch schlimmer: In Gegenwart dieses Hannoveraner Vollblutes färbt irgendwas auf Mutti über, das einfach zu viel ist. In Gegenwart von Ursula von der Leyen mag man Mutti nicht mehr. Das ist besonders unverzeihlich. Und eben das genaue Gegenteil eines geschickten Schachzuges, wie es der „Spiegel“ felsenfest behauptet. Im Doppelpack machen die beiden Damen nämlich einen übel verschwörerischen Eindruck. Die beliebte Pastorentochter verschießt jeden Bonus, wenn sie sich mit der evangelischen Schirmherrin des evangelikalen Jugendkonkresses Christival zu so einem katastrophalen Triumphmarsch femininerprotestantischer Ethik zusammenschließt.

Stichwort Christival, das ist jene Vereinigung, die sich unter anderem noch vor wenigen Jahren berufen fühlte, Homosexualität heilen zu wollen und die von der Ministerin mit einer viertel Million Euro bezuschusst wurden. Ja doch, von der Leyen ist auch als evangelikale Missionarin unterwegs. So meint eine Stellungnahme des Deutschen Jugendverbandes „Entschieden für Christus“: „Der Jugendkongress ,Christival‘ steht für innovative Jugendarbeit in unserem Land und trägt dazu bei, dass junge Menschen ermutigt werden, als Christen zu leben und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.“

Und dann passiert, was nie passieren sollte, man ist in diesen ödesten aller Politikkosmen eingedrungen und gefangen. Paralysiert. Man recherchiert und findet sich in dieser sturen niedersächsischen von der Leyen’schen Parallelgalaxie wieder. Mentale Verwandtschaft mit dem Gelsenkirchener Barock. Mit der verblichenen Aura Bonner Tütenlampen und Nierentischchen. Grabeskälte in leuchtendem Sakralweiß. Adenauer 1963 aufgepimpt auf Merkel 2013.

Kanzlerin und Oberbefehlshaberin

Und obendrein ein zumindest aus werblicher Sicht unverzeihlicher Merkel’scher Personalien-Supergau. Alles wäre besser gewesen. Klarer. Und dabei hätte es sogar eine Chance für einen kühnen Moment gegeben. Denn wenn es Superministerien gibt, warum nicht als Neuerung mal eine Superkanzlerin? Als Unions-Gegengewicht zur eklatanten Konturschwächung durch die Koalitionskumpanei mit der SPD.

Warum also nicht mit maximalem Mut zur Veränderung die symbolträchtige Vereinigung von Kanzleramt und Verteidigungsministerium? Angela Merkel macht den mauen zweiten Aufguss einer lähmenden Großen Koalition zum Gipfel ihres Erfolges: Die Wiedervereinigung von Kanzlerin und Oberbefehlshaberin. Sie meinen, das gab’s alles schon mal? Was soll’s, wen interessieren die ollen Kamellen? Zu wenig Vorsehung?

Papperlapapp, dem Volk würde es gefallen. Und im Ranking würde Merkel dann auch wieder flott an diesem Mensch gewordenen Shar-Pei vorbeiziehen. An diesem Vorsehungspastor Gauck, der allerdings einen unschlagbaren Erfolg vorweisen kann, den ihm keiner mehr nehmen kann: Er hat diesen ominösen evangelikalen Niedersachsen vom Bundespräsidenten-Thron gedisst.

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