Donnerstag, 4. September 2014

DIE INTERIMSNOMADEN

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http://www.kn-online.de

Ich weiß es gar nicht, gibt es überhaupt Leute, die nie in den Urlaub fahren? Sicher, Alte, Kranke oder anderweitig Eingeschränkte. Aber an die dachte ich nicht. Also ja, ich glaube schon, ohne es auf der Heimfahrt aus dem Urlaub googlen zu können, dass es Menschen gibt, die immer am selben Ort verweilen, für die Heimat schon deshalb zum Gefängnis wird, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, zu verreisen.

Heißt, Urlaub für alle bräuchte also eine monatliche Rücklage um einmal im Jahr für ein paar Wochen die Heimat von einem fernen Punkt aus zu betrachten. Es müsste also so etwas wie ein irgendwie verbrieftes Recht auf Urlaub geben, so wie es ein Recht auf Gesundheitsvorsorge gibt.

Doch, ich meine mich zu erinnern, das es für Hartz4ler und Arbeitslose eine bestimmte Zeitspanne gibt, in der diese nicht für Vermittlungen zur Verfügung stehen müssen. Eine Zeitspanne, die mit „Urlaub“ hinreichend begründet ist. Und es gibt Zuschüsse für Kinder, die Klassenfahrten oder Ferienfreizeiten machen.

Perspektiven verändern. Aber nicht als staatliches Belohnsystem wie etwa im III Reich dank „Kraft durch Freude“. Mein Großvater unternahm eine solche Reise wohl irgendwann 1940 berichtet die Mutter, als wir jetzt Richtung Norwegen aufbrachen. Opa war damals ungefähr so alt, wie ich es heute bin. Er brachte meiner Mutter damals eine kleine, mit Sägespänen gefüllte Matrosenpuppe mit. Mutter nannte sie „Hein“.

Hein ging 1945 auf der Flucht verloren oder er wurde nicht für Wert empfunden, vor der heranrückenden Roten Armee gerettet zu werden. Was aus Hein geworden ist, wäre eine interessante Frage, die aber wohl für immer unbeantwortet bleiben muss. Heins Nachfolger hießen Peter und Edeltraud.

Nachkriegspuppen. Weniger geliebt. Nur gemocht. Für Sie als Leser könnte es interessanter sein, zu erfahren, das der Opa damals ausgerechnet mit der Wilhelm Gustloff nach Norwegen fuhr. Jenes Schiff, das später für tausende Flüchtlinge zum Massengrab in der eiskalten Ostsee wurde.

2014 brettern wir schon eine Stunde nach der Ankunft mit dem 30 PS Yamaha-Motorboot über die Fjorde, während die Frauen noch auspacken und sich über die fehlenden Schränke beklagen. Ich hab's schon wieder vergessen, aber der Jüngste berichtete auf der Heimfahrt irgendwo zwischen Aalborg und Aarhus, dass unsere ersten Fänge Minuten nach dem Auswerfen ein kleinerer Dorsch und ein läppischer Köhler waren.

Die Sache fing also zumindest vielversprechend an. Der norwegische „Sommer des Jahrhunderts“ allerdings, von dem ein guter Freund noch Wochen zuvor begeistert sprach, als er stolz Fotos von den zwei selbstgefangenen Makrelen ins Facebook hämmerte, war beendet. So hatten wir den Herbst des Jahrhunderts. Denn so fühlte es sich drei Wochen lang an: wie eine ziemlich milde dritte Jahreszeit mit zwei sonnigen Tagen, die wir im letzten Norwegenjahr noch an einer braungebrannten Perlenkette aneinanderreihen konnten.

Hatte uns das Ferienglück der letzten Jahre – immer die beste Hütte, die tollsten Leute, die spannendsten und überraschendsten Erlebnisse und das beste Wetter – zum ersten Mal verlassen?

Nein, denn es kam dieses Mal aus einer anderen Richtung und als schuppige Entschuldigung. 132 Makrelen schon am vierten Tag in der Truhe. Die Kinder stehend im Boot entrissen dem düsteren Fjord eine der schillernden Schönheiten nach der anderen. Miniaturversionen vom Thunfisch. Herrliche Tiere.
Schmackhafte Omega-3-Bomben. Und welcher Vater würde sich da trauen, diesen Reigen aus jagen, fangen und killen vor der Zeit zu stoppen?

Nun gut, wer schon einmal Makrelen geangelt hat, weiß, das 132 Stück ein ziemlich blutiges Gemetzel bedeuten. 132 mal den Totschläger zücken und zwischen die starren Augen sausen lassen - ein Butbad im schneeweißen Boot. Und die sportlichen Viecher zappeln dann noch eine Weile weiter. Elektrische Entladungen über Minuten. Die Angeln sausten derweil gnadenlos weiter.

Glänzende Kinderaugen versus ermattender Makrelenblicke. Und die Kollegin, die ebenfalls etwas früher an selber Stelle ihren „Sommer des Jahrhunderts“ erlebte, jagte, erlegte und zerlegte sogar den Dornhai, der hier seit 2010 unter Schutz steht, aber darüber lachen die Einheimischen herzlich, denn der Dornige beißt hier immer als erstes, wenn man nicht zufällig ganz tief in so einem Makrelenschwarm zu versinken droht.

Einen Fisch auszunehmen, ist noch einmal etwas anderes, als ihn nur zu fangen. Und nun stellen Sie sich diese unschön zu beschreibende Sauerei einmal multipliziert mit 132 vor. Nicht, das man sie nicht essen oder einfrieren und mitnehmen könnte, aber bis zum Filet ist es ein weiter blutiger Pfad.

Also sagen wir es frei heraus, die Makrele hat keine Fürsprecher. Die Hälfte gibt es beim Penny für 1,49 Euro. Fest im Sortiment, aber wohl kein Megaseller, dafür sieht das geräucherte Stück einfach nicht attraktiv genug aus. Frisch hingegen, auf dem Grill in Alufolie gebacken, eine Augenweide, ein Gaumenschmaus bis zur Gallenkolik. Aber selbst dieses kleine gallige Miststück gewöhnte sich gottseidank irgendwann.

Aber rasch noch zurück zur Eingangsfrage. Ja, der Mensch ist ein Suchender. Das liegt in seiner Natur. Urlaub ist, so man nicht All-inclusive verreist, mehr als nur eine notwendige gewerkschaftlich dem Arbeitgeber abgetrotzte Erholungspause. Also nicht „Kraft durch Freude“, sondern analoge und zeitlich eng limitierte Ersatzbefriedigung für einige menschliche Grundbedürfnisse wie beispielsweise Neugierde, Abenteuerlust, Entdeckerfreude. Inspiration. Eben die absichtsvolle Begegnung mit dem Fremden.

Ich habe nie verstanden, was Freunde und Kollegen in diesem Zusammenhang dazu veranlasst, über Norwegen die Nase zu rümpfen, als reise man nur etwas weiter ins dänische Hinterland. Wer nach drei Stunden Fährfahrt an norwegischen Gestaden anlandet, der betritt echtes Neuland. Dem füllt die klarste Luft die Lungen mit Hoffnung. Immer wieder. Und darum geht es doch.

Der ideale Verstärker 2014 im Reisegepäck übrigens dieser sensationelle – ok, Jahrhundertschriftsteller ist zu dicke, aber : – Schriftsteller des Jahrzehnts, Karl Ove Knausgård, der neue Literatur-Megastar aus … genau: Kristiansand/Norwegen, der mit „Min Kamp“ die norwegische Seelenlandschaft über tausende von Seiten in einem phänomenalen Ich-Striptease hingeblättert hat. Vertrauen Sie mir, der Junge schreibt, als zöge sich der Fjord-Dornhai höchstselbst die festsitzende Sandpapierhaut vom Filet. Filetliteratur! Abenteuerurlaub Norwegen mit zusätzlicher Knausgård-Meta-Ebene.

Und dann sind drei Wochen schon wieder vorbei. Und man quält sich stundenlang über die Autobahn Richtung Heimat. Weg von einem Abenteuer, das nun in der Rückschau bereits erscheint, wie eine Belohnung, eine Abgeltung irgendeiner Quälerei, die wir Arbeit nennen.

Und neue Arbeit wartet, die wieder zwölf Monate lang eine Abenteuer-Belohnung ansparen soll. "Ja sind wir denn verrückt?", fragen sich Woche für Woche etliche Deutsche bei VOX bei „Goodbye Deutschland“ und flüchten ins Dauer-Abenteuer, das dann aber doch wieder nur eine komplizierte Verlagerung des Arbeitsplatzes wird, wenn man überhaupt einen neuen bekommt. Die alte Heimat wird täglich fremder, die neue heimatlicher. Komischer Deal, oder etwa nicht?

Liegt die Lösung im Nomadentum? Und wie viel Nomade steckt noch im dänischen Wohnwagenbesitzer? Fast mehr Fragen als Makrelen. Und am Ende ist es natürlich wieder ganz schnöde eine Frage des Budgets, der Urlaubskasse, die gefüllt sein will. Schließlich machen wir mit vier Kindern und einer großzügigen Oma nicht mehr auf Rucksacktouristen.

Petri Heil!

Dienstag, 5. August 2014

Beggegnung der dritten Art mit Heinrich Schmitz

Interview mit IHM

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http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Bundesarchiv_Bild_102-11649,_Berlin,_Obdachlose_auf_der_Parkbank.jpg


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Ich hatte es mir nach einigen anstrengenden Anhörungen in der Psychiatrie gerade auf einer Parkbank gemütlich gemacht, um eine Zigarette zu rauchen, als er sich zu mir setzte. Sympathischer älterer Herr, Typ Eric Clapton.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Natürlich. Ist ja genug Platz.“

Er setze sich neben mich und drehte sich eine Zigarette. Nach 2 tiefen Zügen begann er zu sprechen:

„Wie wäre es mit einem Exklusivinterview, Herr Schmitz?“
„Exklusiv ist immer gut. Wer sind Sie denn? Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Ich bin der ich bin.“
„Ach was, das bin ich ja auch.“

„Nein, sie sind das nicht. Sie sind ein Mensch.“
„Sie nicht?“
„Nein. Wollen Sie nun ein Interview oder nicht. Ich will mich ja nicht aufdrängen.“

„Lassen Sie mal hören.“

Im Park der Psychiatrie trifft man häufiger Menschen, die sich für Gott halten. Ich hatte keine Lust zu streiten. Einen Sohn Gottes habe ich schon seit Jahren als Mandanten.

„Ich sprach von einem Interview. Sie müssten schon Fragen stellen.“
„Sie sind also kein Mensch. Was sind Sie dann, ein Alien?“
„Auch das wurde schon behauptet, aber nein.“

„Ein Gott?“
„Die einen sagen so, die anderen so. Hier in ihrer Region werde ich meistens mit Gott angesprochen, ältere sagen gerne Herrjott, aber andere auch Allah, Jahwe, Jehova, Manitu oder sonst wie genannt. Mir ist das völlig egal. “

„Sie wollen also der eine Gott sein? Sie erinnern mich zwar an Eric Clapton, aber ist war ja nur ein Gitarrengott.“
Er lächelte.

„Jeder sieht mich anders. Das ist okay.“
„Sie wollen mich wohl verkohlen?“
„Von wollen kann gar keine Rede sein. Meinen Sie etwa das macht Spaß?“


„Nicht?“
„Nicht wirklich. Was glauben Sie wie langweilig das ist, wenn man keine adäquaten Gesprächspartner hat? Immer alleine. Und dann auch noch ewig.“

„Ja. Nachvollziehbar. Und was machen Sie so die ganze Zeit?“

„Ich mache schon seit einiger Zeit nichts mehr. Zuletzt habe ich mal diesen Urknall gemacht. Ist aber schon länger her. Ob das so eine gute Idee war, weiß ich auch nicht mehr. Aber auch das hat ja wenigstens irgendwann ein Ende. Ich nicht. Wissen Sie, so ein Immerdasein, sie nennen das Ewigkeit, ist kein Zuckerschlecken. Kein Anfang kein Ende.“

„Ich verstehe. Und warum wollen Sie mir jetzt ein Interview geben? Soll ich den Menschen irgendetwas mitteilen?“

„Ich bewahre. Nein, nur nicht. Das ist bisher immer völlig daneben gegangen. Wenn Sie sich trauen würden, dieses Gespräch weiterzugeben, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Im günstigsten Fall werden Sie für verrückt erklärt und landen in einer geschlossenen Anstalt. Kennen Sie ja. Im anderen Fall werden Sie vermutlich von anderen zum Propheten gemacht und vielleicht sogar zum Religionsgründer. Das ist ja häufiger passiert, wenn ich mal mit jemandem geredet habe. Ich erinnere mich noch an diesen Moses. Der hatte so ein schlechtes Gedächtnis und wollte sich ein paar Sätze notieren. Auf Steintafeln. Das muss man sich mal vorstellen. Und dann wird gleich wieder eine Religion draus gemacht.“

„ Das war also gar nicht Ihre Absicht?“
„Ach was. Ein paar Tipps wollte ich dem geben, wie man besser miteinander klar kommen kann, mehr nicht. Ich weiß auch nicht, warum die Menschen da immer gleich diese Religionen draus machen. Ich bin nicht religiös. An was sollte ich auch schon glauben?“

„Und die Christen?“
„Ja, auch so ähnlich. Der Jesus sollte auch nur ein paar Tipps geben, wie die Leute besser miteinander klar kommen könnten. Liebe deine Feinde und so. Aber, sie haben ja gesehen, was dabei raus gekommen ist. Neue Religion. Neuer Brassel. Dabei hat der nur mal gesagt, seine Fans sollten seine Tipps an andere weitergeben. War nur gut gemeint.“

„Und Mohammed?“
„Ja, auch so einer. Immer wenn ich mal mit einem rede und der gibt das anderen weiter passiert so was. Und das irre ist, hinterher schlagen die sich auch noch gegenseitig tot, weil jeder meint, ich hätte ihm ein Exklusiv-Interview gegeben. Oder ich wäre sogar ein anderer als der der mit den anderen gesprochen hat. Das war schon immer so. Jeder verpasst mir einen anderen Namen und meint, mit den anderen hätte ein anderer gesprochen.“

„Wenn Sie ewig sind, was hat sie dann bewogen überhaupt so etwas wie diesen Urknall zu machen?“

„Nun werden Sie mal nicht übermütig. Ich hatte meine Gründe.“
„Darf die Öffentlichkeit die erfahren?“

„Besser nicht. Da werden mir dann wieder die Worte im Munde verdreht und schwupps haben wir die nächste Religion. Wenn Sie Pech haben, wird die nach Ihnen benannt. Dann gibt’s auf einmal die Schmitzen, hahaha.“

„Das wäre in der Tat furchtbar. Was halten Sie denn von den aktuellen Plänen einen Gottesstaat zu errichten?“

„Was für ein absurder Gedanken.Kommt immer mal wieder. Hab ich nichts mit zu tun. Können Sie mir glauben, hehehe. Wenn ich so etwas gewollt hätte, dann hätte ich das ja gleich so organisieren können. Wäre einmal die Woche vorbei gekommen und hätte was erzählt usw. Sie wissen schon. Mal als Busch, mal als Wolke. Alles schon mal versucht. Aber weil es jedesmal irgendwie falsch interpretiert wurde, lasse ich das seit einiger Zeit. Bringt ja nichts. Mir hört ja eh keiner richtig zu.“

„Aber die machen das in Ihrem Namen.“
„Ja. Das ist eine ziemliche Dreistigkeit. Aber was soll ich machen?“

„Und warum sprechen Sie jetzt mit mir?“
„Tue ich das?“

„Ich dachte.“

Er erhob sich langsam und ging Richtung Eingang. Bei meinem nächsten Besuch konnte sich niemand an einen Patienten, der aussah wie Eric Clapton, erinnern. Aber das kommt ja vor.

von: Heinrich Schmitz

Donnerstag, 22. Mai 2014

Frank-Walter Steinmeier 's lächerlicher Ausraster

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Hier zur live-Aufzeichnung:
http://www.youtube.com/watch?v=AX5m5swD-QU

Ach herrje, da spielt der ach so besonnene Steinmeier mal den kalkulierten Wütterich und schon liegen Frank-Walter die sozialdemokratisierten Massen auf Youtube reihenweise zu Füßen. Mit heißgelaufenem cholerischem Bariton in Überlautstärke überhaupt nichts Substanzielles gesagt und doch vortrefflich den Ton getroffen. Ja geht’s noch?

Hat sich da einer auf den Weg gemacht, doch nochmal eine persönliche historische Marke zu setzen? Denn von seiner gewesenen Außenministerzeit 2005-2009 ist ja nichts Aufregendes im Gedächtnis hängen geblieben. Die Vizekanzlerschaft von 2007-2009 ebenfalls Fehlanzeige. Dann ein paar Jahre saure Gurkenzeit und 2013 mit der Großen Koalition doch noch der unverhoffte Wiedereinstieg rechts von einer stabilen linken Mehrheit.

Höchste Zeit, dachte sich wohl nun der erneut veraußenministerte Steinmeier, seine bisher so blasse Polit-Karriere mit Heldentaten historischen Ausmaßes zu vergenschern. Dafür braucht’s aber die adäquate Krise! Aber leider taugt die Ukraine nicht für so etwas, wie Genschers historische Balkon-Rede. Kein deutsches Problem. Keine Emotionalisierung von Landsleuten über grenzen hinweg. Keine Ahnung. Und wie klänge das auch, wenn Steinmeier in einem russisch befreiten Donesk den verdutzen Rest-Ukrainern erklären würde: „Ihre Ausreise wurde bewilligt!“

Also kein goldener Lorbeerkranz in Aussicht. Keine Marmorbüste im Regensburger Walhalla beauftragt. Nein, nicht einmal für einen historischen Farbbeutelwurf samt geplatztem Trommelfell reicht es aktuell beim Steinmeier.

Also muss eine Strategie her: Wie wäre es denn, wenn wir nicht länger warten, sondern dort hingehen, wo man sich regelmäßig aufregt? Also abgemacht und Reichsparteitag mit Frank-Walter Steinmeier auf dem Berliner Alexanderplatz, der sonst Woche für Woche ein paar versprengten Montagsdemonstranten alleine gehört. Perfekt alleine schon deshalb, weil deren merkwürdige Anliegen medial bereits im Vorfeld ausreichend diskreditiert wurden. Und die Demo-erprobten Montägler halten Wort: „KRIEGSTREIBER!“ Das ist dann so schön laut und deutlich zu verstehen, dass Steinmeier sein Glück kaum fassen kann. Und überall Kameras! Zwei besonders gut positioniert in Richtung Steinmeier und Demo-Grüppchen.

Zunächst stockt Frank-Walter fast der Atem, wie er einem stockt, wenn die Gelegenheit endlich da ist, dann poltert er schon zu laut und deutlich zu überengagiert los:
„Ihr habt kein Recht! Der deutschen Sozialdemokratie muss man nicht sagen, warum wir für Frieden kämpfen!“ Wow!, das ist die große Ausholbewegung mit den ganzen ollen Kamellen, die Schröder und sein grüner Sozialpartner Fischer schon im ersten katastrophalen Durchgang geschmissen hatten, als man ihnen die Kampfjets über Belgrad verbieten wollte, als mit einem Handstreich Helmut Kohls Anti-Kriegseinsatzpolitik und Willy Brandts "Vom deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ posthum in den Lokus verfrachtet wurden.

Das muss man sich mal vergegenwärtigen, da protestieren Menschen auf dem Alexander, so wie andere mit viel größerer Not auf dem Maidan, dem Tahir oder sonstwo und Steinmeier, der von Vertretern des Koalitionspartner gerade gesagt bekam, seine Mission in der Ukraine sei planmäßig gescheitert, nimmt sich so ein paar harmlose Montagsdemo-Bürschchen und geifert in die aufgestellten Kameras: „Weil wir den Frieden wollen, dürfen wir es euch nicht so einfach machen! Es gibt immer noch Menschen, die Europa nicht verstanden haben.“ Niemand hätte wohl im Traume von dem Häufchen Elend mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet.

Und was soll man sagen, man will es kaum glauben, aber die Strategie geht auf. Nichts gesagt, aber dieser Schreihals-Ton, diese perfekt inszenierte Empörung kommt bei den Menschen vor den Computern gut an. Klick, Klick, Klickerdiklick.

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Und man kann sogar relativ genau sagen, seit wann das so perfekt funktioniert: Die kritische Marke jeder oppositionellen Grundhaltung war mit Bekanntwerden des NSA-Skandals und der Überwachung des Merkelschen Telefons überschritten. Seit dem gibt das Stockholm-Syndrom den Ton an. Ein gigantischer Solidarisierungseffekt. Sorge regiert wieder. Nun soll einfach alles so sein wie früher. Eine große Sehnsucht wächst nach der Bonner Republik und den stereotypen Ost-West-Feindbildern. Und Steinmeier spielt diesen Stockholm-Syndrom-Effekt perfekt aus. So schafft er es tatsächlich gegen jede Logik, gegen den gesunden Menschenverstand glaubhaft zu machen, das diese paar versprengten Montagsdemonstranten stellvertretend seien für eine kritische Masse von Menschen, die in der Lage sein könnten, Steinmeiers – nein, Deutschlands! – Außenpolitik zu gefährden.

Die FAZ berichtete perfekt begleitend, Frank-Walter Steinmeier vergleiche seine Tätigkeit als deutscher Außenminister mit der eines Ingenieurs, der vor einem Graben stehe: „Hier die Erwartungshaltung der außenpolitischen Elite des Landes aus Wissenschaft, Stiftungen und Publizistik, Deutschland möge gemäß seiner wirtschaftlichen Bedeutung mehr außenpolitische Verantwortung in der Welt übernehmen. Dort die Skepsis in der breiten Öffentlichkeit gegenüber einer stärkeren Rolle Berlins in der Welt. Ein Ingenieur würde sagen, erklärt Steinmeier (...) im Weltsaal des Auswärtigen Amtes, über diesen Graben lasse sich keine Brücke bauen. Die Politik aber habe keine Wahl.“

Ja ne, ist klar. Und auf alle Fälle beeindruckend, dass mal ein hochrangiger Politiker offen klar stellt, das längst nicht mehr das Primat der Politik gilt, sondern der außenpolitische Kurs im selben Maße von den global operierenden deutschen Unternehmen, vertreten von ihren Stiftungen und der Publizistik, bestimmt wird.

Was lernen wir daraus? Politisches Scheitern wird uns heute als herzerweichender Kampf gegen Windmühlen verkauft. Vorne weg und jetzt auch hart am Wind: der krächzende Sancho Panza der deutschen Außenpolitik. Einer der sich Sozialdemokrat nennt und nicht einmal genug Arsch in der Arbeiterhose hat, den Menschen reinen Wein einzuschenken, Ihnen mal klipp und klar zu sagen, dass das Modell Deutschland auf der internationalen Bühne zur Lachnummer geworden ist. Nein, der Bürger soll heute gefälligst intuitiv verstehen, was man sich nicht traut laut und klar auszusprechen. Rauszuschreien sowieso nicht.

Politik für Deutschland ist anachronistisch geworden. Aber wozu so frech beschweren, solange der Kühlschrank noch immer gut voll geamcht wird? Nein, Deutschland war nie souverän, Deutschland ist nicht souverän und Deutschland wird es nie mehr sein. Souveränen Gestus zeigt man heute nur noch gegenüber wenigen Hartzern und paar Studenten auf dem Alexanderplatz, wenn man ihnen in Selbstverliebtheit und bigotter Entrüstung entgegengeifert:

„Europa, das ist die Lehre von Zeiten, in denen sich Menschen nicht zugehört haben, in denen man aufeinander geschossen hat. Ich fordere Euch auf, hört zu!“

Das ist natürlich nicht zum Totschießen, sondern zum Totlachen. Keine Sorge, lieber Frank-Walter, von diesen Montagsdemonstranten hast Du nicht zu befürchten. Deshalb hast Du sie Dir ja auch für Deine Wutrede ausgesucht und nicht Deinen Kollegen John Kerry oder den nächsten vorlauten Aufsichtsratsvorsitzenden, der morgen oder wann immer mit großer Fresse unangemeldet in Dein Büro platzt oder Dich gleich in seines zitiert. Herrje, wie erbärmlich das alles ist.

Montag, 10. März 2014

Matthias Matussek wird 60 - Glückwunsch!

Mitten im Bonus des Lebens

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Lieber Jubilar,

gut, die nackte kalte Wahrheit gleich zuerst. Machen wir uns nichts vor Matthias: 60 Jahre alt zu sein, ist hart, eigentlich sogar richtig scheiße. Nein, 60 ist auch keine Hausnummer, an der wir mal eben vorbeimarschieren könnten, als hätte man die weiteste Strecke noch vor sich. 60 ist schon verdammt alt. Zumindest dann, wenn man schon mal 20, 30, 40 und 50 war. 60 ist Synonym für Rentner.

Zumindest für die, die 40 Jahre körperlich hart malocht haben. Gut, hast Du nicht. Du bist ja ein Dichter und Denker. Und diese Berufsgruppe ist ärmer dran, als der ärmste Polier, denn als Edelfeder hat man keine Ausreden, nicht mehr produktiv sein zu wollen. Edelfedern müssen Tinte spritzen bis zum bitteren Ende. Also wenn Du so richtig Pech hast, geht das Theater noch satte 30 Jahre munter so weiter. Also 30 Jahre immer brutal am Zeitgeist lang, immer mit dem Leben der Jüngeren im Update bleibend. Ne ne, 60 kann für Dich nur ein kurzer, schneller Boxenstopp sein. Ein Time-Out allenfalls als Gelegenheit, mal an sich herunter zu schauen. Narben, Verletzungen und chronische Krankheiten zählen. Inventur machen also.

Die allerbesten Jahre bereits hinter sich

Aber selbst dann, wenn man darüber hinweghasten möchte, bleiben doch diese unbestechlichen Statistiken in ihrer für einen 60-Jährigen wohl verachtenswertesten Sprache: 30 Prozent aller 50-54 Jährige beklagen gesundheitliche Einschränkungen, bei den 60-65 Jährigen sind es bereits 50 Prozent. Nein, das Leben schreitet nicht einfach nur so voran, wie ein majestätischer Fluss, die Sache entwickelt sich gerne mal zum gefährlichen Sturzbach. Wer behauptet, es verliefe linear, der versteht nichts vom Leben.

Jeder über 45 weiß, dass man jetzt, mindestens körperlich, seine allerbesten Jahre bereits hinter sich hat. Ab 45 beginnt zwar noch nicht der Altenteil, aber schon so etwas, das man als Bonus des Lebens bezeichnen könnte. Gut, man kann den körperlichen Verfall mit viel Sport und Schweiß konservatorisch noch eine Weile bekämpfen, aber es bleibt, was es ist: reinster Sisyphos.

Nun liegt natürlich viel an den Begleitumständen und der so genannten „inneren Einstellung“. Zählen die einen was war anhand der Einschläge, ziehen andere ihre Erfolgsbilanz. Oder kürzer: Pessimismus vs. Optimismus.

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Bei Dir lieber Jubilar ist das freilich noch einmal etwas komplizierter. Denn natürlich sahst Du die 60 schon kommen, als sie noch gar nicht um die Ecke gebogen war. Und weil Du Dich sorgtest, was da nun kommen würde, hast Du die Sache schon mal im Vorfeld durchexerziert, indem Du Dich literarisch an einem Gleichaltrigen abgearbeitet hast, der schon ein paar Wochen früher als Du die 60 erreichte. Quasi als Testdurchlauf und – na klar – auch als versteckte Bitte, wie Du selbst behandelt werden möchtest, wenn die Zeit gekommen ist, wenn man ganz verlegen mit 60 roten Nelken vor Dir und Deinem Geburtstagsschaukelstuhl steht.

Nicht der Helmut-Schmidt-Weg

Also gedanklich, denn Du bist ja rechtzeitig nach Rio geflüchtet, um dort durch den Karneval zu tanzen, als wärst Du wieder 25 – herrjee. Ausgerechnet dort, wo Du ein paar Jahre lang für den Spiegel tätig warst: „Matthias Matussek, unser Mann aus Rio.“ Wir dürfen also annehmen, das dieser Abschnitt in Deinem Leben ein besonders wichtiger für Dich war, dass Du Dich zu diesem zwiespältigen Jubiläum dorthin verkrochen hast. Aber zurück zum Gleichaltrigen. Gemeint ist der Pop-Titan. Über eine Begegnung mit Dieter Bohlen – übrigens rein zufällig ebenfalls in Rio! – schriebst Du etwas, das perfekt geeignet ist, Deinen Vorab-Gemütszustand zu erzählen:

„Nun ist er also 60 geworden. (…) Er hat ja schon vor mindestens 30 Jahren jene Apfelbäckchen-Alterslosigkeit erreicht, die das Ziel der Peter-Pan-Generation ist. Es sei denn, man sieht aus wie ein ehrwürdiges Monument aus Exzess und Verfall und Drogen. Bohlen ist die Vitaminvariante. Glückwunsch, Dieter Bohlen, prima hingekriegt, dieses Leben ohne Risiko, aber auch ohne Aussetzer. Nun ist er 60. Ich bin es in drei Wochen. Wie entsetzlich!“

Ohne die Psychologie zu sehr zu bemühen, unterliegst Du hier natürlich einer Fehleinschätzung. Nein, dieser dunkelbraune Falten-Bohlen, diese Botox-Variante eines Joachim Gauck, dieser quengelige Shar-Pei II aus Tötensen, dieser seit Jahrzehnten in die selbe zu enge Stonewashed-Jeans Gequetschte, sieht keineswegs jünger oder frischer aus als Du. Ihr beide seid nun einfach 60. Und man sieht es Euch an.

Lieber Jubilar, stimmt, das ist keine Schmeichelei. Und seien wir ehrlich, Dir in diesen rauen Tagen zu schmeicheln – Geburtstag hin oder her – hätte auch etwas von einem Himmelfahrtskommando. Nein, Du hast Dich schon vor Deinem 60-sten entschieden nicht den Helmut-Schmidt-Weg zu gehen. Denn anstatt Dich nun in aller Seelenruhe die kommenden 30 Jahre mit Menthol-Zigaretten zu belüften, hast Du das rostige Bajonett poliert, umstandslos aufgepflanzt und Dich ins Getümmel gestürzt, als gäb’s kein Morgen.

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Rumble in the Jungle im Feuilleton

Die Geburtstagsständchen gerieten entsprechend unterirdisch. Aber so ist das wohl, wenn man die Frechheit besitzt, wenn man noch mal in den Ring steigt, ein paar brutale Uppercuts austeilt und dann selbst mit ein paar üblen Cuts einfach nicht auf die Matte will. Rumble in the Jungle im Feuilleton. Ein großes Tohowabou und Du wütend und grinsend zugleich im Auge des Hurricans.

Und der beste Zeitpunkt, es frei heraus auszusprechen: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Du alter Kämpfer. Lass es bitte nie, niemals ruhiger angehen. Es würde etwas fehlen. Bleib einfach so lange es geht der Stachel im so elend abgesoffenem Feuilleton der Anständigen, die sich in ihren rosa Tütüs in Papierschiffchen um die Einfahrt in die letzten sicheren Häfen balgen. Alles Gute!

Samstag, 8. März 2014

Sibylle Lewitscharoff - völkisch, genetisch, blöd.

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Mann, kaum ist das letzte feuilletonreife Theater seicht verklungen, wird schon das nächste rund um diesen Themenkreis „drohender neuer Konservatismus“ aufgeführt. Dieses Mal versammelt man sich um eine Rede der Literatin Sibylle Lewitscharoff in Dresden am Schauspielhaus im Rahmen der Reihe „Dresdner Reden“.

Nietzsche, Ezra Pound und den todessüchtigen Genet verbieten Herr Diez?

Der gute Dirk Knipphals schreit herrlich laut und famos in der „taz“, David Hugendick glossiert in der „Zeit“, Andreas Platthaus wütet in der „FAZ“ und – logisch – Georg Diez für „Spiegel Online“. Der hatte sich sogar schon im Vorfeld warmgelaufen, als die Autorin den Büchnerpreis bekam und er sich fragte, ob Lewitscharoff womöglich gar keine tolle Autorin, sondern nur „eine vom Reinlichkeitswahn der schwäbischen Hausfrau getriebene Langeweilerin“ sei. Diez also hat schon vorher alles richtig gemacht. Entsprechend hahnenstolz auch sein Nachschlag, in dem er nicht weniger als den Untergang des kultivierten Abendlandes identifiziert und „die Literaturkritikerinnen und -kritiker und all die Betriebsonkel und -tanten, die sie gefördert haben mit Preisen und Stipendien“ ultimativ auffordert, sich dazu zu verhalten. Ein Lynchaufruf quasi. Herrlich!

Allerdings: Nach Diez’ Logik, die so genau der abgekoppelten Logik der Dr. Ryan Stone aus „Gravity“ entspricht (Zeitgeist völlig losgelöst), müsste man nun ebenfalls Nietzsche, Ezra Pound und den todessüchtigen Genet verbieten beziehungsweise boykottieren.

Noch herrlicher dann ein Satz irgendwo in der Mitte bei Diez, wenn er so wunderschön diebisch-diezisch attestiert: „Wenn sie dort Schluss gemacht hätte, der Skandal wäre ihr sicher gewesen. Sie wollte aber mehr, sie wollte Verachtung.“ Und beim „Spiegel“-Bumser ist es nun auch kein Konservatismus, keine neue Rechte mehr, sondern – Achtung! – ein neuer „Klerikalfaschismus“, den Lewitscharoff dem deutschen Lesevolk da präsentiert. Dazu das Übelste gleich vorweg: Georg Diez hat natürlich völlig recht.

Keine Scheu, Privatestes auf den Tisch zu legen

Aber gehen wir mal gemeinsam in die Recherche. Da gibt es zwar zunächst einen Link zu einer Tonspur, aber keinen gedruckten Text, wo es sonst auf der Website des Schauspielhauses noch jede der Dresdner Reden zum Downloaden gibt. An der Stelle zum Download findet sich nun eine als „Offener Brief“ falsch etikettierte „Wutrede“ von Robert Koall, dem Chefdramaturgen des Hauses. Dramatisch, unsachlich, gut! Ein Anruf in der Dramaturgie löst das Rätsel schnell auf: die Lewitscharoff-Rede wäre in Kürze downloadfähig, sie läge noch beim Lektorat. Und man hält Wort.

Nun kann man der Autorin beziehungsweise Rednerin eines schon nach wenigen Seiten bescheinigen. Die Frau kann schreiben wie wenige neben ihr. Wunderschöne dramatisch tragische Sätze sind dabei. „Das Todestheater meiner Mutter war ungeheuerlich. (…) Steckelsdünn, kraftlos, auf Minuten schon dem Tode nahe gerückt, bäumte sich in ihrem Bett auf, packte alles, was auf ihrem Nachttisch stand und warf es gegen einen Kruzifix an der Wand, röchelte tief und verschied.“ Was für ein schwarzer Sound. Das swingt. Wer Wörter und Sätze so zum Schwingen bringen kann, der hat großes Talent.

Und Lewitscharoff hat keine Scheu, Privatestes auf den Tisch zu legen, wenn sie über ihre geliebte Großmutter, über den Selbstmörder-Vater und die verzweifelte Alkoholiker-Mutter erzählt, die elend an Krebs zugrunde ging, während ihre Großmutter doch mit einem ähnlichen Schicksal voller Gottvertrauen und quasi mit einem Lächeln, friedlich und im Haiabettchen in die ewigen Jagdgründe einging. Wunderbar.

Sicher wird auch das Dirk Knipphals dazu veranlasst haben, so zu enden: „Wie man aus der Literaturgeschichte weiß, können auch politisch fragwürdige und menschenverachtende Schriftsteller interessante Bücher schreiben.“ Na klar, das meint er wohl als Beschreibung einer weichgespülten Version von der Geschichte des Sachsenhausen-KZ-Kommandanten, der Blumenbeete vor den tödlichen Elektrozaun, niedliche kniehohe Holzzäune und einen künstlichen See anlegte, um den herum kleine Findlinge gruppiert wurden.

Lewitscharoff hatte nun also in ihrer Dresdner Rede wunderbar dramatisch über den Tod ihr nahestehender Personen referiert. Und das tat sie, um überzuleiten zu den modernen Todesarten unserer Gesellschaft, diesen mit den Glaceehandschuhen der modernen Medizin durchgeführten, die so wunderbar Schmerzen auslöschen kann, aber nur das Leben hinauszögert, hin zu einem „qualvoll verlängerten Horror“.

Ein seltsame Art literarischer Selbstmord

Sie sehen, wir befinden uns auch hier, mittig der Rede, noch im grünen, im mitfühlenden Konsens-Bereich. Die Sache kippt in dem Moment ganz furchtbar, wenn der böse Geist der so friedlich verstorbenen Großmutter von Lewitscharoff Besitz ergreift und Organspende und Patientenverfügung so kommentiert:

„Mir ist, sowohl was das Leben anlangt als auch den eigenen Tod, die um sich greifende Blähvorstellung der Egomanen, sie seien die Schmiede ihres Schicksals, sie hätten das Schicksal in der Hand, seien gar die Herren über es, zutiefst zuwider.“

Dann schwankt die Autorin am Brutkasten eines todgeweihten morphinierten Säuglings ganz fürchterlich zwischen biblischer „Erbsünde“ und „radikaler Unschuldsvermutung“, dass dem Zuhörer schon ganz gruselig wird. Aber gut, Lewitscharoff hofft dann in einem letzten Aufbäumen ihrer sich zur Hysterie der Kinderlosen aufgebäumten Narretei vom „Glanzvollem des Todes“, vom „würdigen Sterbebett“.

Ja, es wird knüppeldüster in Dresden im Schauspielhaus. Zu gerne würde man da wissen, wie so etwas live passiert. Ist das gehörte Wort zu schnell verklungen, bleibt etwas haften, ist die Sogwirkung größer, bleibt das Analytische noch ganz fern? Egal. Denn dieser elende Absatz andauernde Todesstoß ist identisch im Ton wie im Wort. Ein einzigartiger literarischer Selbstmord, der mit einer Art Mittelalterkommunion beginnt: „Im Lauf der Jahre hat sich (bei der Autorin) die Rückbindung an den christlichen Vorstellungskreis, was Leben und Tod, was Sünde und mögliche Vergebung angeht, enorm gekräftigt.“

Eine übelriechende Totgeburt

Und als so runderneuerte Katholikin folgt sogleich das nächste Bekenntnis, das so geht, dass Schwangere automatisch das alleinige Recht auf ihren Bauch verwirkt hätten und der ab dem Zeitpunkt dem „Kind und dem dazugehörenden Vater“ und einer „Reihe vorausgegangener Generationen“ mit gehört. Krachwumm, wir sind beim völkischen Aspekt des Lebens angelangt. Generatives Denken versus Onanie zum Zwecke der künstlichen Befruchtung, dem „Horror (…), auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen“.

Mitreißender Literatur ist unvermittelt eine Horrorrede entwachsen. Eine übelriechende Totgeburt um im Bild zu bleiben. Der Galgen für die Moderne ist aufgestellt. Und die, die das gerade noch rechtzeitig ebenso empfinden, haben laut Autorin „noch nie einen Gedanken verschwendet“ über „Ursprungskonstruktion“. Sie meint damit tatsächlich – Herr lass Asche regnen! – die Entstehung eines Kindes durch Geschlechtsverkehr und die Ahnen, die aus dem Jenseits wohlwollend die gelungene Kopulation in Echtzeit betrachten. Oh je. Und weil das alles so gotterbärmlich widerlich ist und die Autorin es ja selbst bemerkt, müssen noch kurzerhand die – kein Witz! – „Schöpfungsmythen“ als Alibi herhalten.

Und Büchner würde sich im Grab umdrehen

Im Finale dieser sensationell monochromen Dark-Ages-Rede: dann die vollkommene Verabschiedung von der Moderne wie wir sie kennen. Wenn die Autorin, der ein Kinderlächeln unheimlich, ja direkt suspekt ist, in die vollen Ränge geifert, dass das Unheil, so …

„es geschehe durch höhere Gewalt und nicht vermittels eigener Entscheidung (…) ungleich bekömmlicher für das Leben (ist), das wir alle führen müssen, in dem sich Glück und Unglück, Gelingen und Misslingen als undurchschaubare Wechselbälger zeigen. Heiteres Gewährenlassen und nicht über alles, wirklich alles bestimmen zu wollen, ist geradezu der Garant für ein in Maßen gelingendes Leben. Das Glück ist eh ein flüchtiges Bürschle im Flatterhemd, welches schneller flieht, als dass man es festhalten könnte.“

Was für eine zutiefst unglückselige Autorin. Eine wahnsinnige Verschwendung eines großen Talents. Genie und Wahnsinn im Prozess der düstersten Umverteilung. Und Büchner würde sich jetzt sicher schwindelig im Grab umdrehen: „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“

Dienstag, 4. März 2014

UKRAINE – Folgt der Konflikt einem bekannten Muster?

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Fangen wir zunächst mal mit drei subjektiven Wahrnehmungen an:

Eine Bekannte, die als Teenager aus der Ukraine übersiedelte, erzählt, das sie schon als Kind beim Schiffeversenken Russland gegen Ukraine spielte. Erklären wollte sie damit eine immer schon bestehende natürliche Rivalität zwischen den Ländern. Nächste Wahrnehmung ist ein Auftritt Gregor Gysis bei Günther Jauch, der eine erschreckende Naivität an den Tag legte, die man so von dem ansonsten durch fundierte Beiträge glänzenden ehemaligen Ostblock-Politiker nicht gewöhnt ist. Und die dritte Wahrnehmung ist so dämlich, das sie anonym bleiben darf, denn sie erzählt nur von einem Stammtischler der ungefragt kundtat, das nun mit einer wachsenden Zahl ukrainischer Prostituierter zu rechnen sei, von denen er gehört hätte, das die bei deutschen Freiern besonders beliebt seien.

Konzentrieren wir uns aber zunächst einmal auf diese vielbesprochene Günther Jauch-Sendung, denn die war für viele Zuschauer die an Informationen bisher reichhaltigste Quelle über einen undurchsichtigen Konflikt, der aktuell von zu vielen Lohnjournalisten leider unisono auf diese dilettantische Gregor-Gysi-Art-und-Weise besprochen wird.

Heimat misst sich an Bewohnern

Das fand scheinbar auch Patrick Bernau für die „Faz“, der sich immerhin ganz besonders intensiv über den „Grundkurs Ukraine“ seitens der jüngsten, aber kompetentesten Diskutantin, der deutschen Piratin ukrainischer Herkunft Marina Weisband, freute.

Für die eloquente Diplompsychologin sind Einmischungen von außen in den Konflikt nicht das Mittel der Wahl. Für die Idealistin – Jugend darf das! – muss die politische Erneuerung der Ukraine aus dem Volk heraus passieren. Damit war aber schon das erste ungelöste Problem auf der Tagesordnung. Denn da wo Weisband Volk sagt, meint sie wohl eher Staatsbürger. Die Ukraine ist knapp doppelt so groß wie Deutschland bei einer halb so großen Bevölkerungsanzahl. Dreiviertel der Bevölkerung sind wohl ethnisch Ukrainer, aber in der autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol sind russischstämmige Ukrainer die bei weitem bedeutendste Volksgruppe und sunnitische Krimtataren mit heute über zehn Prozent der Bevölkerung die zweitgrößte Minderheit. So gesehen wäre eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der Krim zu Russland oder der Ukraine wahrscheinlich von jeher reine Formsache pro Russland.

Das erinnert Historiker vielleicht an die Situation des Deutsche Reiches nach dem Versailler Vertrag, wo große Gebiete mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung nicht mehr zum Reich gehörten. Eine der vielen Lunten übrigens, die Hitler nach Belieben für sein großes zerstörerisches Feuerwerk entzündete. Die Lehren daraus sind bekannt und dauern bis heute an. Überall, wo es Machträume gibt, die ethnisch nicht den Machthabern folgen, wird ermordet, vertrieben und neu besiedelt. Ethnische Säuberungen sind seitdem mehr und mehr das Mittel der Wahl geworden, will man einen neuen Status Quo erzwingen. Heimat misst sich längst nur noch an Bewohnern, nicht mehr am angestammten Land.

Aber auch über Jahrzehnte bestehende ethnische Konflikte sind nicht die Hauptursache des aktuellen Konfliktes in der Ukraine. Hier muss mehr dahinter stecken. Und einiges verweist hier auf altbekannte Muster vergleichbarer Konflikte des 21.Jahrhunderts.

Perfekt aufgestellt für die internationalen Medien

Analog zum Kairoer Tahrir-Platz und zum Istanbuler Taksim-Platz haben wir in Kiew den Majdan. Die Keimzelle der Umwälzungen, der Demonstrationen, konzentrierte sich auch in der Ukraine nicht etwa auf eine unüberschaubare Region oder Landesteile, sondern medienkompatibel auf einen überschaubaren Platz in der Hauptstadt, der dann perfekt geeignet ist, weltweit den Eindruck zu hinterlassen, wir befänden uns mitten im Zentrum eines Volksaufstandes. Volle Straßen, urbane Verwerfungen mit auffälligem Militäraufgebot usw.

Alles perfekt aufgestellt für die internationalen Medien, die in den Metropolen sowieso bereits ihre Zentralen betreiben. Zeltlager, Bühnen und nächtliches Feuerwerk tun ihr Übriges. In diesem dichten Hexenkessel reichen Aktionen weniger Provokateure von beiden Seiten für eine maximale Außenwirkung. In so einer zentralistisch gesteuerten ehemaligen Sowjetrepublik ist der Effekt natürlich noch einmal größer.

Als nächstes folgt dann in altbekannter Manier die komplette Diskreditierung des Staatsoberhauptes zum Diktator, Machthaber oder Despoten. Wir erinnern uns, weil es dieser Tage es so schnell in Vergessenheit gerät: Der Präsident der orangenen Revolution, Wiktor Juschtschenko selbst schlug 2006 Janukowytsch als Ministerpräsidenten vor. Als Ministerpräsident sprach sich eben dieser Janukowytsch anfangs sogar für den EU-Beitritt der Ukraine aus und düpierte damit Russland. Bei vorgezogenen Wahlen 2007 gewann Julija Tymoschenko und 2010 wurde erneut Janukowytsch gewählt. Vor der Wahl Tymoschenkos drohte Russland damit, die als Gegenleistung für die ukrainischen Gasleitungen nach Europa subventionierten Gaspreise deutlich anzuheben. Immerhin 80 Prozent des russischen Gasexports die nach Europa fließen werden durch die Ukraine geleitet.

Aber weiter in der erkennbaren Methodik: Die Protzvilla des Despoten fehlt nun noch. Ein perfektes Instrument, um Neid und Abscheu zu erzeugen, wie man bei Gaddafi so medienwirksam bereits durchexerziert hatte. Das quasi gleich auf der anderen Straßenseite gegenüber Janukowytschs Villa weitere, noch protziger Villen der Oligarchenfamilien stehen sollen – wie Frau Weißband berichtete – interessierte die Medien kaum. Der Grund ist einfach: Die Türen waren verschlossen. Wozu also klingeln und um Filmaufnahmen bitten?

Jetzt fehlt nur noch der finale Moment

Nächster Akt dann die unter großem Jubel und Fahnenmeere organisierte Freilassung echter oder unechter prominenter politischer Gefangener – bis heute ist ja ungeklärt, ob und welche Wirtschaftsverbrechen Frau Tymoschenko tatsächlich begangen hat – oder wahlweise die Heimkehr eines Politikers aus dem Exil. Die intensive Arbeit oder Beratertätigkeit diverser ausländischer Geheimdienste setzen wir übrigens bei all diesen Umstur-Prozessen einfach mal voraus, ohne sie im Einzelnen investigieren zu wollen.

Jetzt fehlt nur noch der finale Moment, zunächst die Heraufbeschwörung einer Kriegs- oder besser Weltkriegsgefahr, dann zeitnah, wenn die internationalen Medien richtig in Brand geraten sind, der offizielle Hilferuf einer Übergangsregierung, die dann den Einsatz ausländischer Kräfte zumindest moralisch weitestgehend legitimiert. Und siehe da, Frau Tymoschenkos soll bereits aus ihrem Rollstuhl heraus einen Hilferuf gesandt haben. Der Weg scheint also frei für eine erneute Umverteilung von Staatseigentum unter Wenigen. Putin hat damit übrigens am wenigsten zu tun. Er ist in diesem Spiel nur widerwillig zum Buhmann geworden, weil er seine angestammten Interessen schützen will. Denn den Buhmann von außen braucht es ja immer.

Sicher annehmen darf man nun, das sich in fünf bis zehn Jahren neue Gesichter aus der Ukraine melden und vielleicht irgendwo in Europa einen Fußballverein kaufen und was sonst noch so gefällt und unverschämt teuer ist. Der Lebensstandard der Ukrainer wird dabei allerdings allenfalls stabil bleiben. Stabil niedrig.

Das freut dann allenfalls den anonymen Stammtischler und Gregor Gysi, der dann wieder sagen kann, er hätte ja eh schon immer gewusst, dass das nur zu Lasten der Ärmsten gehen kann. Was für ein Trauerspiel. Arme Ukraine.

Montag, 3. März 2014

Horst Mahler: Im Februar 2014 bereits fünf Jahre in Haft

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Diesen Februar vollendete Horst Mahler sein fünftes von zwölf Knastjahren. Vom erhofften Märtyrertum ist er weit entfernt. Er gerät sogar schon in Vergessenheit. Zeit, ihn endlich freizulassen.



Nachschlag für Häftling Nr. 746/09

Ich weiß ja, die Sache ist maximal unangenehm, aber man sollte trotzdem mal darüber sprechen. Eine der schillerndsten und auch düstersten Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte, der Rechtsanwalt (heute ohne Zulassung) Horst Mahler, sitzt im Gefängnis und verbüßt dort eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren wegen Volksverhetzung und anderer – nennen wir sie mal verharmlosend – verbaler Vergehen.

Und jetzt frage ich Sie vorab: Wie kann es so weit gekommen sein, dass wir es in Deutschland wieder für nötig erachten, einen alten Mann länger als ein Jahrzehnt wegzusperren, nur dafür, dass er etwas äußert, das wir für menschenverachtenden Schwachsinn halten, während das Internet mit exakt derselben Scheiße randvollgestopft ist, ohne dass wir wirklich etwas dagegen tun könnten? Wie viel Angst zeigen wir eigentlich damit vor solchen Geisteshaltungen? Was fürchten wir? Fürchten wir am Ende, dass das, was der alte Mann äußert, tatsächlich die Kraft und das Potenzial hätte, unsere Jugend oder sogar uns selbst zu vergiften? Haben wir heute wirklich so wenig Vertrauen, dass wir annehmen, dass ausgerechnet Mahlers Thesen geeignet wären, unsere demokratische Grundordnung auf eine Weise zu gefährden, die wir nur mit dauerhaftem Wegsperren beantworten können? Mit lebenslänglich? Was ist los mit uns, was fürchten wir eigentlich? Welches Detail dieses düsteren Paralleluniversums ist in der Lage, uns eine solche Angst einzujagen? Eine Schande für uns und unser demokratisches Selbstbewusstsein.

„Ich sitze hier, weil ich hier sitzen will“

Horst Mahler wurde am 23. Januar 78 Jahre alt. Die unglaubliche Vita dieses Mannes ist den meisten in unterschiedlichen Details bekannt. Aber es gibt bis heute keine Biografie. Niemand wagt sich aus unterschiedlichsten Gründen an diese Mammut-Aufgabe.

Was das hohe Strafmaß für Mahler angeht, so bleibt bis heute fraglich, ob die Gesetzgebung tatsächlich mit einer solchen Hartnäckigkeit bzw. Unbelehrbarkeit gerechnet hatte, als sie den Paragrafen 130 StGB (Volksverhetzung) 1994 (Absatz 3: Einschränkung des Artikels 5 Absatz 1 Grundgesetz zur „Freien Meinungsäußerung“) und 2011 erweiterte bzw. verschärfte. Mahlers Strafmaß reicht an jenes heran, welches man sonst bei Totschlag und anderen Schwerverbrechen erwarten darf.

Zwölf Jahre wegen Volksverhetzung. Und anscheinend kann man für jede neue Volksverhetzung zusätzlich abgestraft werden. Die Sache summiert sich also. Für Horst Mahlers Hitlergruß, gerichtet an Michel Friedman in einem Interview, gab es dabei beispielsweise etliche Monate. Ebenso, wie für den Hitlergruß vor dem Gefängnis an ein paar rechtsradikale Zaungäste gerichtet. Die Liste ist lang. Und bizarrerweise wurde sie auch deshalb länger, weil Mahler dort, wo es keinen Kläger gab, Selbstanzeige erstattete und dazu vor Gericht äußerte: „Ich sitze hier, weil ich hier sitzen will.“

Vom Landgericht München II gab es beispielsweise sechs Jahre Freiheitsstrafe, aus Potsdam fünf Jahre und vier Monate und aus Landshut noch mal zehn Monate Freiheitsstrafe, die sich alle im Prinzip auf §130 StGB stützen – insgesamt kam so besagter Freiheitsentzug von insgesamt zwölf Jahren zusammen. Aber welche ist nun die Strafzwecktheorie, mit der man mit gesundem Menschenverstand diese zwölf Jahre begründen könnte – zu denen übrigens noch weitere kommen könnten, wie wir gleich noch erfahren werden?

Was macht man mit so einem Mann?

Es geht beim Strafvollzug darum, dem Verurteilten Haftzeit zu geben, seine Taten zu reflektieren, also um Sühne, um Resozialisierung. Und auf der anderen Seite geht es um Abschreckung und Vergeltung. Also um so etwas wie Schuldausgleich. Paragraf 46 I Satz 1 StGB besagt dabei in etwa, dass die festgestellte Schuld Grundlage für die Zumessung der Strafe sein soll. Aber was nun tun, wenn Strafe ihre Wirkung komplett verfehlt?

Ein pikanter Fall in dem Zusammenhang war der des ehemaligen „Spiegel“-Journalisten Fritjof Meyer, der journalistisch wohl so etwas wie eine Relativierung des Holocaust vornahm, dafür ausgerechnet von Horst Mahler, natürlich aus naheliegenden Beweggründen, angezeigt wurde, und straffrei davonkam mit der Begründung, Meyer würde „die Barbarei nicht relativiere(n), sondern verifiziere(n)“.

Nun relativiert Mahler nicht nur, er streitet sogar kategorisch ab. Was macht man verdammt noch mal mit so einem Mann? Horst Mahler war zudem befreundet mit einer Reihe hochrangiger ehemaliger deutscher Politiker: Seine anwaltlichen Leistungen haben die Selbstauffassung des gesamten Anwaltstandes über Jahrzehnte hinaus nachhaltig geprägt. Der Mann hat sich also tatsächlich einmal für die freiheitliche Grundordnung verdient gemacht. Da steht er mindestens in einer Reihe mit Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Klaus Croissant.

Anwälte wie der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder waren sicher auch deshalb mit Horst Mahler per Du. Aus Respekt. Schröder war es sogar, der vor Gericht die zwischenzeitliche Wiederzulassung Mahlers als Anwalt erstritt. Ex-Freund Otto Schily brachte ihm Hegels gesammelte Werke in den Knast, als Mahler noch als Linksterrorist einsaß, später standen sich beide im NPD-Verbotsverfahren gegenüber. Mahler als Anwalt der NPD, Schily als Innenminister. Mahler entschied das Duell für sich.

Dieser merkwürdig spröde Interview-Dokumentarfilm „Die Anwälte“ führte Ströbele, Schily und Mahler noch einmal zusammen, ohne dass sie dabei direkt aufeinandertrafen. Auch hier blieb ein schaler Eindruck zurück. Ausgerechnet der düsterste der drei, Horst Mahler, machte den aufgewecktesten, den offensten, den hellsten, ja, fast sogar den sympathischsten Eindruck.

Dem exzellenten Journalisten Malte Herwig, der das Talent besitzt, mit schlafwandlerischer Sicherheit und sprachlicher Raffinesse Stimmungen und Fakten miteinander in Einklang zu bringen, kommt das Verdienst zu, in Sachen Mahler ein tieferes Verständnis für dieses Gemengelage aus Links und Rechts, aus RAF und nationaler Verwirrung ein stückweit aufzudröseln. Herwigs Kunststück besteht auch darin, selbst nicht in die Schusslinie zu geraten und das, obwohl er nicht die fast schon standardisierten Psychologisierungs- und Pathologisierungsklischees im Umgang mit Rechtsradikalen bedient. Sein Artikel in der „Zeit“ über einen Besuch in der JVA bei Mahler ist Pflichtlektüre, will man sich diesem unappetitlichen Fall annähern.

Horst Mahler ist jetzt ein politischer Gefangener

Bleiben wir kurz noch bei Mahler in der JVA. Denn ausgerechnet dort gelang es Mahler, ein Buch zu schreiben, das wohl inhaltlich geeignet ist, alle seine gesammelten Straftaten, für die er derzeit einsitzt, noch einmal zusammenzufassen. Das führte zu so seltsamen Erkenntnissen wie die des Richters Andreas Dielitz vom Landgericht Potsdam, der den Computer selbst als Mahlers eigentliches Tatwerkzeug identifizierte: „Das ist so, als ob man einem Einbrecher Einbruchswerkzeug zur Verfügung stellen würde“, sagte der Jurist. Was ja im Umkehrschluss hieße, dass Mahler auch nach seiner Haftentlassung striktes Computerverbot bekommen müsste. Will man ihm zusätzlich noch die Bleistifte verbieten? Also alles, was irgendwie in der Lage wäre, Gedanken festzuhalten? Was kommt, wenn auch das versagt? Elektroschocks, um den falschen Gedanken endgültig den Garaus zu machen?

Aktuell ermittelt die Cottbuser Staatsanwaltschaft nun wegen dieses Buches und des erneuten Verdachts der Volksverhetzung gegen den Inhaftierten. Zu den zwölf Jahren können also tatsächlich noch weitere hinzukommen. Wie weit lässt sich so etwas betreiben? Kann man in Deutschland mit „verbaler Geschicklichkeit“ über 100 Jahre sammeln, selbst dann noch, wenn man bereits 78 Jahre alt ist?

Horst Mahler ist jetzt ohne Zweifel ein politischer Gefangener, wo er in Freiheit nur ein verwirrter böser Mann sein konnte. Und das war, was er immer schon sein wollte! Und was könnte dieser Horst Mahler in Freiheit Schlimmeres verzapfen, als das, was ihm ja bereits während der Haftzeit mit einem Buch besser gelungen scheint als in relativer Freiheit? Das lehrt im Übrigen auch die gesamte RAF-Geschichte: Die größte Wirkung erzielten die RAF-Kämpfer während ihrer Haftzeit. In diesen Jahren wurden die nächsten Generationen akkreditiert.

Lassen wir Horst Mahler also jetzt endlich frei, wenn das irgendwie möglich ist. Denn Freiheit für Horst Mahler bedeutet für unsere Gesellschaft außerdem, einem 78-jährigen Mann, der damit die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes bereits um ein Jahr überschritten hat, noch ein paar Momente dessen genießen zu lassen, was wir anderen ein gutes Leben nennen, und was diesem Menschen offensichtlich so gut wie nichts mehr bedeutet. Strafe hat im Falle Mahlers keinen Sinn mehr.

Und was soll dieser Mann heute noch mit seinen Äußerungen anrichten? Was verdammt noch mal haben wir zu befürchten? Dass er in unser Hirn kriecht mit seinen Ideen? Was für ein Armutszeugnis wäre das für uns? Zumal es heute keine noch so krude, unverständliche, strafbare oder kranke Aussage gibt, die im Netz nicht jedem zu jeder Zeit zur Verfügung stände. Und unter engster Bewachung des Verfassungsschutzes würde man Horst Mahler sowieso stellen, auch dann, wenn er bereits morgen aus dem Gefängnis entlassen werden würde. Empfindliche Einschränkungen, die ihm jede größere Plattform versagen, wurden bereits erfolgreich durchexerziert, so wie einst das Reiseverbot nach Auschwitz oder zur antisemitischen Teherankonferenz.

Horst Mahler, lassen Sie nun endlich ab

Tun wir uns den Gefallen. Lassen wir den Mann endlich frei. Ein juristischer Weg dafür wird sich finden. Auch ein Horst Mahler kann doch nicht immun dagegen sein, noch einmal über eine Blumenwiese zu laufen, ein Kind lächeln zu sehen, ohne diesem Kind gleich den Hitlergruß zeigen zu müssen, oder einen Sonnenuntergang friedlich beizuwohnen, ohne darüber zu schwadronieren: „Uns geht die Sonne nicht unter!“

Horst Mahler, lassen Sie nun endlich ab. Sie haben doch alles gesagt. Alles ist doch bereits für immer im Netz und anderswo aufgeschrieben. Und vertrauen Sie auf die Jugend, die wird’s schon machen. Und wenn nicht in Ihrem Sinne, dann ist das eben so. Jede Sache hat nun mal ihre Zeit.

Peter O. Chotjewitz, der am 14. Juni 80 geworden wäre, sagte einmal über Sie: „(Er hat) das Amt der Verteidigung mutig, selbstlos, bis weit in den politischen Diskurs hinein ausgeübt. Also höchstes Lob.“ Belassen wir es dabei. Überlassen wir den ganzen Rest doch nun einfach einer zukünftigen Mahler-Rezeption nachfolgender Generationen und genießen Sie das bisschen Leben, das Ihnen hoffentlich noch bleibt. Es lebt sich gut in Deutschland. Sie haben für Ihre verschiedenen Überzeugungen mehr gesagt und getan als ein einzelner Mann normalerweise erledigen kann. Nun lassen Sie es gut sein. Wenn schon nicht für Ihren inneren Frieden, dann eben für unseren.

Samstag, 22. Februar 2014

Eintracht Braunschweig – Zen, die Kunst zu verlieren.

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TO BE OR EINTRACHT BRAUNSCHWEIG

Braunschweiger sein, dass ist, mindestens in Sachen Fußball, ein Fall größtmöglicher gemeinschaftlicher Leidensfähigkeit. Denn kann man eigentlich noch brutal schöner verlieren als diese sensationell tragischen Helden aus Niedersachsens Fußballhauptstadt am Samstag in Nürnberg im wahrscheinlich entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt der Saison 2013/14?

Wohl noch nie in der Bundesliga hat ein Abstiegskandidat die wohl wichtigsten Punkte der laufenden Saison so spektakulär an einen ebenfalls akut abstiegsgefährdeten Gegner abgeben müssen. Die Sache ist schnell aber natürlich nur unter Bauchschmerzen erzählt: Braunschweigs wiedererstarkter Domi Kumbela "Torfabrik" machte zunächst nahtlos da weiter, wo er in der vergangenen Woche mit einem furiosen Eilzug zum HSV-Tor (Einsatz zweite HZ, 3 Kumbela-Tore) aufgehört hatte: 34. Minute Ecke, Kumbela, 1:0 für die Eintracht. Braunschweig aus dem Häuschen. Und noch besser: Zu dem Zeitpunkt spielte der Club bereits nach einem Foul in der 32 Minute mit einem Mann weniger.

Der Schicksalsmoment für die Eintracht kann dann ziemlich genau auf die 41. Minute festgelegt werden. Foul an Kumbela im Strafraum durch Torwart Schäfer, der eigentlich zusätzlich zum Elfer noch die rote Karte hätte bekommen müssen, aber unverdienterweise mit einer Gelben im Kasten verbleiben durfte. Also Jubel, also Elfer, also Kumbela. Und Nürnbergs Schäfer hält. Genauer: held. Die Franken nun ihrerseits aus dem Häuschen. Eine Initialzündung die die verbleibenden zehn Nürnberger zusammenschweißt? Nein, denn zunächst unterbricht der Abpfiff solche Gedanken. Halbzeit.

Und im zweiten Durchgang passierte, was nun mal passieren muss, wenn man mit maximaler Bewaffnung zurück auf dem Rasen einem zwar verunsicherten, aber brandgefährlich angeschlagenem Gegner gegenübersteht. Diese "Magie der Zehn", die bis heute noch niemand schlüssig erklären konnte, nahm seinen für Braunschweig verhängnisvollen Lauf.

Also elf Braunschweiger, von denen zunächst wohl jeder der zehn Feldspieler davon überzeugt schien, genau jener frei spielende Mann zu sein, der sich nun nicht mehr einen Gegenüber zuordnen braucht. Also Null Zuordnung und dann irgendwas um 13 Sekunden nach dem Anpfiff 1:1 und eine Minute später noch das 2:1 für Nürnberg. Dabei blieb es dann. Aus. Schluss. Vorbei.

Ach so, in diesen längsten verbleibenden 43 Minuten für Braunschweig fielen noch zwei Elfmeter. Einer auf der rechten einer auf der linken Spielfeldseite. Auch beide verschossen, also in der Partie drei verschossene Elfmeter – Rekord in der Bundesliga seit Bestehen.

Und Rekordbegeisterung in Nürnberg. Mehr als über den Sieg an sich noch über dieses gigantische Ringen. Ohne Braunschweig unmöglich! Denn nur Braunschweig hat den Spirit für solche Spiele. Nur leider ebenso oft für sich selbst, wie als Geschenk für den Gegner.

Was das nun alles bedeutet? Zumindest so viel, das, wer so ein Spiel auf so tragische Weise abgibt, eigentlich auch alle Chancen haben müsste, jedes weitere Spiel auch auf glücklichste Weise für sich zu entscheiden.

Eintracht Braunschweig hat als einzige Bundesliga-Mannschaft dieses manisch-depressive Grenzgänger-Abo, das am Ende auf wahrscheinlich herzanfallverdächtige Weise für den Klassenerhalt via Relegationsspiel sorgen wird.

Der leidensfähigste aller Bundesliga-Trainer mit dem größtmöglichen Rückhalt in seiner Stadt hätte es jedenfalls mindestens ebenso verdient, wie diese Ausnahme-Spieler und ihre völlig fußballverrückten Ausnahme-Fans in Blau-Gelb.

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