Samstag, 12. Mai 2012

Mutter ohne Wert - Vergesst Muttertag - von RA Heinrich Schmitz

Ich finde: Schöner als Blumen, was Heinrich hier zum Muttertag präsentiert. Ein gute Sohn und Vater. Hut ab!

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VON RA HEINRICH SCHMITZ

Haben Sie heute auch schon ihre liebe Mutter und den Blumenhändler beglückt ?

Muttertag, Ehrentag aller Mütter - was für ein seltener Blödsinn. Mütter haben doch in der Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland einen
Stellenwert von äußerst untergeordneter Bedeutung: Klar, sie sind absolut notwendig, ohne sie stirbt Deutschland auch ohne sarrazinsche
Überfremdungsphantasien aus, aber was sind sie uns denn wirklich wert ?

In Euro, nicht in Muttertagsreden und Blumensträußen ? Eher wenig.

Machen sie sich einmal den Spaß und fragen die Rentnerinnen in ihrer Nachbarschaft nach der Höhe ihrer Rente, einfach so. Und dann fragen sie
mal diejenigen mit den niedrigsten Renten, ob sie Kinder haben. Sie werden sehen, die werden ihnen das bestätigen. Ist ja auch nicht leicht,
gleichzeitig Kinder zu bekommen, groß zu ziehen und auch noch kräftig in die Rentenkasse einzuzahlen.

Halt, werden sie sagen, Mütter bekommen doch Erziehungszeiten angerechnet. Stimmt, aber das ist nicht mehr als ein kleines Tröpfchen auf den heißen Stein der Altersarmut.

Für Kinder, die vor 1992 geboren wurden bekommt eine Mutter ein Jahr angerechnet, für die danach geborenen immerhin drei Jahre. Für die übrige Zeit, in der die Mütter sich um ihr Kind statt um ihre Karriere gekümmert haben, bekommen sie einmal im Jahr einen Blumenstrauß, und den
auch nicht vom Staat. Der nimmt lieber von den Kindern der Mütter Steuerzahlungen entgegen. Und wenn die Mutter dann später einmal
heimpflegebedürftig wird, nimmt er von den Kindern auch wieder Geld.

Schließlich geht's ja um ihre Mutter, da sollen die mal schön die Pflegekosten aufbringen. Da hat der Staat doch nichts mit zu tun.

fffffgggg

Die Kinderlosen, die schon gerne auf den alljährlichen Klassentreffen auf die "doofen" Mütter herabgesehen haben, die sich auf Kinder und Familie konzentriert haben, können da erneut süffisant lächeln. Ihre Rente ist ja viel höher - und wenn sie trotzdem nicht für's Heim reichen
sollte, zahlen ja die Kinder der "doofen" Mütter über ihre Steuern für die anderen noch mal mit. Wer soll's denn sonst zahlen ?

Das ist unfair den Müttern gegenüber und ungerecht gegenüber deren Kindern. Da müssten doch eigentlichdie Mütter rebellieren und auf die
Straße gehen, zum Beispiel am Muttertag, so wie es die Arbeiter früher am 1.Mai gemacht haben, bevor sie nur noch mit roten Nelken im Knopfloch
zum Frühschoppen wankten um die alten Kampfgesänge anzustimmen. Tun sie aber bisher nicht, sind halt brave Mütter.

Und die Regierung, der Staat, die Parteien ?

Die entwickeln immer wieder ganz tolle Ideen für die Mütter. Ein Betreuungsgeld soll her, damit die Mütter, die nicht arbeiten und statt
dessen zu Hause bei ihren Kindern bleiben einen Ausgleich bekommen. Erst 100.--€, später 150.--€. Das ist doch eine prima Sache, oder ?. Nein,
ist es nicht. Es ist nur eine unglaubliche Verarsche. Selbst wenn die zu Hause betreuende Mutter das Geld umgehend in die Rentenkasse einzahlen würde, wäre ihr Rente nur minimal höher.

Richtig die Sau raus lassen geht mit 150.--€ im Monat, statt eines Durchschnittsgehalts, auch nicht wirklich. Was soll also dieser Unfug, der den Staat zwar etwas Geld kostet, den Müttern aber nichts richtiges bringt ? Augenwischerei mehr nicht.

Welche halbwegs intelligente Frau, die nicht zufällig von Hause aus zu viel Geld hat oder ohnehin dauerhaft von Sozialhilfe leben möchte, wird denn noch mehr als höchstens ein Kind bekommen wollen, wenn sie dafür bei der Altersversorgung mitAlmosen abgespeist wird ?

Warum sind Mütter, die ihre Kindervor 1992 geboren haben , eigentlich weniger wert, als
die, die erst danach gebärten ?Gab's nicht einen Gleichheitssatz in der Verfassung ? Alles Fragen, die einen geradezu anspringen.

fffggbb

Die richtigen Antworten kann nur der Staat geben. Warum sollte nicht jede Mutter soviel Erziehungszeiten angerechnet bekommen, wie sie auch tatsächlich geleistet hat ? Sagen wir mal 6 Jahre pro Kind ? Glaubt irgendjemand, vor 1992 wäre die Zeit der Erziehung eines Kindes nach
einem Jahr abgeschlossen gewesen und nach 1992 nach drei Jahren ? Wohl kaum.

Mütter werden in einem geradezu verfassungswidrigen Maße schamlos vom
Staat über den Tisch gezogen und dass, obwohl die Familie in Art. 6 GG unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung steht und - Mütter
aufgepasst ! - esin Art. 6 Abs. 4 GG sogar lautet: "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft." Das steht da
wirklich.

Und kümmert es einen ? Adenauer glaubte noch , "/Kinder/ kriegen die Leute sowieso." , was er nur glauben konnte, weil zu seiner Zeit
Verhütung Glückssache war, heute glaubt das niemand mehr. Wer Kinder will, muss Mütter wollen und wer Mütter will, muss sie finanziell
absichern. Kinder zu bekommen ist eben mehr als ein Privatvergnügen, es ist auch eine notwendige Voraussetzung für den Erhalt des eigenen
Volkes.

sssssssssssssss1
http://view.stern.de/de/picture/1528646/Babyfoto-Ich-mein-Baby-Schwarz-People-510.jpg

Es ist auch nicht damit getan, dass Mütter ihre Kinder betreuen, wie das Betreuungsgeld suggeriert, sie müssen sie auch noch erziehen.
Das ist Arbeit, unbezahlte Arbeit, eine Art zwangsweises Sonderopfer.

Ja wer soll das denn alles finanzieren ? Wie wär's denn, mit denjenigen, die auf den Klassentreffen lächeln, die kinderlos Karriere gemacht haben und ihren niegelnagelneuen Porsche neben dem Kinderwagen parken ? Warum sollten nicht die Rentenbeiträge für kinderlose Menschen, egal ob Männer oder Frauen, höher sein, als die für Mütter ?

Die Kinderlosen profitieren doch davon, das andere ihnen die Steuerzahler gebären, die
später nicht nur für ihre Renten, sondern auch für ihre Pflege aufkommen müssen. Klar, es gibt natürlich auch ungewollt Kinderlose ( und es kann
und darf auch keinen Zwang zum Kinderkriegen geben ) , aber auch die können halt mehr Geld verdienen und höhere Einzahlungen in die
Rentenkasse leisten, als die Mütter.

Die höhere Belastung der Kinderlosen in der Rentenkasse ist auch weder eine Strafe, noch sonst systemwidrig. Bei der Steuer gibt es ja auch Vorteile für Eltern.

Gleichzeitig könnten man noch den überflüssigen Splittingvorteil für kinderlose Ehepartner oder Lebenspartnerschaften abschaffen. Dafür
gibt's nämlich keinen vernünftigen Grund. Die kinderlosen Paare egal ob homo- oder heterosexuell haben durch ihr Zusammenziehen schon genügend Synergievorteile, da braucht es nicht noch zusätzliche Zückerchen.

Und kinderlose Paare sind für den Fortbestand des Volkes und des Staates eben weniger wichtig, als sich vermehrende Nichtpaare.

Jedes Jahr an Muttertag frage ich mich, wann sehen die Mütter vor lauter Legosteinen einmal diese Ungerechtigkeit, wann stehen die Mütter endlich einmal auf, schmeißen ihr blöden Blumensträuße vor das Kanzleramt und den Reichstag und fordern ihr Recht ? Sei es auf der Straße, sei es vor dem Bundesverfassungsgericht. Ich bin sicher, da geht noch was ! Allen Müttern, einen schönen Tag !

VON RA HEINRICH SCHMITZ


Sonntag 13. Mai 2012 16:45 Uhr
Nachtrag: Lieber Heinrich, das hier habe ich an Muttertag in einem Lokal im Harz fotografiert. Also viele Muttertagsrüße von Alexander
dddddggggg1

Freitag, 11. Mai 2012

Schöner Blog! Mal was fürs Gehirn.

Philgrundsyst's Blog

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Suche nach Erklärungsmodellen für Systemische Strukturaufstellungen – SySt

BITTE HIER KLICKEN:
https://philgrundsyst.wordpress.com/2012/03/04/zeit-sinn-und-synchronizitat/

Bildschirmfoto-2012-05-11-um-14-38-30
BERNHARD VON GURETZKY

Mittwoch, 9. Mai 2012

WARNSCHUSS! - In den Ofen? – von RA HEINRICH SCHMITZ

Wunderbar, unser RA Heinrich Schmitz erklärt, was wirklich dahinter steckt. Wie immer informativ, unterhaltsam und nachdenklich machend!



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http://new.topnews.de/wp-content/uploads/2009/09/a2009092020325741735.jpg

Warnschuss - In den Ofen ? von RA Heinrich Schmitz

Am 18. April beschloss das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf zur Erweiterung der jugendgerichtlichen Handlungsmöglichkeiten, der am
27.4.2012 von den Koalitionsfraktionen in den Bundestag einbracht wurde.

http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/093/1709389.pdf

Neben einer Erhöhung der Jugendstrafe für schwerste Straftaten von Heranwachsenden - also jungen Volljährigen zwischen 18 und 20 Jahren -
von 10 auf 15 Jahre, enthält der Entwurf die Möglichkeit , zusätzlich zu einer Bewährungsstrafe einen Arrest zu verhängen, den sogenannten "Warnschuss"-Arrest.

Diese geplante Änderung ist insoweit etwas neues, als es das bisherige Sanktionensystem des Jugendstrafrechts sprengt. Bisher galt ein
dreistufiges System, angefangen von Erziehungsregeln über Zuchtmittel bis zur Jugendstrafe. Bei kleineren Delikten wie z.B. Ladendiebstahl einer geringwertigen Sache reicht es in der Regel aus, dem Jugendlichen
eine eindringliche Ansprache zu teil werden zu lassen, um ihn wieder auf die richtige Schiene zu setzten.

Bei etwas schwereren Fällen, bei denen aber keine schädlichen Neigungen erkennbar sind, werden die sogenannten Zuchtmittel , also z.B. der Jugendarrest eingesetzt. Und bei den ganz schlimmen Jungs ( Entschuldigung an die Feministinnen, aber bei Mädels
ist das ganz selten ) , also denen wo die schädlichen Neigungen vorliegen oder wo die Schuld besonders schwer wiegt, gibt's die
Jugendstrafe.

Bisher war es wegen der Mehrstufigkeit dieses Systems nicht möglich,neben einer Jugendstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann, weil
das Gericht erwartet, dass der Verurteilte alleine wegen der offenen Bewährung keine weiteren Straftaten mehr begehen wird, ein Zuchtmittel in Form eines Jugendarrestes zu verhängen. Das sah das Gesetz einfach nicht vor.

Zwar konnte man den Verurteilten mit Geldauflagen, sozialen Trainingskursen oder auch einer Menge an Sozialstunden an seine Verurteilung erinnern, man konnte ihm aber nicht einfach einmal zeigen, wie es sich denn so in Gefangenschaft lebt. Das kommt bei vielen
Jugendlichen in der Tat so an, als wären sie gar nicht bestraft worden.

Auf den ersten Blick scheint der Gesetzentwurf also eine sinnvolle Sache zu sein. Aber wie das oft so mit dem ersten Blick aussieht - der zweite
und der dritte Blick bringen mehr.

Dass das bisherige Sanktionensystem unlogisch durchbrochen wird - geschenkt. Das stört nur den Dogmatiker im Juristen, der logische Systeme bevorzugt. Oder ? Ist es nicht nachvollziehbar, dass die Erwartung des Gerichts, jemand werde künftig ohne Haft keine Straftaten mehr begehen geradezu einen Arrest erfordert ? Ach nee, passt irgendwie nicht.

Aber, dass die Gesetzesänderung in der Praxis trotz des innovativen Ansatzes nicht viel bringen wird, ist leider schon abzusehen.

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http://www.smh.com.au/ffxImage/urlpicture_id_1067233323165_2003/10/30/31snap_chaingang,0.jpg

Der neue Warnschuss-Arrest soll innerhalb von drei Monaten nach der Rechtskraft des Urteil begonnen werden, was bedeutet, dass eine
Verbüßung nicht mehr erfolgt, wenn nach der Rechtskraft des Urteils drei Monate vergangen sind. Auch hier ein auf den ersten Blick guter Gedanke nach dem Motto "Die Strafe folgt auf dem Fuße". In der Praxis dürfte das aber kaum machbar sein.

Bis jetzt liegen zwischen Rechtskraft des
Urteils und dem Antritt eines Jugendarrestes nach meiner persönliche Erfahrung mindestens drei Monate. Wohlgemerkt nach der Rechtskraft des
Urteils, nicht etwa nach der Tat. Die liegt dann oft schon ein Jahr und länger zurück, was im Leben eines Jugendlichen eine verdammt lange Zeit
ist.

Wie der Arrestantritt zukünftig beschleunigt werden könnte, ist zwar klar, aber wohl für die zuständigen Länder nicht finanzierbar. Es müsste
nämlich deutlich mehr Jugendstaatsanwälte, Jugendrichter, Jugendgerichtshelfer und Jugendarrestanstalten geben. Das wäre zwar eine
schöne Sache, aber bisher war das kein Thema. Als ob für so was plötzlich Milliarden locker gemacht würden, das sind doch keine Banken.

Neben dem Ziel, dass die Jugendlichen und Heranwachsenden schon mal einen Schnupperkurs im Knast absolvieren sollen, quasi als
Abschreckungspratikum gegen künftige Berufskriminelle, verfolgt der Entwurf nach Fraktionsangaben noch zwei weitere hehre Ziele.

"Zum einen, die Jugendlichen eine Zeit lang aus ihrem Alltag und dem damit verbundenen, meist "schädlichen Umfeld" herauszunehmen. Zum
anderen können, so die Annahme, die Betreuer im Strafvollzug zumindest einige Tage oder Wochen lang "gezielt erzieherisch" auf die Jugendlichen
einwirken. "
http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2012/38653492_kw16_sp_straftaeter/index.html

Ach wie nett. Der Arrest dauert als Dauerarrest maximal vier Wochen. Das ist ja keine besonders lange Zeit. Kürzer als die Sommerferien. Klar,
aus dem Umfeld wäre der Jugendliche dann 4 Wochen raus, aber was soll das denn bringen ? Danach ist er ja wieder drin. Änderung des Umfeldes wäre eine gute Lösung, oder ? Verzeihung, falsches Thema.

Noch lustiger und schon geradezu vermessen ist die "Annahme", die Betreuer könnten "einige Tage oder Wochen gezielt erzieherisch auf die
Jugendlichen einwirken " - ja sicher. Abgesehen davon, dass der bisherige Arrest mir nicht durch besondere erzieherische Einwirkung auf meine jugendlichen und heranwachsenden Mandanten aufgefallen wäre. Wie soll das denn gehen. Ein Instant-Erziehungsprogramm ? Wer soll das
machen ?

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http://www.schwaebische.de/cms_media/module_img/1042/521413_1_articleorg_B82838623Z.1_20120229190354_000_GLSOJB81.1_0.jpg


Für jeden Arrestierten eine Supernanny ? In den sechs Jugendarrestanstalten des Landes NRW werden auf insgesamt 254 Arrestplätzen bisher jährlich etwa 8600 Arreste verbüßt, also pro
Arrestplatz knapp 34.Viel mehr geht da kaum. Die personelle Ausstattung der Arrestanstalten ist nicht besonders prickelnd, so dass die meisten
Rückkehrer aus dem Arrest eher von Langeweile als von dem Versuch einer Erziehung berichten.

Ob es nach der Gesetzesänderung mehr Geld vom Bund
gibt, für Blitz-Erzieher, Psychologen, Beschäftigungstherapeuten etc. ? Ich würd's gern glauben, tu's aber nicht.

Bisher hat es noch kein Bundesland geschafft, ein vom Bundesverfassungsgericht bereits 2006 gefordertes Gesetz /zum Jugendarrestvollzug zu schaffen/. Da wird bisher ohne gesetzliche
Grundlage hantiert. Jedes Bundesland macht so aufgrund einer einfachen bundesweiten Verwaltungsvorschrift vor sich hin. Es ist also auf Landesebene keineswegs geregelt, dass zumindest der Versuch unternommen wird, an den Eingelochten rum zu erziehen. NRW hat wenigstens als erstes Bundesland mal einen Gesetzentwurf zum Jugendarrest eingebracht.

Der Entwurf der Koalition wird übrigens als Maßnahme gegen eine steigende Jugendgewalt verkauft. Das macht sich besonders in
Wahlkampfzeiten gut. Law & Order. Irgendwie nur blöd, dass die Jugendgewalt nur gefühlt ansteigt, tatsächlich aber seit Jahren zurück geht.

Dass bisher die Rückfälligkeit nach Arrest höher ist als nach sinnvoll gestalteter Bewährungszeit, ist auch nur so eine lästige Tatsache.

Auf den zweiten und dritten Blick wirkt der Entwurf daher wie eine Mogelpackung. Draußen steht, wir tun was gegen Jugendgewalt, drinnen ist
nur viel heiße Luft. Wer wirklich was gegen Jugendgewalt tun will, darf nicht nur populistisch für härtere Strafen sorgen, er muss sich um die Lebensbedingung der Kinder und Jugendlichen sorgen, sonst ist der Warnschuss nur ein Schuss in den Ofen.

von RA Heinrich Schmitz

Samstag, 5. Mai 2012

Scheiß Deutsche - Volksverhetzung und Meinungsfreiheit von RA HEINRICH SCHMITZ

Einfach großartig, was uns der gute SPIEGEL TV Anwalt Heinrich Schmitz wieder zusammengefasst hat. Hier also als direkt Antwort auf meine albernen "Erregungszustände" einen Artikel zuvor.

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http://deutschlandecho.org/wp-content/uploads/2011/08/Scheiß-Deutsche.jpg

von RA HEINRICH SCHMITZ
Es kommt immer wieder vor, dass Deutsche von Migranten - die möglicherweise selbst bereits deutsche Staatsbürger sind - als "Scheiß-Deutsche" beschimpft werden. So ging es zum Beispiel gestern Alexander http://wallasch.twoday.net/stories/kein-schoene-tag

Und es kommt auch immer wieder vor, dass dann die Frage gestellt wird, ob der schlimme Schimpfer sich dadurch nicht wegen Volksverhetzung strafbar gemacht hat.

Klingt ja auf den ersten Blick auch ganz nachvollziehbar , Volk = Deutsch , Verhetzung = Scheiß . Aber nicht alles, was auf den ersten
Blick einleuchtend erscheint, hält einem zweiten Blick stand.

Es kann keinen ernsthaften Zweifel daran geben, dass die Bezeichnung "Scheiß-Deutscher" eine strafbare Beleidigung ist, denn mit dieser
Bezeichnung erklärt der Schimpfer seine deutliche Missachtung dem Beschimpften und seiner Nationalität gegenüber. Es ist also eine
Straftat, die auch auf Antrag verfolgt werden kann.

Der Antrag muss innerhalb von 3 Monaten gestellt werden, sonst ist es nichts mehr mit der Strafverfolgung. Bei einer Verurteilung drohen bis zu 2 Jahren Freiheitsstrafe. Das ist ja schon mal was, aber manchem nicht genug.

Aber, für eine strafbare Volksverhetzung, für die es eine Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren geben kann, muss es dann doch noch deutlich mehr dazu kommen.

Die Volksverhetzung ist gemäß § 130 StGB strafbar http://dejure.org/gesetze/StGB/130.html .

Die Beschimpfung "Scheiß-Deutsche" als Volksverhetzung könnte allenfalls theoretisch im § 130 Abs. 1 StGB untergebracht werden, wo es heißt,

(1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

1.
gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen
Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorgezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder
Willkürmaßnahmen auffordert oder

2.
die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner
Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

letztlich scheitert das aber - und zwar völlig zu recht.

Dass der öffentliche Frieden gestört werden könnte, wenn in einer verbalen Auseinandersetzung von "Scheiß-Deutschen" die Rede ist, ist kaum zu erwarten. "Der öffentliche Friede bezeichnet sowohl einen objektiv feststellbaren Lebenszustand allgemeiner Rechtssicherheit und
des frei von Furcht voreinander verlaufenden Zusammenlebens der Staatsbürger als auch das Vertrauen der Bevölkerung, in Ruhe und Frieden
leben zu können"( LK § 130 StGB Rn.3 ) . Beides ist erkennbar nicht dadurch gefährdet, dass ein einzelner oder ein paar Deutsche mit dem
Zusatz "Scheiß" tituliert werden.

Die Menschenwürde des Beschimpften wird durch diese Beleidigung ebenfalls nicht angegriffen, da alleine eine beleidigende Beschimpfung
dem Beschimpften weder die Daseinsberechtigung abspricht noch zu seiner Vernichtung aufruft..

Das mag zunächst für juristische Laien etwas merkwürdig erscheinen, es hat aber einen tieferen Sinn, der aus dem Grundrecht der
Meinungs(äußerungs)freiheit entspringt.

Die Vorschrift des § 130 StGB, also die Strafbarkeit der Volksverhetzung, ist alles andere als unumstritten, da sie - über die
normale Beleidigung hinaus - eine erhebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit bedeutet. Es gibt in der juristischen Literatur reichlich ernst zu nehmende Stimmen, die die Vorschrift für
verfassungswidrig halten. Das BVerfG sieht das bisher anders, betont aber, dass die Vorschrift stets vor dem Hintergrund des Grundrechts äußerst einschränkend auszulegen ist.

Die in Artikel 5 GG geschützte Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht, das garantieren soll dass die öffentliche Meinungsbildung nicht staatlich beeinträchtigt oder sogar verboten wird. Das damit verbundene Verbot der Zensur soll die Meinungs- und Informationskontrolle durch
staatliche Stellen verhindern . Dem Staat ist vorbeugende Informationskontrolle durch Zensur grundsätzlich verboten. Zur Meinungsfreiheit gehört damit auch die Verbreitung von absolutem
Blödsinn.

Das Verbot z.B. der Holocaustleugnung ist insoweit eigentlich systemwidrig, wird aber vom Verfassungsgericht vor dem Hintergrund des
Geschichte als verfassungsgemäß akzeptiert. Das mag sich irgendwann auch noch ändern. Deutlich muss jedenfalls sein, es geht nicht darum
unsinnige und beleidigende Äußerungen mit hohen Strafen zu sanktionieren, sondern nur eine drohende Störung des öffentlichen Friedens.

Aber zurück zur Volksverhetzung für "Scheiß-Deutsche":

Die Deutschen selbst scheiden als Objekt der Volksverhetzung schon einmal deshalb aus, weil sie nicht Teil der Bevölkerung sind, sondern
die Bevölkerung selbst, jedenfalls deren größter Teil und nicht eine kleine Gruppe. Auch das mag sich irgendwann mal ändern, aber noch ist es
jedenfalls so. Man könnte es so ausdrücken : Was stört es die deutsche Eiche, wenn sich das Schwein an ihr scheuert - aber das lasse ich mal
besser, wer weiß denn, wer sonst meint, ich hätte ihn persönlich mit dem Schwein gemeint.

Als "Teile der Bevölkerung" wurden in der nahezu unüberschaubaren Rechtsprechung( Quelle: Leipziger Kommentar zu § 130 Rn 31 ) folgende
Gruppen anerkannt:

" Katholiken, Protestanten, Juden;^alle in der Bundesrepublik lebenden Ausländer; Aussiedler; Asylanten und Asylbewerber, auch solche ohne
Anspruch auf Asyl; die in Deutschland lebenden Gastarbeiter oder bestimmte Gastarbeitergruppen;^die vergleichbare Gruppe der
Gaststudenten; die in der Bundesrepublik lebenden Farbigen und dunkelhäutige Menschen;^die Sinti und Roma;^nach wirtschaftlichen, beruflichen und sozialen Gesichtspunkten bestimmte Gruppen wie Arbeiter, Bauern, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Kapitalisten, Besitzlose;^Arbeitslose
und Sozialhilfeempfänger;^Flüchtlingsgruppen; Kommunisten wegen ihrer gemeinsamen weltanschaulichen, politisch-ideologischen
Grundüberzeugung;^Punker;^staatliche Funktionsträger wie Beamte, bestimmte Beamtengruppen, Richter, Staatsanwälte,^Beamte der Schutz- und Kriminalpolizei; Soldaten der Bundeswehr;^politische und weltanschauliche Gruppen, z.B. Freimaurer;^landsmannschaftliche Gruppen wie Bayern, Schwaben, Einheimische oder Vertriebene;^Behinderte." - aber eben nicht die Deutschen als Gesamtheit.

Die bloße Bezeichnung als "Scheiß-Deutsche" stellt auch keine Aufforderung zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen dar, sie bleibt eine
einfache Beleidigung und damit zwar strafbar aber keine Volksverhetzung..

Womit bewiesen wäre, nicht jeder Scheiß ist Volksverhetzung.

von RA HEINRICH SCHMITZ

Freitag, 4. Mai 2012

KEIN SCHÖNER TAG ...

Freitag 16:45 Uhr. Endlich Bürofeierabend und Wochenende in Deutschland. Die Sonne scheint. Ja, das Leben ist schön. Sogar schön genug um den Mai zum echten Sommermonat aufzupumpen. Kaiserwetter. Und überall fröhliche junge Gesichter, die über 40 Jährige schon mal wehmütig machen können, wenn man nur genauer hinschaut. Ich schaue. Aber Wehmut ist die Schwester tiefer Freude, die wiederum Jüngeren verschlossen bleibt. Ausgleichende Gerechtigkeit? Ich weiß es nicht.

Aus einer offenen Kneipentür schallt David Guetta über Biergartentische hinweg auf die Straße.

http://www.youtube.com/watch?v=2gBhkJ6lEZA

Stumpfer Asphalt – obenauf ein Mädchen mit Nabelpiercing und kurzen Hosen auf ihrem Hollandrad. Ich fahre freihändig. Wie gut das tut. „Radweg am Fluss“ klingt wie ein englischer Film mit Überlänge. Ist aber nach fünf Minuten schon abgespult und führt auf eine neue Brücke zu. Stolz der Stadt. Freihängend. Betonumrandung. Frische Bepflanzungen und noch unkrautfreie Donauflusskieselwege.

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http://www.brueckenweb.de/datenbank/bilder/bilder20/BAS39661_schumann2003-08-28Gesamtansicht.jpg

Dann völlig unvermittelt Geschrei, das so überhaupt nicht ins Bild passt: Die frischen Wohlfühlseifenblasen platzen sofort. Eine Traube Fahrradmenschen versammelt sich. Blickrichtung runter zum Fluss. Die Bauchnabelgepiercte schaut auch. „Du Scheißvotze!“ „Klatsch. Klatsch.“ Eine antwortet aufgebracht von der Brücke runter: „Sofort aufhören!!!“ Wieder von unten hoch in holprigem Deutsch: „Du alte Drecksvotze! Drecksvotze!“ „Klatsch.“ Eine Zuschauerin hält sich erschrocken die Hand vor den Mund. Zivilcouragierte zücken schon ihre Handytelefone. 110. Die ersten Meldungen werden abgesetzt.

Ich folge den Blicken nach unten und entdecke zuerst das verlassene Tretboot am Ufer. Dann etwas weiter die Böschung hoch ein Frau am Boden. Würgend über ihr der Schreier. Dunkelhaarig. Migrant. Schwarzes T-Shirt. Silberne Schrift vorne. Kettchen. Lochjeans. Schlank. Dunkelhäutig. Und so sehr Klischee, das weitere Klischees erzwungen werden. Ein Maitürke der seine viel jüngere deutsche Freundin in aller Öffentlichkeit verprügelt. Warum auch immer. Und bitteschön, was soll man da noch reininterpretieren?

Nein, der Typ ist offensichtlich trotz Trettbootfahrt bei Kaiserwetter kein verdammter Romantiker. Und die Szene macht ebenso starr wie wütend. Erst das ansteigende Röcheln löst bei den ersten Brückenguckern die Starre und offenbart den Wahrheitsgehalt eines weiteren Klischees: Es sind zwei couragierte Frauen, die zuerst den schmalen Pfad seitlich an der Brücke hinab zum Tatort eilen um sich dem migranten Wüterich entgegenzuwerfen. Das ist dann endlich auch Startschuss für alle. Wir eilen hinterher. Keine Ahnung, was uns bis dahin aufgehalten hat. Wut und Herzklopfen.

Der orientalische Flegel sieht wohl aus dem Augenwinkel was da auf ihn zukommt und lässt endlich ab. Seine Trettbootpartnerin rührt sich nicht. Er baut sich auf. Breitbeinig. Geballte Fäuste. Drohend. Dabei schreit er weiter. Sogar lauter werdend. „Du ALTE VOTZE! Siehst Du?“ Er zeigt dabei auf uns. „Siehst DU ES?“ Kurz bevor „Es“ ankommt, springt er doch noch zurück aufs Boot, das gefährlich schwankt und ein stückweit Richtung Flussmitte treibt. Die Frau setzt sich auf.

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„Polizei ist gerufen!“ ist die erste in beide Richtungen gemeinte Botschaft. Schreihals realisiert, dass sein Opfer in Sicherheit ist und reißt sich immer noch in höchster Erregung und Rage am T-Shirt. Das halbe Dutzend Helfer steht nun etwas verlegen und ratlos um die arme Frau am Boden, die noch ratloser scheint. Dicke Lippe. Geschwollener roter Hals. Panik wechselt in Verzweiflung. „Du ALTE VOTZE!“ Immer wieder hallt es in den verkorksten Maisommerhimmel. Und keiner kann es abstellen.

„Ihr Scheiß Deutschen!“ „IHR SCHEISSDEUTSCHEN!“ Ich schaue in die Gesichter der Helferinnen und ich weiß bis jetzt nicht warum ich es sagte und es klang auch erregter als gewollt und passte sich ein bisschen der Lautstärke des Bootsmannes an: „Ja, wunderbar dieses neue Multikultigefühl, ODER?“ Zwischendurch wieder vom Boot runter: „IHR SCHWEINE DEUTSCHEN!“ Eine schaut mich ganz trocken an und sagt dann mit so weit aufgerissenen Augen: „Das hat mit Multikulti überhaupt nichts zu tun. Das eine MÄNNER-FRAUEN-SACHE MEIN LIEBER!“

„Ich zeig Dich an wegen Volksverhetzung!“ Sie schaut mich erstaunt an. Dann lacht sie befreit hysterisch, zeigt mir den Vogel und fragt schnippisch, was dass denn bitte mit „Volksverhetzung“ zu tun hätte. Ich winke ab und verzichte darauf ihr zu erkläre, dass ich den Migranten und sein „IHR SCHEISSDEUTSCHEN!“ meinte und trolle mich zurück auf die Brücke zum Fahrrad. Mein Herz klopft wie nach einer Schlägerei in der 5.Klasse.

Die Idee allerdings mit der Klage wegen Volksverhetzung lässt mir keine Ruhe. Würde man damit durchkommen? Und würde das nicht ein Zeichen setzen? Aber was wäre das für eines und wem würde es was zeigen? Oder ist es doch nur eine ausgewachsene Blödheitsüberlegung aus der belämmerten Erregung heraus? Die nächste Gelegenheit es zu überprüfen kommt bestimmt. Aber dann hoffentlich nicht an so einem schönen Freitag im Mai, der sich – um noch einen schalen Witz anzuhängen – unvermittelt als ziemlich übler Brückentag entpuppte.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Memory 3.0 - Segen oder Plage ? von RA HEINRICH SCHMITZ

Und zu diesem Thema hier

http://wallasch.twoday.net/stories/enter-in-memoriam/

quasi als direkter Schlagabtausch
ein noch viel weiter geöffnetes, wunderbares Sichtfenster ins facebook, in unser aller Erinnerungen – ins pralle Leben!

von RA Heinrich Schmitz.


Facebooks Chronik speichert alles für immer und ewig, unbegrenzt und ungefiltert. Jedes like, jeder müde Witz, jeder geistreiche Kommentar, jedes Foto - ALLES.

Damit bietet facebook, aber auch andere speicherwütige soziale Netzwerke, einen stetig wachsenden Speicher an Erinnerungen, oder ?

Wie war das noch früher schön, die gute alte Zeit, wo mancher vielleicht Tagebuch führte, aber die breite Mehrheit sich ihre Vergangenheit
zusammenerinnern konnte wie sie wollte. Aus und vorbei.

Die Angler werden es bedauern, dass ihr Fang nicht mit jeder aus der Erinnerung geschöpften Erzählung immer länger wird, weil sie den Fang ja
stolz auf fb im Bild verewigt haben. Dabei haben sie keineswegs gelogen, ebensowenig wie die Jäger mit ihrem Jägerlatein.

angler
http://www.hicker.de/data/media/29/angler-neufundland_5552.jpg

Erinnern ist kein Abrufen von Videoclips auf einer internen Hirnfestplatte, es ist ein aktiver Vorgang. Bei jedem Erinnern schafft unser Gehirn erst eine neue Erinnerung , aus einzelnen Schnipseln, die an unterschiedlichen Stellen des Gehirns abgelegt, mit positiven oder negativen Gefühlen verküpft und alles andere als Fakten sind.

Es fängt schon bei der Wahrnehmung an, die immer subjektiv und stets selektiv ist. Während der eine sich an die schöne Stimme einer Sängerin erinnert, hat der andere nur noch ihren Ausschnitt im Kopf, während der Fan der
siegreichen Mannschaft den Elfmeter für berechtigt hält, erinnert der Fan des Verlierers eine grobe Fehlentscheidung des Schiedsrichters.
Unser Hirn ist kein zuverlässiges Speichermedium.


Es ist immer wieder eine Freude, die Veränderung von Erinnerungen über einen gar nicht mal so langen Zeitraum beobachten zu dürfen. Im
Strafverfahren werden Zeugen meist kurz nach einem Geschehen, dass sie beobachtet haben von der Polizei befragt, etwas später vielleicht
nochmal, dann in der ersten Instanz und vielleicht ein halbes Jahr später in der Berufung.

Es ist absolut irre. Während ein Zeuge zum
Beispiel einen Verdächtigen bei seiner ersten Vernehmung nicht näher beschreiben konnte ( Mann, helle Jacke), meint er ein paar Tage später,
die Jacke habe rote Streifen gehabt und der Mann sehe genauso aus, wie einer, den er einen Tag vorher gesehen hat. Im ersten Termin "erinnert"
er sich dann daran, dass er doch schon bei seiner ersten Vernehmung von den roten Streifen erzählt hat - was natürlich nicht so war. Der lügt
nicht ! Der erinnert sich nur. Manche erinnern sogar Dinge die nie geschehen sind - false memory effect - bei jahrelang zurückliegenden
Sexualstraftaten gerne genommen.

zeuge
http://www.ag-luedinghausen.nrw.de/service/zeugen/Zeugenvernehmung.jpg


Erzählen langjährige Ehepartner eine gemeinsam erlebte Geschichte, dauert es nur wenige Sätze bis der eine den anderen unterbricht und
vehement darauf hinweist, dass das doch alles ganz anders war.


Wird facebook die Erinnerung verändern ? Verschlechtern oder verbessern? Schwer zu sagen. Natürlich wird es einfacher werden, die Frage zu
beantworten, was haben sie am 3.5.2006 gemacht, wenn man an dem Tag bei facebook etwas hinterlassen hat, aber das könnte ich auch, wenn ich in meinen alten Terminkalender gucke. Bis auf ein paar fb-Junkies wird wohl niemand alles was er an einem Tag getan oder erlebt hat bei facebook verewigen.

Good times eher , bad times eher nicht.
Einzelheiten schon gar nicht. Auf facebook will doch, wie auch sonst in der Öffentlicheit,
keiner schlecht aussehen. Facebook speichert also gar keine Erinnerungen, sondern lediglich postings, also bereits vorsortierte Botschaften an die "Freunde". Klar kann man daran später noch erkennen, womit man sich zu einem Zeitpunkt mal gedanklich beschäftigt hat, viel mehr aber auch nicht.

Ein Tagebuch - sofern man darin ehrlich mit sich
selbst umgeht , und warum sollte man das nicht - hat ein wesentlich höheres Erinnerungspotential.

tagebch
http://www.design-literatur.de/blog/wp-content/design_tagebuch_21.jpg

Dass die eigenen Erinnerungen sozusagen bei facebook abgeliefert werden, halte ich für unwahrscheinlich. Eventuell kann man sich aber
Erinnerungen besser zurück holen, wenn man in 20 oder 30 Jahren gefragt wird, "wie war das eigentlich damals mit den Piraten, Opa. Warst du
dafür oder dagegen ?" Wenn man sich dann seine eigenen Kommentare noch mal ansieht, kommt der Wahrheit vermutlich näher als der eigene Opa,
der auf die Frage , wie war das eigentlich mit den Nazis, auf Erinnerungslücken verweisen kann. Ob das gut ist, ist eine andere Frage.

Wenn einem die virtuell-reale facebook-Erinnerung nicht mehr gefällt, kann man ja auch problemlos wieder in den biologisch-gnädigen
Erinnerungsmodus umschalten, sich wie Alexander Wallasch bei facebook abmelden und damit alles, was man so von sich gegeben hat, dem Zugriff
der Öffentlichkeit und - noch viel wichtiger - dem eigenen Zugriff entziehen, nach dem adenauerschen Motto: "Was kümmert mich mein
Geschwätz von gestern."

Segen oder Plage ? Hat jeder selbst in der Hand.

von RA Heinrich Schmitz.

ENTER IN MEMORIAM

Kolumne für TheEuropean.de
http://www.theeuropean.de/alexander-wallasch/10949-facebook-und-das-gedaechtnis

facebook
http://stadtbibliothekdormagen.files.wordpress.com/2011/06/facebook_findus.jpg

Rene: „Michael hat uns auf Facebook zum Geburtstag eingeladen.“ Alexandra: „Hmm ... gab’s da nicht ein paar lustig kommentierte Fotos vom letzten Jahr? Irgendwo zwischen dieser furchtbaren Libyen-Sache und der überfahrenen Katze? Like es doch erst mal. Zusagen können wir immer noch.“

Erleben, erinnern – vergessen. Verändert Facebook, verändert das Internet jahrhunderte alte Denkmuster? Erleben wir im 21. Jahrhundert eine radikale Veränderung der Erinnerungskultur? Oder doch alles nicht so schlimm?
Kalter Kaffee, heißer gekocht, als getrunken?

Also: Im Jahre 2016 werden voraussichtlich eine Milliarde Menschen bei Facebook angemeldet sein. Jeder Einzelne wechselte dann vom privaten in ein öffentlich gefacebooktes Hier-und-Jetzt. Zu den heute schon über 900 Millionen Facebookern kommen also täglich Tausende hinzu, die ebenfalls ohne erkennbare Not einfach aufgehört haben ihren Alltag mit ihrem individuellen Filter (Gedächtnis) zu verwalten.

Das Gedächtnis, eben jener Ort, der bisher Erlebnisse – mehr oder weniger zuverlässig und bedürfnisorientiert – in zu Vergessenes und Erinnerungswürdiges trennte.

Für bald eine Milliarde Weltbürger gilt also: Ab jetzt wird einfach nur noch abgelegt. Ja, die Speicherkapazität von Facebook und Co ist unendlich. Noch für die kleinste aufgeblasene Banalität steht ausreichend Platz zur Verfügung. Übrigens im selben virtuellen Raum, wo auch die großen Nachrichten ihren Platz finden. Erinnerungsdemokratie. Eine Konkurrenz untereinander entfällt. Relevanzunterscheidungen Fehlanzeige. So wird ausnahmslos jedes Erlebnis hingewürgt, ausgespien und als potentielle Erinnerungskotze gesichert und abgespeichert.

gehirn
http://www.veeser-dombrowski.de/schule/gehirn01.jpg

Klar, dass das neue Fragen aufwirft. Beispielsweise die, wie man sich jetzt überhaupt noch an bestimmte Fragmente gelebten Lebens erinnern soll. Besitzen wir in lichten Momenten noch die Fähigkeit Erinnerungswürdiges aus dieser monströsen Datenmüllkippe herauszufiltern? Und was ist uns überhaupt noch erinnerungswürdig geblieben? Welche Funktion haben solche gefacebookten Erinnerungen?

Wie war das denn früher, als wir Phasen unseres Lebens dankenswerter Weise dem vorläufigen Vergessen übergeben konnten und auf der anderen Seite die wunderbare Fähigkeit besaßen, weit zurückliegende Wohlfühlmomente jederzeit neu mit Leben zu erfüllen?

Wer noch vor wenigen Monaten (mittlerweile hat Facebook wohl eine archiv-ähnliche Funktion mit einer Chronologie eingesetzt) versuchte, ein – sagen wir mal drei Monate altes – bei Facebook abgelegtes Erlebnis als Erinnerung zurückzuholen, der weiß wovon die Rede ist: Ein „Zurück“-Button-Geklicke stur-chronologisch über alle kommentierten und geliketen Erinnerungen hinweg, dass so verdammt an die Monotonie industrieller Fließbandarbeit erinnerte.

Erinnerungssuche. Ein elender Zeitaufwand, der früher lediglich eine Sekunde des Nachdenkens und der Konzentration verlangte. Mehr nicht. Und ganz gleich, welche noch ausgefeilteren und mit noch höherem Verwaltungsaufwand belegten Facebook-Archiv-Funktionen folgen werden, die emotionale Zuordnung könnte selbst das perfekteste System nicht übernehmen. Und wie auch soll ich mich an etwas erinnern, das ich lediglich virtuell auf dem großen PInnwand-Haufen abgelegt habe?

Die Einführung des Taschenrechners im Schulunterricht belegt längst eindrucksvoll die Abgabe von Gehirnfunktionen und Fähigkeiten. Ebenso das Word-Rechtschreibprogramm oder beispielweise die google-Suchfunktion. Letztere wird übrigens sogar von eisernen Facebook-Verweigerern nicht in Frage gestellt. Da müsste man die Verbindung ins Virtuelle schon endgültig trennen, um dieser Informationskrake zu entkommen.

archiv
http://dwb.bbaw.de/art/archiv1.jpg

Also, was erwartet uns irgendwann, wenn wir unsere biologischen Erinnerungsspeicher samt emotionaler Sortieranlage vollständig an Facebook und Co abgegeben haben? Wer kann sich eine Win-Win-Situation vorstellen und wie könnte die aussehen?

Gerade postet Alexandra Fotos vom "ganz netten" Geburtstags-Grillabend bei Michael und bekommt schon nach 15 Minuten 37 Likes. Leider wurde dann eine Katze überfahren und nach 276 Kommentaren geriet der Grillabend in Vergessenheit.

Hier die direkte Antwort von unserem guten RA Heinrich Schmitz! -->
http://wallasch.twoday.net/stories/memory-30-segen-oder-plage-von-ra-heinrich-schmitz/

Dienstag, 24. April 2012

GOODBYE VOLKSWAGEN TRANSPORTER II

Gut, „Odyssee“ ist dann definitiv übertrieben. Denn so ein Gebrauchtwagenkauf kommt ja nicht apokalyptisch über einen. Und es waren auch keine zehn Jahre verzweifelter Suche, sondern lediglich sieben läppische Tage. Aber was in dieser Woche – immer noch getragen vom Verlustschmerz des verstorbenen Volkswagen T4 – über uns kam, war doch deutlich unerwartet.

Nach der Düstererfahrung mit dem nächtlichen Verkauf des T4 war zunächst Erleichterung die bestimmende Emotion. Und ein paar Fahrrad- und Bussrunden später starteten wir frohen Mutes unsere mobile.de, Autoscout24.de und ebay-Kleinanzeigen-Offensive, die am Ende insgesamt ein Dutzend potentielle T5 Kandidaten ausspuckte. Vom T4 zum T5. Klar, man will sich verbessern. Nicht nur für die Nachbarn, sondern vor allem um sich selbst positiv zu programmieren. Es geht doch immer weiter. Und wir werden besser!

automarkt
Bild aus: http://www.bergedorfer-zeitung.de/multimedia/archive/00976/automarkt_frascatip_976988b.jpg

Was dann aber auf der Stufe zum Besseren hin geboten wurde, war haarsträubend. Die ersten fünf T5-Anbieter waren schon sprachlich kaum zu verstehen. Und sie schienen auch alle auf der Straße zu leben, wie die deutlichen Hintergrundgeräusche unzweifelhaft verrieten. Also erstmal alle Händler-Handy-Nummern gestrichen.

Die nächsten beiden Kandidaten waren die vermeintlichen Top-Angebote. Leider nicht telefonisch erreichbar, also mailten wir ihnen unser Interesse am Schnäppchen-T5. Was dann als Antwort kam, nahmen wir zunächst zum Anlass die Angebote beim Anbieter sperren zu lassen und übergaben es dann der Polizei, die aber lapidar erklärte, das kenne man schon, dass wäre halt so die gängige Masche.

Und die geht so: Die Fahrzeuge stehen laut Mailinhalt in Irland bzw. Griechenland (!). Die Autos würden uns frei Haus geliefert. Allerdings müsse man die Frachtgebühren leider schon vorher überweisen: Dass würde aber vom günstigen Preis später auch noch abgezogen. Hölle! – wer fällt auf so etwas herein?: „You will pay to the company in two deposits,a first payment for they can start and deliver the transport at your address and a second payment in cash at delivery.In case that you don't like the car,the company will transfer the money (first payment) back to your bank account“

Autoschieber
Bild aus: http://luftkraft.blogspot.de/2010_09_01_archive.html

So verblieben also noch zwei T5 Kandidaten mit realen deutschen Telefonnummern. Der erste war schon verkauft und der zweite ging nicht ans Telefon. Also probierten wir es später noch einmal. Aber zum Teufel: schon wieder Außengeräusche – und was für welche! So, als stände der T5 mitten in Kabul. Als uns der Angerufene schreiend bittet, doch später anzurufen, er müsse gerade noch „Munition aufladen“, bekamen wir es kurz mit der Angst. Klebt Blut an unserem neuen T5?

Mir kamen diese traumatischen Bilder aus Black Hawk Down in den Sinn. Ridley Scouts Meisterwerk. Blauschwarze Farbige auf rasenden Toyota Pickups hinter provisorisch montierten öligen Maschinengewehren wie später im realen Leben die Aufständischen in Libyen. Fahren moderne Kämpfer etwa neuerdings alle T5? Was ist der Vorteil gegenüber den offenen Toyotas?

Nächster Tag. Nächster Angriff - äh Anruf. Denn sonst war ja keiner mehr auf der Liste, also eh schon alles egal. Und die Sache wendete sich am absoluten Tiefpunkt zum ersten Mal wirklich zum Guten: Wir hatten den deutschen Unteroffizier aus dem Westfälischen gestern telefonisch nur auf dem Truppenübungsplatz erwischt. Und wie das so ist: Wo Erleichterung ins Spiel kommt, keimt sofort Hoffnung. Dieses starke „Alles wird gut“-Gefühl. Sogwirkung.

Weitere Anrufe folgen. Wir schießen uns ein. Mit jeder neuen präzisen Aussage des Soldaten schließen wir mehr Frieden mit dem Kriegsschauplatz Automarkt. Irgendwann sind alle Fronten geklärt und wir machen uns auf den weiten Weg.

Die Landschaft wird immer schöner. Frühling. Lichte Anhöhen. Alte Bäume. Die Häuser aus Naturstein. Zeitlos schön. Ja, mit jedem weiteren Kilometer entfernen wir uns mehr von diesem unsympathischen Autohändler-Deutschland zurück in ein Land der Ehrlichen und Wahrhaftigen – zumindest kam es uns in diesem Moment so vor.
Denn wer lebt in so einer Gegend, schaut auf die blühenden Rapsfelder und bescheißt dann beim Autoverkauf? Unmöglich!

heimat
Bild aus: http://kiegelandfoto.com/bilder/heimat.jpg

Das Navi erkennt das Ziel. Ein paar gepflegte Häuser. Vorgärten. Die ersten frischen Geranien. Aber auch dieses liebenswerte ländliche Provisorium. Dinge auf dem Hof, die noch zu schade waren, weggeschmissen zu werden: Alte Türen. Metallrohre, ein Schaufelstil der so lange Jahre gehalten und dann doch irgendwann alterschwach in der schweren Scholle gebrochen ist. Warum wegschmeißen, wenn sich doch noch eine Bohne daran der Sonne entgegen hangeln könnte?

Ja, wir fühlen uns hier beim Bundeswehrsoldaten wie zu Hause angekommen. Thea Dorns „Deutsche Seele“ – beinahe jedes Kapitel könnte hier bewiesen werden. Gut, vielleicht nicht „Freikörperkultur“, aber „Ordnungsliebe“, „Gemütlichkeit“ und „Männerchor“ gewiss.

Nennen wir ihn „Helmut“ steht schon am Tor. Im Flecktarn. Zivil wird erst kurz vor dem Abendbrot angelegt. Nicht sehr groß der Mann, aber einladende Lachfalten um die Augen, Sommersprossen und ein Schimmer Rot im blonden, militärisch frisierten Kurzhaarschnitt. Der Wagen – logisch – frisch von Hand gewaschen. Eimer und Schwamm stehen noch bei. Die Frau werkelt im Hintergrund. Ein kurzer scheuer Gruß und sie meldet sich zum Kaffeekochen ab.

Unser mitgebrachter 'Bruder Autoexperte' kriecht mit dem kleinen Soldaten unter den T5 und jammert eine halbe Stunde lang durch. Das kommt mir auf einmal sehr autohändlermäßig vor, aber gut – ein bisschen Kontrolle scheint der Uffz ok zu finden. Jedenfalls mault er nicht. Und seine Papiere sind auch i.O., wie der Bruder Experte in einer weiteren langen halben Stunde feststellt.

Dann nickt der Checker kurz versteckt: mein Zeichen. Also führe ich die Kaufverhandlungen. Und dieser dolle Westfale zeigt sich dabei von einer bescheidenen – ja doch: ich trau es mich jetzt zu sagen: deutschen – Fairness, die man 2012 schon gar nicht mehr erwartet hätte.

Der Kaffee kommt. Und selbst die Erkenntnis, das es „nur“ Löslicher ist, kann die Stimmung nicht mehr trüben. Die Krönung ist hier das angenehme Gesamterlebnis einer ziemlich unangenehmen Woche des Suchens mit unangenehmen Kontakten zu unangenehmen Menschen. Wir haben unseren T5 gefunden!

Als wir einsteigen, steht der Soldat an der Beifahrertür und kann die Frage nach dem Rückweg nicht mehr beantworten. Er klopft sich verlegen mit zwei Fingern auf den Kehlkopf - das militärische Zeichen für Sprechprobleme. Und dann treten ohne jede Vorwarnung stille Tränen aus seinen Augen. Ich stutze kurz und klopfe ihm dann
verständnisvoll auf die Schulterlitzen.

Der Gute hatte zuvor ohne sichtbare innere Regung erzählt, dass er monatelang in Afghanistan stationiert war und das er dort erst verstanden hätte, was seine Großeltern und Eltern im Krieg wirklich erlebt hätten. Und jetzt weint er zum Abschied um seinen T5 und verfolgt uns noch runter bis zum Gartentor!

Die gute Frau kommt von hinten, winkt uns mit dem einen und legt dabei den anderen Arm um die eheliche Flecktarn-Schulter. „Lieb Vaterland magst ruhig sein, lieb Vaterland magst ruhig sein.“

Ein paar Kilometer weiter blitzen die letzten Sonnenstrahlen über eine alte Mühle hinweg, brechen sich im Seitenfenster und wir schauen. Schauen dann nochmal aufs Fensterglas und nochmal. Und uns sprachlos an, bis wir in ein befreiendes Lachen ausbrechen, das den ganzen weiten Weg nach Hause anhält.

Wir hätten aber auch gut vor Rührung heulen können, denn der Unteroffizier hat mit seinem Finger heimlich einen letzten – bis hierher unsichtbaren – Gruß an die Scheibe seines ehemaligen T5 gemalt. Im Gegenlicht leuchtet ein schiefes zwar, aber unverkennbar ein Herz, wie es sicher noch etliche hier in alte Bäume geritzt zu finden gibt. Aber sicher noch keines an einem silberglänzenden Volkswagen T5.

Mittwoch, 18. April 2012

GOODBYE VOLKSWAGEN TRANSPORTER

Was für ein Dilemma. Nach elf Jahren treuen Diensten hat der Volkswagen Transporter mit langem Radstand seinen Dienst quittiert. Der Kurzaufenthalt in der KFZ-Notaufnahme am Braunschweiger Hauptgüterbahnhof entpuppte sich nach einem traurigen Telefonat als Endstation Automobilhospiz. Unser dunkelroter Urlaubsbegleiter, Baumarkt-Kumpel, unser Familien-Markenzeichen liegt im Sterben, teilte der freundliche, aber ebenso hilflose KFZ-Werkstättler mit.

Er könne gerne noch auf seinem Hof stehen bleiben, die Stilllegung stände ja sowieso unmittelbar bevor, erklärte er noch empathisch. Ich schaue Frau an, Frau schaut mich an. Hätten wir ihn besser pflegen müssen? Haben wir ihn hingerichtet, vernichtet, getötet? Oder sind 17 Jahre doch ein gutes Alter? Ist 17 Jahre für einen Volkswagen Bus so wie 90 Jahre für ein Menschen oder doch viel weniger? Dagegen spricht: ab 30 Jahren gilt ein Automobil als Oldtimer. Wir haben unseren vierrädrigen Freund also in seinen besten Jahren aufgegeben. Die Kinder sind mit ihm groß geworden. Ja, selbst auf Google-Earth steht er wie ein treuer Hund vor unserem bescheidenen Heim.

234t5z

Wie oft bekommt google-earth eigentlich ein update? Das kann keiner so genau sagen. Schmerzliche Jahre der Erinnerung stehen uns also bevor. Und sich so einfach auf die Schnelle mit einem Neuling trösten ist unsere Sache nicht. Aber wir müssen ja fahren. Irgendwo hinfahren. Immer weiter fahren. Klar, wir können es hinausschieben und noch eine Weile zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren. Aber wir können den Neuanfang nicht vermeiden. Also gehe ich auf mobile.de und schreibe die Todesanzeige. Und ich bin sogar so pietätslos, noch Kapitel aus seinem bitteren Ende zu schlagen. Die Scham ist dafür wohl doch nicht groß genug.

Als ich vom Leichenschmaus ermattet vom Computer aufstehe, klingelt bereits das Telefon. Und es wird nicht kondoliert, es wird erbittert gefeilscht. Und das bleibt auch die nächsten Stunden so. Die Leichenschänder riechen das Schnäppchen. Einer ist besonders aufdringlich und möchte jetzt gleich aus Hamburg kommen. Die deutsche Stimme erklärt, er würde unseren Kumpel nach Afrika verschiffen. Der Zustand wäre ihm völlig egal, die Afrikaner würden sich die Fahrzeuge selbst zurecht machen. Oder ob ich lieber noch die einhundert weiteren Anrufe der türkischstämmigen Kollegen abwarten will. Die würden nämlich „auf sicher“ noch kommen. Das überzeugt mich nicht, aber die Aussicht eines Gnadenbrots für unseren Langen in Afrika – also irgendwie sogar so etwas wie ein Charity-Gedanke – hat Überzeugungspotential.

Frau warnt noch: „Muss das denn wirklich so auf die Schnelle sein? Und noch dazu fast in der Nacht?“ Aber der Hamburger hat sich schon auf den Weg gemacht und ich telefoniere noch mit der Werkstatt am Hauptgüterbahnhof. Der Meister dort ist so freundlich und fährt unser Baby ganz vorsichtig vor die Tür, er hätte ja nun Feierabend und könne nicht warten. Der Schlüssel läge auf dem Vordereifen und die Papiere im Handschuhfach.

Hamburg ruft von der Autobahn an. Im Halbstundentakt. Ich lass mich von meiner alten Mutter vor die Werkstatt fahren. Es ist 22 Uhr – die Nacht beginnt in Braunschweig und noch mehr hinterm Lidl Helmstedter Straße. Die Zeit der Dunkelheit. Wir warten unter der einzigen Straßenlaterne. Mutter und ich. Wie früher. Aber wir nehmen uns trotzdem nicht an die Hand. Autos fahren schnell an uns vorbei. Manche immer wieder. Irgendwo am Ende des Weges muss es ein Privatetablissement geben. Oder einen gut frequentierten Drogenumschlagplatz. LKW’s pausieren mit zugezogenem Fahrerhaus. Durch fahlbeleuchtete Fabrikfenster sieht man Pappkartons monoton über blaue Fließbänder rollen. Hier ist es spürbar kälter, als in den heller beleuchteten Ecken der Stadt. Logisch ist das allerdings nicht zu erklären. Es muss also auch etwas mit einer inneren Kälte zu tun haben.

Dann biegt endlich ein Wagen mit HH um die Ecke. Die Hansestädter sind endlich angekommen. Und der, der vorher perfekt deutsch telefonierte, spricht plötzlich mit osteuropäischem Dialekt. Man kommt zu zweit, logisch, einer muss ja nachher mit dem HH-Automobil – ein schäbiger Opel Corsa in Silber – wieder zurückfahren, während der andere unseren roten Liebling besteigt. Grob fassen sie ihn an, reißen an seinen Innereien. Autosklavenmarkt! Dort wäre dies und dort das nicht in Ordnung. Beide reden wild durcheinander, einer gibt Vollgas aus dem Stand, der andere fummelt am Vergaser. Mutter bekommt Angst, die polnischen Gesichter werfen lange Schatten.

Mutter wird es zu viel. Sie flüchtet in ihren Smart und verriegelt die Türen, als ich in den Corsa steige um den Papierkram zu erledigen. Beifahrerplatz. Der Fahrer schreibt die Daten aus dem KFZ-Brief in irgendeinen ominösen selbstgemachten Kaufvertrag. Sein Kollege sichert breitbeinig die offene Beifahrertür. Jetzt gibt es kein Entkommen mehr, auch nicht, als die vereinbarte Verkaufssumme überraschenderweise wieder vakant wird. Dann ein spitzer Schrei aus dem Smart. Später erzählt die Mutter, sie hätte gedacht, der eine Bursche hole einen Knüppel aus dem Kofferraum um mich zu erschlagen, aber es waren dann doch nur die roten Kennzeichen für die Überführung.

Nach endlosen Minuten bezahlen die beiden die verminderte Summe mit einem Haufen gebügelter Zehneuroscheine. Aber mir ist schon alles egal. Ich zähle auch nicht mehr nach. Hier und heute an diesem Ort hätte ich auch Monopoly-Geld genommen. Hauptsache weg. Der mit dem vermeintlichen Knüppel geht nochmal rüber zum Smart um sich zu verabschieden. Aber Mutter lässt die Tür verschlossen und starrt eisern aufs Lenkrad. Auch noch als er klopft und dann zu seinem Kumpel rüberlacht. Ich dränge ihn ab und als er grinsend zum Transporter rübergegangen ist, findet Mutter den Sicherheitsabstand endlich ausreichend mir die Beifahrertür zu öffnen und rast in einem Affenzahn hinüber ins Licht der Stadt, als wäre ihr kleiner Smart kein Smart, sondern ein sprintiger Porsche.

Hoppsa Hopps, die Bordsteinkante muss dran glauben, ebenso das kleine Rasenstück. Nun kann ich mir das Lachen kaum noch verkneifen. Unendliche Erleichterung. Aber Mutter findet das alles überhaupt nicht so lustig. „Heute Abend verriegle und verrammle ich die ganze Wohnung!“ erklärt sie schrill, aber auch ein bisschen um ihre chaotische Fahrweise zu überspielen. Ich bin mir dabei ziemlich sicher, dass sie mich so bald nicht mehr auf eine Autobeerdigung begleiten wird. Sie lehnt dann sogar brüskiert die 50 Euro ab, die ich ihr aus Dankbarkeit und für Sprit etc. in fünf Zehneuroscheinen direkt vom Stapel in die zittrige Hand drücken will.

„Von dem Geld nehme ich nichts!“ erklärt sie aufs äußerste empört und tritt dann erschrocken auf die Bremse, als sich mein vertrauter Volkswagen-Kumpel mit einem winkenden Fahrer hinterm Steuer an uns vorbeidrückt und in eine ungewisse Zukunft fährt. Mit Genugtuung registriere ich das so vertraute Bocken, als der böse Hamburger hochschalten will. Goodbye Volkswagen Transporter, ich wünsche Dir sonnige Zeiten. Und: I bless the rain's down in A-a-frica!

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