Dienstag, 22. September 2015

Frau Bundeskanzlerin: Ihre Ausreise wurde bewilligt!

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Dass wirklich Erstaunliche an der aktuellen Einwanderungsdebatte ist doch, dass es noch keine öffentlichen Rückrittsforderungen in Richtung Bundeskanzlerin gibt.
Betrachten wir es zunächst einmal ganz nüchtern: Die wirtschaftliche Lage der Deutschen ist so gut, wie sie es seit Jahrzehnten nicht mehr war. Und da, wo es noch Defizite gibt, haben wir eine linke Opposition, die sich vehement dieser Defizite annimmt und die sogar in der Lage ist – siehe Mindestlohn – diese Forderungen mitten ins Herz der Sozialdemokratie, also auf die Regierungsbank, zu tragen.

Nun ist es geradezu kurios, dass ausgerechnet die für diesen Erfolg verantwortlich gemachte deutsche Bundeskanzlerin eine Entscheidung getroffen hat, die diesen neuen deutschen Wohlstand in ernste Gefahr gebracht hat. Nicht mal eben für den Moment, nicht kurzfristig revidierbar, sondern mit langfristigen und nachhaltigen Folgen.

Sie glauben, dass werde doch alles nicht so schlimm? Sie sind ebenfalls davon überzeugt: „Das schaffen wir!“ ohne das es zu einer eklatanten Verschlechterungen der Inlandssituation kommen muss? Sie sind sogar bereit, die Annahme zu teilen, das Zuwanderung in diesem Ausmaß ein Segen für Deutschland, für Europa sei? Es wird also alles gar nicht so schlimm werden?

Dann setzen Sie sich bitte und hören Sie im Folgenden mal etwas genauer hin: Die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, Katrin Göring Eckardt hat diese zu erwartenden Veränderungen nämlich jüngst bei Anne Will auf eine Weise verbalisiert, die uns nun via Mediathek dauerhaft und unlöschbar zur Verfügung stehen:

„Dieses Land wird sich verändern. Und es wird sich ziemlich drastisch verändern. Und es wird ein schwerer Weg sein, aber dann glaube ich, können wir wirklich ein besseres Land sein. Und daran zu arbeiten, das mit Begeisterung zu machen, die Leute mitzunehmen, auch die, die Angst haben (...)
das ist eigentlich die historische Chance in der wir sind. Das ist wahrscheinlich sogar noch mehr als die deutsche Einheit, was wir da erreichen können. (...)
Was die Kanzlerin gemacht hat ist eine große Idee davon, was es heißt, dieses Land neu zu denken. (...)
Die Arbeitgeber scharren längst mit den Füßen und sagen: Wir brauchen diese Leute."


Was Sie eben gelesen haben, ist eine beispielhafte emotionsgesteuerte öffentliche Geschwätzigkeit einer Fraktionsführerin im Deutschen Bundestag, einer Partei, die sich verschiedenen Partnern als zukünftiger Koalitionspartner empfiehlt.

"Was geben wir denn in Europa für ein Bild ab? Das wir unsere Außengrenzen schützen!“ erklärt die Politikerin dort empört weiter. Ja, Frau Göring-Eckardt, aber eben genau das empfinden viele deutsche Bürger nach wie vor als natürlichste Sache der Welt. Mehr noch, es ist sogar Konsens zwischen souveränen Staaten diese Vorgehensweise zu pflegen als elementarer Bestandteil einer staatlichen Souveränität.

Es mag ja sein, dass die zunehmende Totalvernetzung der Welt der einen oder anderen Bundestags-Twitterin suggeriert, nationalstaatliche Grenzen wären anachronistisch, aber in der realen Welt sind sie Grundbedingung innerstaatlicher Handlungsfähigkeit. Und das bezieht sich beileibe nicht nur auf das Steuerrecht, es wird sogar zur Grundbedingung für die Funktionalität einer feinjustierten Gewaltenteilung, der „Verteilung der Staatsgewalt auf mehrere Staatsorgane zum Zweck der Machtbegrenzung und der Sicherung von Freiheit und Gleichheit“ (wikipedia).

Nein, diese Grundbedingungen innerdeutschen Wohlstandes sind ebenso wenig verhandelbar, wie das Grundgesetz. Die alte Sehnsucht der Grünen nach einer radikalen Veränderung der Gesellschaft wird sich auch nicht mit Unterstützung der Bundeskanzlerin durchsetzen. Eine Renaissance dieser „Fuck-You-Deutschland“-Stimmung, herübergerettet aus der Düsternis der 1968er Bewegung, wird es in einem Deutschland des 21. Jahrhunderts nicht geben.

Zu viele Deutsche sind mit ihrer aktuellen Situation durchaus zufrieden. Und sie sind hilfsbereit, aber nicht bis zur Selbstaufgabe. Die Sensoren sind dabei fein genug eingestellt, zu verstehen, dass aber eben genau diese Selbstaufgabe jetzt Regierungsmaxime geworden zu sein scheint. Von Angela Merkel hinüber zu Katrin Göring-Eckardt ist es kein langer Weg, eine schwarz-grüne Koalition längst keine Utopie mehr.

Wenn Göring-Eckardt also sagt, was Merkel noch nur denkt, dann müssten in Deutschland längst alle Alarmglocken läuten: „Dieses Land wird sich verändern. Und es wird sich ziemlich drastisch verändern. Und es wird ein schwerer Weg sein, aber dann glaube ich, können wir wirklich ein besseres Land sein.“

Nein, wir müssen kein besseres Land werden, denn dazu gehört die Annahme, wir würden eine Verbesserung herbeisehnen.

Noch unverständlicher übrigens, betrachtet man den millionenfachen Wunsch von Menschen aus aller Herren Länder, in diesem angeblich so verbesserungswürdigen Land Ihr Glück zu finden. Tatsächlich wünschen sich besonders diese Menschen kein anderes Deutschland. Einzig vielleicht von den Einreisemodalitäten abgesehen – solange sie noch nicht angekommen sind.

Also Frau Merkel, machen wir es kurz: Wenn sie dem Volk die Vertrauensfrage stellen ( „... dann ist das nicht mehr mein Land“) dann bedenken Sie bitte auch, das Sie, so man ihnen dieses Vertrauen nicht ausspricht (was ich hiermit gerne erledige), überlegen müssten, wo Sie dann Ihr Heil suchen. Wenn Sie dann irgendwo auf der Welt Ihr neues Paradies gefunden haben, dann seien Sie doch bitte so nett und nehmen sie die Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, Katrin Göring-Eckardt gleich mit.

Wir machen dann einstweilen alleine weiter. Und wir werden unsere neuen syrischen Freunde nicht belügen, wir werden ihnen kein deutsches Paradies vorgaukeln ohne auf die massenhafte Arbeitslosigkeit in den südeuropäischen Ländern hinzuweisen. Denn wir sind Teil dieses Europas. Ebenso, wie wir unseren Neubürgern erklären werden, dass Ihre Religion mit Grenzübertritt zur reinen Privatsache geworden ist.

Wir werden dann ohne Ihre Hilfe Frau Merkel für eine maximale zwar, aber für eine begrenzte Zahl Flüchtlinge alles tun, was wir zu tun in der Lage sind. Wir werden Arbeitsplätze schaffen und die Kinder ausbilden, damit sie die besten Zukunftschancen in Deutschland haben. Übrigens unabhängig davon, ob Mädchen oder Junge.

Und wir werden die direkten Anrainerstaaten Syriens und die der anderen kriegsgepeinigten Herkunftsländer mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen.
Und wir werden auch direkt in den Krisenländern diplomatisch wirken auf eine Weise, die uns vor allergrößte Herausforderungen stellen wird.
Und wir werden mit allen Beteiligten dieser Konflikte – wir werden also auch in Washington vorsprechen! – Klartext zu reden haben.

Was wir allerdings nicht tun werden ist, falsches Zeugnis ablegen wie Frau Göring-Eckardt über einen nicht existenten Wunsch nach einer massiven Veränderung unseres Landes. Wir sehen nicht nur keine „historische Chance“, wir suchen auch keine.

Seien Sie gewisse Frau Merkel (und Frau Göring-Eckardt): Wir Deutschen werden uns dieser Herausforderung, dieser Flüchtlingswelle, maximal stellen.

Aber die Probleme die das mit sich bringt, taugen nicht dafür längst ad acta gelegte grüne Ideologien und linke Visionen einer neuen Welt, eines neuen Deutschlands (oder gar keines mehr) zu befeuern.

Wenn Sie Frau Merkel, wenn sie beide das so sehen, müssen wir sie schweren Herzen ziehen lassen. Dann betrachten Sie ihre Ausreise jetzt also als bewilligt.

Dienstag, 15. September 2015

WAS IST DAS ÜBERHAUPT, "DEUTSCH"?

fuikzglo
alle bildrechte beim autor

Haben Sie eine Idee, woher folgender Satz stammen könnte?

„Das Bekenntnis zum deutschen Volkstum und zur deutschen Kultur ist frei und darf von Amts wegen nicht bestritten oder nachgeprüft werden.“


Er steht im deutsch-dänischen Abkommen vom 29. März 1955. Abschnitt II/1, S. 4. Und er besagt, dass jeder in Dänemark lebende Mensch von beiden Unterzeichnern ungeprüft als Deutscher einer deutschen Minderheit anerkannt wird, so er dieses nur von sich behauptet.

Nun stellen Sie sich das bitte einmal andersherum vor, als Abkommen mit jedem x-beliebigen Staat. Oder - um es noch plastischer zu machen – gleich mit der Türkei oder Syrien. Es würde also auf einmal ausreichen, sich in Ankara oder Damaskus zur deutschen Kultur und zum deutschen Volkstum zu bekennen und schon wäre man Deutscher.

Das ist schon deshalb interessant, weil man 1955 nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen wäre, anzunehmen, ein Däne könne sich so via Lippenbekenntnis die deutsche Staatsangehörigkeit erschleichen.

Und wie anachronistisch besagter Satz aus dem Abkommen erst aus heutiger Sicht erscheint! ‚deutsches Volkstum’, ‚deutsche Kultur’ – welcher Deutsche würde seine Identität heute mit beiden Begriffen aufladen wollen, geschweige denn können?

Klar gibt es sie, die einschlägigen Erklärungsmuster. Sogar im Bestsellerrang, so wie Dorn/Wagners Buch „Die deutsche Seele“. Und die Autoren stellen sogar die richtigen Fragen:

„Seit Jahren streiten wir darüber, welche Einwanderer dazugehören und welche nicht. Dient diese Debatte nicht letztlich dem Zweck, von dem abzulenken, worüber wir eigentlich diskutieren müssten: Was von Deutschland noch zu Deutschland gehört?“

Für Dorn/Wagner wird die Frage: „Was ist deutsch?“ heute allerdings reflexartig abgewehrt. So würden aber „Orientierung“, „Selbstgewissheit“ und „Lebensmut“ verloren gehen. Das allerdings ist nicht nur pathetisch, sondern auch Unsinn.

Denn das gilt ja für den einwandernden Syrer fast noch mehr als für den heimischen Bürger: Er ist es nämlich, der an den Grenzübergängen Europas mit strahlendem Blick Porträts der Bundeskanzlerin in die Kameras hält. Angela Merkel wird zum Orientierungspunkt für die Flüchtlinge und Vertriebenen dieser Welt – gar zum Quell einer Erneuerung von Selbstgewissheit und Lebensmut.

Aber was ist mit dem Inländer? Wie beantwortet er sich heute die Frage: „Was ist deutsch?“

Ruprecht Polenz, hat da neuerdings eine ganz eigene Auffassung:
http://starke-meinungen.de/blog/2015/09/12/wer-arbeit-hat-kann-deutscher-werden/
Und der Mann ist kein Niemand. Er war ein paar Monate lang Generalsekretär der CDU unter Angela Merkel und lange Jahre Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der Bundesrepublik Deutschland. Seine Antwort auf die Frage „Was ist deutsch?“ lautet: deutsch ist, wer in Deutschland Arbeit hat.

Im genauen Wortlaut stellt der 69-Jährige fest:
„Wer Arbeit hat, kann Deutscher werden.“
Ist das nihilistisch? Die Identität des Einzelnen herunter gebrochen auf seinen Anteil am Bruttosozialprodukt? Hieße das nicht sogar im Umkehrschluss, dass, wer keine Arbeit hat, auf dem besten Wege ist, seine Staatszugehörigkeit in Frage zu stellen? Natürlich nicht. Denn heute geht es ja um die Bewältigung eines ungeheueren Zustroms von Menschen ohne Arbeit in die Bundesrepublik Deutschland. Polenz zentrale Forderungen lautet:

„Wer einen Arbeitsplatz hat und für seinen Lebensunterhalt sorgen kann, kann dauerhaft in Deutschland bleiben (...) Wer Arbeit hat, kann Deutscher werden – das könnte der tipping point nicht nur für eine erfolgreiche Integration der Flüchtlinge werden, sondern auch ein kräftiger Wachstumsschub für unsere Wirtschaft.“

Ein irgendwie geartetes Bekenntnis zur deutschen Kultur scheint also für Ruprecht Polenz obsolet, solange der Neubürger nur irgendein Talent beisteuert, die jährliche Wachstumsrate zu befeuern, das Bruttosozialprodukt zu erhören, die Rentenkassen aufzufüllen. Vielleicht glaubt er gar, das 'satt sein' auch kulturell gefügig macht?

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https://teddy97.files.wordpress.com/2012/06/diese-woche-bei-aldi.jpg

Ein Armutszeugnis. Aber kein Einzelfall: Auch der Talkshow-Nomade Sascha Lobo wird nicht müde auf dem Scheitelpunkt jeder Diskussion darauf hinzuweisen, dass wir doch (aus oben genannten Gründen) Zuwanderung dringend bräuchten.

Wie kompliziert das allerdings in Wahrheit ist, zeigte sich bei Maybritt Illner. Die hatte einen syrischen Gast im Publikum, der seit über einem Jahr in Deutschland lebt und in der Sendung wohl als Paradebeispiel für Integration fungieren sollte. Ein netter, freundlicher Elektro-Ingenieur. Also so etwas wie der ideale Kandidat für Polenz’ Deutschwerdung.

Leider allerdings wurde jedem Zuschauer schnell klar, dass der Stand seiner Deutschkenntnisse bei weitem noch nicht ausreichen kann, seinen in Syrien gelernten Job in Deutschland passabel auszuüben. Das wird wohl mindestens noch ein Jahr dauern. Also ein weiteres Jahr staatliche Unterstützung trotz Berufsvorbildung.

Gabriel und Söder – ebenfalls zu Gast in der Show – man sah es den Gesichtern an, dachten in dem Moment das Selbe wie der Zuschauer vor dem Fernsehschirm: Die Party mit Welcome-Schild und Knuddeltier ist vorbei. Die wirklichen Aufgaben beginnen erst jetzt. Und sie dürften sich keineswegs darauf beschränken, Arbeit zu beschaffen. Es ist doch mitnichten so, dass sich ein Land langfristig alleine über seine Wirtschaftsleistung definieren kann.

Aber keine Bange, denn Deutschland hat einen entscheidenden Vorteil: In den vergangen vier Jahrzehnten haben wir eine teuer bezahlte zwar, aber eine für die Herausforderungen der Gegenwart immanent wichtige Erfahrung gesammelt im Umgang mit Migration, Integration.

Wir haben die Notwendigkeit erkannt, kulturelle Ressentiments insbesondere muslimisch geprägter Migranten aufzubrechen und durch jene verbindlichen Werte zu erneuern, die unser Land zu einem der begehrtesten Einwanderungsländer der Welt gemacht haben.

Wenn wir es im Sinne von Polenz, Lobo usw. aber nun zulassen würden, dass wir die magische Anziehungskraft Deutschlands alleine auf Wohlstand begründen, geben wir mehr auf, als wir gewinnen können.

Mehr noch: Wir wären wehrlos dem Moment gegenüber, wenn die deutsche Wirtschaftshegemonie auf dem europäischen Kontinent einmal ins Schleudern geraten sollte.

Aber wie vermitteln wir den Flüchtlingen die hier ankommen und bleiben wollen, wer wir sind, was wir gemeinsam wollen und geschaffen haben, wenn wir es selbst kaum wissen?

Wie machen wir klar, dass nicht nur Arbeitsplätze und Geldbeutel die Attraktionen sind, sondern das wir eine Art zu leben anbieten können, dass wir eine Kultur leben, die nicht nur attraktiv ist, sondern die, viel wichtiger: auch nicht zur Disposition steht?

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Lernen wir doch daraus, was wir an unseren ehemaligen Gastarbeitern sträflich versäumt haben:

Verändern wir einmal die Reihenfolge: stellen wir den Fokus nicht auf schnellstmöglichen wirtschaftlichen Zugewinn, sondern verlangen wir zunächst eine intensive Auseinandersetzung jedes Neuankömmlings mit unseren Wertesystem.

Denn nur, wer unsere Werte begreift, kann auch aktiv dazu beitragen sie zu erhalten oder sogar zu verbessern. Denn auch Werte unterliegen einem Wandel.

Damit aber dieser Wandel nicht den Charakter einer alles negierenden Naturkatastrophe bekommt, müssen wir erst einmal definieren wer wir sind und wie wir leben wollen. Und der breite Konsens dafür ist ja vorhanden, wenn sogar ein Jakob Augstein in seiner Kolumne fordert: „Wir brauchen eine Leitkultur“.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-deutschland-braucht-eine-leitkultur-kolumne-a-1051200.html

Dorn und Wagners Antworten hingegen haben etwas Gebrüder-Grimm-artiges, nostalgisches, gestriges, wenig Zukunftzugewandtes. Wenig tauglich, Gegenwart zu beschreiben.

Versuchen wir es doch einmal so: Die Bundesregierung läßt Arbeitsgruppen bilden mit Fachleuten aber auch Menschen aus allen Bildungsschichten, Handwerker, Intellektuelle, Familien, die – jenseits irgendwelcher Zensus-Statistiken – gemeinsam herausfinden sollen, wer wir eigentlich sind.

Denn nur so können wir denen, die neu zu uns kommen, auch erklären, was wir von Ihnen erwarten, welches unser Fundament, unser Grundgerüst ist, gut miteinander zurecht zu kommen, welches die Basis ist, die hinführt zu einem glücklicheren Leben in einem neuen Land mit der Aussicht auf einen guten Arbeitsplatz.

Das muss doch die Reihenfolge sein.

Beginnen wir doch damit, diese neuen Arbeitsgruppen damit zu beauftragen, Leitfäden zu erarbeiten, die man in viele Sprachen übersetzen und den Neuankömmlingen als Lektüre zur Verfügung stellen kann. Oder noch besser: Warum nicht gleich neben den Sprachkursen solche Kurse mit anbieten, die Deutschland, seine Menschen und ihre Art zu leben zunächst in den jeweiligen Landessprachen vorstellt oder mindestens in englischer Sprache?

Es gibt viel zu tun. Aber alleine mit vollen Kühlschränken und der Aussicht auf Arbeit können wir ein flächendeckendes kulturelles Minimum-Agreement nicht erreichen. Mehr noch: Wir müssen maximal entschlossen denen gegenüber auftreten, die unsere Vorstellung davon, wie wir in Deutschland leben, nicht für sich annehmen wollen oder nicht einmal akzeptieren mögen.

Setzen wir also an den Anfang unserer Bemühungen, den Anspruch, Bleibewillige bestmöglich zu informieren:

Definieren wir zunächst und erneuern wir dann unser Bekenntnis zur deutschen Kultur und gestalten wir dieses Bekenntnis so attraktiv, dass wir viele Nachahmer unter den Bleibewilligen finden, die sich gerne einreihen, wenn es gilt unsere Vorstellungen von Zusammenleben gegenüber den Verneinern der Freiheit zu verteidigen.

Das Ergebnis ist im Idealfalle ein gemeinsamer Mehrwert, der mit Geld nicht zu bezahlen ist, den zu erreichen uns aber nichts zu teuer sein sollte.



Nachtrag: Tatsächlich gibt es diesen Ansatz der "Willkommensbroschüre bereits: http://www.b-umf.de/de/publikationen/willkommensbroschuere

Dienstag, 4. August 2015

Von fremden Besuchern, Revolutionswächtern und anderen Deutschen

shdjguk
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Die Welt befindet sich im Umbruch. Aber war das je anders? Liegt das nicht sogar in ihrer Natur? Europa ringt um seine Existenz. Wann war das nicht so? Und das wirtschaftlich so erfolgreiche Deutschland weiß immer noch nicht, wie es seinen Erfolg in mehr Ansehen ummünzen könnte. Auch das kommt einem altbekannt vor. Die Angst vor einer wachsenden Hegemonie wird immer wieder zum Bumerang im Land des Hegemon.

Ein führender Mitarbeiter eines privaten US-amerikanischen Think Tanks, Hans Kundnani, spricht im Spiegel von einem neuen deutschen Wirtschaftsnationalismus, die „Deutsche Frage“ sei zurück. Also die Frage, wie die anderen europäischen Nationen die wachsende Macht Deutschlands auszugleichen in der Lage sein könnten.

In den Gartenlauben, auf den Marktplätzen und im heimischen Wohnzimmer zwischen Rhein und Oder, Nord- und Bodensee sind die Befindlichkeiten indes völlig andere. Von einer deutschen Frage haben noch die wenigsten gehört. Und es fühlt sich zu Hause auch nicht so an, als stände etwas elementar in Frage. Es fühlt sich sogar für viele einfach nur weiter gut an. Der Schokopudding mit Sahne kostet beim Penny schon seit Jahren 0,19 Cent, sogar die Butter ist billiger geworden und das gute Schweinemett gibt es beim Edeka zuverlässig montags für nur noch 2,99 Euro das Kilo.

Daran muss man nichts ändern. Gut, an den Supermarktkassen dauert es seit der neuesten Asylbewerberschemme (ein unschönes Wort) in bestimmten Gegenden etwas länger, weil die Kassiererin nicht sofort versteht, dass der Asylbewerber einfach nur nicht mit den unbekannten Münzen zu Rande kommt. Dann wird sie ungeduldig. Manche Kolleginnen sogar ängstlich. Dafür steht jetzt ein Security-Mitarbeiter im Kassenbereich, der ein besonderes Auge hat auf untypische Verhaltensweisen. Man setzt bei Penny auf das Prinzip Abschreckung.

Sogar eine Stich- und Kleinkaliberschutzweste trägt der ganz in schwarz gekleidete Sicherheitsmann. Solche Gestalten sind für Menschen aus jeder Gesellschaft ehrfurchtseinflößend. Nebst Pfefferspray und CS-Gas, letzteres verdeckt in der Hosentasche, denn dafür bräuchte es wohl eine Extragenehmigung. Der ausziehbare Stahl-Teleskop-Schlagstock scheint dagegen erlaubt, denn den trägt er gut sichtbar in einem Lederhalfter über der Hüfte neben den Handschellen.

Die Polizei kommt seit einiger Zeit jeden Donnerstag mit einem Infowagen zum Supermarkt. Draußen vor der Tür beantwortet man sicherheitsrelevante Fragen und erklärt den einheimischen Anwohnern der nahen Asylbewerberunterkunft, wie sie ihre Häuser besser sichern könnten. Eine Anwohnerin erzählt freimütig, sie würde dieses Jahr mal nicht in den Urlaub fahren. Sie könnte zwar reisen, sogar mit einem sichereren Gefühl, da sie mit elektronischen Türriegeln und weiteren ausgeklügelten Sicherheitsmaßnahmen das Haus klaufest gemacht hätte, aber solche Aufrüstungen hätten halt auch ihren Preis.

Dafür wäre sie jetzt einigermaßen sicher, dass nicht des Nachts ein paar Dunkelhäutige im Wohnzimmer ständen wie neulich noch beim Nachbarn. Die Infopolizisten erklären der Presse stolz, dass immer wenn man Feierabend hätte auch gleich wieder die Diebstahlquoten in den Supermärkten anstiegen. Die wöchentliche Präsenz würde also zumindest für die paar Stunden zusätzlich Sinn machen. Aldi hat schon aufgehört, bei Diebstahl Anzeigen zu erstatten berichtet ein Beamter. Der Aufwand würde sich nicht mehr rechnen.

Aber dieses Gemengelage aus Fakt und Gefühl summiert sich keineswegs überall in der Republik so drastisch: Die Ordnungskräfte sprechen hier von einem "Brennpunkt". So eine Landesaufnahmestelle sei halt eine Durchreiche an die Gemeinden. Ein Nadelöhr – da kann es schon mal eng werden!

Da würde er dann besonders deutlich werden, dieser sicher immer mehr abzeichnende Riss quer durch die Gesellschaft: Die einen veranstalten Begrüßungsfeste, die Kinder der Neuankömmlinge spielen nett Fußball mit den heimischen und andere schützen eben ihre Häuser mit allem, was der Baumarkt an Sicherheitsartikeln für das traute Eigenheim anzubieten hat und was von den Polizisten als brauchbar empfunden wurde.

Nun ist Angst und Sorge zunächst auch einmal subjektiv. Da helfen bisweilen nicht einmal Statistiken weiter. Denn wenn besagter Penny- oder Aldi- oder Lidl-Markt nun verschärft Kontrollen durchführt und Diebstähle anzeigt, dann steigt natürlich auch die Kriminalität in der Statistik. Und das Kuriose dabei: sie kann drastisch ansteigen, obwohl die Diebstähle insgesamt zurückgegangen sind!

Nur wie gehen wir als Journalisten dann mit diesen Zahlen um?

Überregional betrachtet stellt sich die Frage, wie das denn nun ist, wenn der Innenminister erklärt, die 40% Asylantragsteller aus den Balkanländern müssten schneller abgewickelt werden, der Bayer Horst Seehofer obendrauf noch zentrale grenznahe Lager fordert und die örtliche Polizei dann aber lapidar feststellt, das die überwiegende Zahl der aktuellen Taschendiebstähle die man Asylbewerbern zuordnet mehrheitlich von Schwarzafrikanern begangen wurden, die durchaus berechtigte Hoffnungen auf einen positiven Asylbescheid hätten.

So entwickelt die Polizei dann automatisch bestimmte Faustregeln: Sie erleichtern sich die Ermittlungsarbeit indem sie eine auf individueller Erfahrung basierende Vorauswahl bei der genaueren Beobachtung von Menschen treffen.

So sind Anreisende aus Kriegsgebieten, die Frau und Kinder mitbringen, in der Regel unauffälliger als Einzelpersonen, als allein stehende jüngere Männer, die man meint, eher im Auge haben zu müssen.

Die Zwickmühle bleibt aber bestehen. Wenn beispielsweise bestimmte Einbruchsformen rapide ansteigen, diese aber auf null zurückgehen, nachdem beispielsweise die georgischen Antragsteller – von denen einige erwischt wurden – auf die vielen umliegenden Gemeinden verteilt wurden, wie soll man der Presse mitteilen, was sich faktisch auf dünnen oder gar keinem Eis bewegt und wie erst den Bürgern der Gemeinden auf die diese Georgier nun umverteilt wurde? Man kann ja schlecht vor einer bestimmten Gruppe Asylbewerber warnen, weil man möglicherweise eine Idee davon hat, dass bestimmte Risiken mit dieser Gruppe verbunden sind.

Und dann bliebe immer noch der überregionale Rahmen – hier darf schon mal von einer Spaltung der Gesellschaft gesprochen werden: Auf der einen Seite Deutsche, die einfach wollen, das alles so bleibt wie es ist, der Pudding weiter nur 19 Cent kostet und die Miteinkäufer im Supermarkt gerne ebenfalls weiter mehrheitlich hier geborene Deutsche sein dürfen. Zu Hause ist eben zu Hause. Und es soll sich auch so anfühlen – sagen zumindest Herr Müller und Frau Meier.

Und auf der anderen Seite Deutsche, die sich ganz andere Gedanken machen: Da will man Deutschland endlich als Einwanderungsland anerkannt wissen. Es hätte doch keinen Sinn, in einer – und damit wären wir wieder am Anfang – sich so rasch verändernden Welt einfach nur konservativ und verzweifelt am Bestehenden festzuhalten. Da geht es um Verantwortung für den Nächsten über die Staatsgrenzen hinaus, für jeden Menschen, um Armutsbewegungen, gar um Völkerwanderungen, denen man sich doch besonders als Deutsche mit aller gebotenen Härte gegen Terror vor Asylheimen zu stellen hätte anstatt gelangweilt übern Gartenzaun zuzuschauen.

Oder kürzer: Die Gesellschaft teilt sich auf in die, die sich unter Nation noch etwas Positives vorstellen, die an den hergebrachten Wertvorstellungen und Begrifflichkeiten festhalten, weil es sich für sie noch gut anfühlt und die schon in der Europäischen Gemeinschaft eine Totgeburt sehen – was soll dann erst aus der ganzen Welt werden?

– und jenen, die erkannt zu haben glauben, es führe kein Weg daran vorbei, immer das Bestreben zu haben, die ganze Welt zum Besseren hin zu verändern, wenn man in Zukunft Krieg, Vertreibung und Elend in den Griff bekommen möchte. Frei nach dem Motto: „Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht wir, wer dann?“

Wohlgemerkt, es geht immer noch um „Krieg, Vertreibung und Elend“ das aber weiterhin außerhalb der eigenen Heimat stattfindet. In der Ferne. Also ein Beispiel größer Empathie? Sicher auch das.

„Wer hat nun Recht?“ ist dann aber keine hinreichende Abschlussfrage. Die Frage ist viel mehr, wie man erfolgreich alle Meinungen unter einem Dach und strikt im Rahmen des Grundgesetzes zusammenführen kann.

Jedenfalls wohl nicht, indem man Meinungen ausgrenzt ungeachtet dessen, das sie sich – na ja, manchmal gerade noch so – auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen,

nicht indem man jede neue Weltverbesserungs-Ideologie mit Alleinstellungsanspruch ausstattet

aber auch nicht, indem man sich neuen Ideen gegenüber auf eine konservativ-reaktionäre Weise verweigert, die jede positive Vorwärts-Entwicklung von Gesellschaft im Keime erstickt.

Und ganz gleich also, wohin nun die Reise geht, ob wir in Deutschland bleiben oder Europa noch einmal ganz neu für uns entdecken, weiterentwickeln müssen wir uns nun mal, wenigstens daran führt kein Weg vorbei.


Samstag, 24. Januar 2015

WAS KOMMT NACH PEGIDA?

Der Gefechtslärm verklungen, der Rauch der schweren Geschütze verzogen, die Pegidas besiegt und alle Fragen offen?

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Der Dresdner Aufstand scheint erfolgreich niedergeschlagen. Wir haben gewonnen. Wir, die guten Menschen. Und die These zur fehlenden Chance rechter Politik in Deutschland, die der streitbare Historiker Arnulf Baring schon 2010 bei Hart aber Fair vertrat, bewahrheitet sich wohl damit:

„Es gibt weder ein intellektuelles, noch ein personelles, noch ein finanzielles, noch ein demografisches Raster für eine solche Entwicklung. Dass ist wirklich in Deutschland ausgestanden.“

Dennoch gab Baring damit keine Entwarnung:

„Was uns Sorge machen muss, ist die Abkopplung der Bevölkerung von den demokratischen Parteien.“


Schnee von gestern? Alles wiedervereint? Hat diese Koalition der Willigen im Kampf gegen Pegida, von der Bundeskanzlerin bis hin zur Antifa, tatsächlich erreicht, dass die Bevölkerung erfolgreich an die Politik angedockt hat, an ihre politischen, geistigen und wirtschaftlichen Eliten? Gibt es sie nun tatsächlich, diese neue Sensibilisierung gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Hass, gegen Unterdrückung? Ich fürchte nein

Ich würde sogar noch weiter gehen, und behaupten, das wir im Schatten der Frauenkirche überall in Deutschland Scheingefechte geführt haben. Und die ach so mickrigen Häufchen hartgesottener, unbelehrbarer Rechter auf den westdeutschen Markt- und Schlossplätzen haben das zahlenmäßig bestätigt.

Die Gefühlslage der Deutschen bleibt aber weiterhin alarmierend. Das Gespräch mit dem Nachbarn reicht aus um zu ermitteln: große Teile der Bevölkerung bleiben weiterhin abgekoppelt, verbarrikardiert in ihren eingezäunten Eigenheimen, die ihnen zu Trutzburgen ihrer Ablehnung geworden sind. Eine ablehnende Haltung, die sehr viel mit politischer Bevormundung und gar nicht soviel mit der Anzahl von Ausländern und Migranten zu tun hat.

Nein, wer nach diesem – auch medial so perfekt flankierten – Sturmangriff auf die blöden Pegida-Stellungen eine nationale Einheit der Gutwilligen denkt, irrt gewaltig. Begeisterung über Siege sieht anders aus. Der Grund ist einfach: Schnell wurde klar, das kein einziges Problem aus der Vor-Pegidazeit gelöst ist.

Im Gegenteil. Mit den Attentaten von Paris sind sogar neue hinzugekommen. Der im Nebel des Grauens operierende – angeblich schon die Ausmaße desTerritoriums von Großbritannien angenommene – IS-Staat steht unmittelbar vor seiner Super-Nova, deren Implosion auch noch in Europa spürbar sein wird und in der Folge auch Europas Armeen an den Ort des Geschehens zum finalen Blutbad zitieren wird.
 
Zurück in die Bundesrepublik:
Auch die niedrigen Wahlbeteiligungen sind heute nicht nur Indikator für Politkkverdrossenheit, sie sind bestens geeignet, die Demokratie zusehens auszuhebeln. Wahlen sollen jetzt über ein Woche dauern und Wahlkabinen sind in Supermärkten geplant, wie diese überfüllten nervigen Post-Stellen: Das sind nur zwei der grotesken Gegenmaßnahmen, die Politik mit uns via Bild-Zeitung diskutiert will.

Nein, die wirklich relevanten Fragen werden mit den Bürgern einfach nicht mehr diskutiert: Fragen, so weit verkompliziert, das sie nur noch von Experten beantwortet werden können, denen man dann blind vertrauen soll.

Nein, die wenigsten Politiker riskiert es noch, die in demokratischen Prozessen so wichtige Nachvollziehbarkeit zu erzeugen. Das Risiko am Ende verständlich rüberzukommen mit allen nachteilen einer Entscheidung, ist einfach zu groß.

Auch nach Pegida bleiben also die alte Probleme: Sei es dieses ominöse geheimverhandelte TTIP-Abkommen, das vor der Verabschiedung steht oder der marode nationale und europäische Finanzsektor mit EZB-Anleihenkauf. Sei es die Frage zukünftiger militärischer Interventionen in der Welt oder die damit verbundenen Aufrüstungsforderungen des Verteidigungsministeriums. Sei es die ungelöste Energiefrage und die vielen anderen Fragen, die Politik vorgibt in rasendem Tempo beantworten zu müssen, um noch in einer unübersichtlichen Welt bestehen zu können.

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Der Markt bestimmt jetzt die politischen Entscheidungen.
Und die müssen schnell fallen. Und weiterhin versteht niemand wie das alles funktioniert. So fühlen sich immer mehr Bürger gehetzt von diesen unter hohem Druck geschmiedeten Entscheidungen, mit deren weitreichenden Folgen sich dann möglicherweise noch unsere Kinder herumschlagen dürfen.
Aber warum lassen wir dieses gewaltige Problempaket nicht einfach für den Moment liegen? Möglicherweise sinkt das Bruttosozzialprodukt, aber möglicherweise gewinnen wir auch eine Klarheit hinzu, die neue Perspektiven verspricht.

Warum nur vertrauen, wenn wir drauf bestehen könnten, zu verstehen, warum wir vertrauen sollen. Oder kürzer gesagt: Das Vertrauen ist aufgebraucht. Es muss neu gewonnen werden und das braucht Zeit. Eine Zeit, die wir nun aber angeblich nicht mehr haben.

So befindet beispielsweise Jakob Augstein auf SPON: „Zeit kennt kein Bleiberecht. Im Gegenteil: Wir alle unterliegen einem Zukunftszwang.“Du vielleicht Jakob Augstein, weil Du möglicherweise mehr zu verlieren hast. Aber dazu gleich mehr.
 
Nein, der siegreiche Feldzug gegen unser merkwürdigen mitteldeutschen Pro-Ausgrenzungs-Fighter war nicht einmal ein kleiner Etappensieg. Schon deshalb nicht, weil er, was seine Brüchigkeit angeht, an eine Schmalspur-Version – verzeihen Sie mir den folgenden Vergleich – des Kampfes der Allierten gegen Hitlerdeutschland erinnert, der für die Alliierten nach der Befreiung in einer Art Fiasko ihrer Zwangsehe endete: Der Geburtsstunde des Kalten Krieges.

Um im schiefen Bild zu bleiben: Könnte es nach diesen kurzen aber heftigem Verbrüderungszenen zwischen Merkel und Antifa, zwischen Gewerkschaft und Konzern, am Pegida-Grab nun auch hier so etwas wie eine Ausweitung der Kampfzone geben? Eine zwischen Oben und Unten?

Es steht zu befürchten,
das der engagierte Kampf gegen die Pegida-Spazierer genau diesen Sachverhalt verdeckelt hat. Denn die vermeintliche Frontlinie verläuft überhaupt nicht zwischen Deutschen und Islamisten, sondern da, wo sie immer schon verlaufen ist: zwischen reich und arm, wischen Macht und Ohnmacht.

Warum? Weil Armut nunmal abstoßend ist. Bisweilen sogar ekelhaft, wenn sie mit Verzweiflung und Alkoholismus daherkommt. Die eigene Armut, so sie bereits eingetreten ist, übrigens ebenso, wie die Armut des Fremden. Armut verhält sich selten duldsam. Armut passt sich nicht an. Armut integriert sich nicht. Armut fällt auf. Armut schreit zu laut. Armut neidet. Armut klaut, schlägt und mordet bisweilen sogar. Armut verbreitet einfach nur eine große blinde Hoffnungslosigkeit. Armut generiert Hass.

Und so hat auch Rassismus seine kräftigsten Wurzeln im Gefälle zwischen Arm und Reich. Und arm ist auch bildungsfern. Und Bildung macht nunmal, da der reiche Sohn die Mechanismen der Geldmaschinen besser versteht, als die Tochter des Armen, sodas der Reiche wiederum noch reicher werden kann. Die Welt wird komplexer. Es ist die Zunahme von technologischer und der damit verbundenen soziologischen Komplexität, die den Menschen zu schaffen macht. Dem technologiefernen Menschen mehr, als dem mit den besten Zugängen.

 
Wohlstand schützt zwar bisweilen vor Rassismus. Aber gesteigerter Wohlstand ist seinem Wesen nach notwendigerweise rassistisch. Weil er Grenzen ziehen muss, Grenzen braucht und weil er Grenzen erst möglich macht. Die Lösung ist so einfach, wie schmerzhaft: Partizipation. Und wer Partizipation will, muss zwangsläufig oben etwas wegnehmen um nach unten hin gerechter verteilen zu können.

Konkreter:
Wenn die deutsche Politik im Auftrag oder mit Blick auf die Industrie demografische Entwicklungen wie Hiobsbotschaften unters Volk bringt, um beispielsweise Einwanderungsgesetze zu fordern und zu beschließen, dann hat das überhaupt nichts mit einem noblen menschenfreundlichen Gestus zu tun, dann geht es nicht vorrangig um den armen syrischen Flüchtling oder gar ein Hilfsangebot an den arbeitslosen Facharbeiter aus Madrid, sondern zunächst einmal um eine einzige große Sorge um diese komplizierte, mittlerweile mit Billionen-Beträgen subventionierte, Neo-Kapitalismus-Maschine, dieses Gelddruckautomaten, der sich eben nicht im Besitz aller befindet.

Dann geht es um die Sorge weniger, der Motor innerhalb dieser Maschine könnte seine Schwungkraft verlieren. Die wird aber wiederum dringend benötigt, um auf diesem gigantischen weltweiten Schlachtfeld um Märkte und Rescourcen den eigenen Kopf über Wasser zu halten bzw. die Partyteilnehmer in den Yachten oberhalb des Wasserspiegels bei Laune zu halten.

So wird fleissig weiter Armut produziert. Armut, die dann zum Bodensatz für jede weitere Form von Rassismus wird. Eine Armut, die für die Schwungkraft der ominösen Maschine notwendig geworden ist. Armut ist sogar ihr Motor. Armut erzeugt billige Arbeitskräfte, Armut erzeugt Bedarf. Bedarf wird mit Krediten befriedigt, Kredite schaffen Abhängigkeiten, Kredite bringen Zinsen und Zinsen vermehren weiter den Reichtum weniger. Reichtum ist also notwendigerweise Rassistisch.

Rassistisch? Hat das nicht etwas Rasse und Biologie zu tun? Nein, denn hier handelt es sich nicht um einen Rassismus, der nach vermeintlichen biologischen Merkmalen trennt, sondern um einen Rassismus, der den Wert eines Menschen nach seiner Einsetzbarkeit bemisst und im Anschluß zwischen wertlosen armen und wertvollen reichen Menschen unterscheidet.

Da nun aber die Armen nicht reicher und die Reichen nicht ärmer werden und sich das auch weitervererbt, entwickelt sich ein Rassismus zwischen festen Gruppen. Der Wert wird also zunehmend über Herkunft und Klassenzugehörigkeit definiert. Die Evolution eines neuen Rassismus nach alten Mustern.
Die Keimzelle eines neuen biologischen Rassismus also? Womöglich.

Wichtig ist es also,
diesen Rassismus jetzt und sofort zu bekämpfen. Gemeinsam und unabhängig von unserer Hautfarbe, unserem Geschlecht oder unserer kulturellen oder religiösen Gewohnheiten. Am besten wir beginnen gleich dort, wo man behauptet, es wäre keine Zeit mehr für Debatten. Dort sagen wir STOP! und frieren alle Entscheidungen ein, indem wir uns in den Weg stellen. Bewegungslos.

Holen wir uns jetzt unsere Zeit zurück. Zeit in Ruhe nachzudenken. Solange abzuwarten, bis wir wissen was wir tun. Und wenn wir keine Gewissheit erhalten, dann tun wir eben nichts. Beginnen wir damit in Dresden. Die Dresdner wissen ja nun wie es geht. Sie haben dabei zwar vorübergehend in den Abgrund geschaut, aber Schaden macht bekanntlich klug.

Auf nach Dresden!
Zum Nichts tun. Kein Spaziergang, kein Marsch, einfach nur im Wege stehen. Zeit vergeuden. Zeit, welche die da oben vorgeben nicht zu haben. Belehren wir sie eines besseren. Denn: "Wir sind das Volk!".

Freitag, 26. Dezember 2014

WIE FUNKTIONIERT EIGENTLICH FACEBOOK?

Wie facebook funktioniert an einem Beispiel erklärt.

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Facebooker 1 hat einen Nussknacker im Fenster stehen. Das Fenster ist geputzt. Die Vorhänge sind gewaschen. Facebooker 1 macht ein Foto seines Nussknackers und postet es im Facebook.

Facebooker 2 – 17 geben dafür ein „gefällt mir“.

Facebooker 18 fällt auf, das der Nussknacker von Facebooker 1 mit dem Gesicht nach draußen im Fenster steht. Er kommentiert: „Schön, das Dein Nussknacker auch was von der Welt sieht.“ Und er setzt zusätzlich noch einen Smiley hinten dran: ;) Facebooker 1-73 geben dafür ein „gefällt mir“. Von den 73 haben 52 ebenfalls einen Smiley mit drangehängt: ;)

Facebooker 74 hat eine Idee! Er stellt seinen Nussknacker ebenfalls ins Fenster mit dem Gesicht nach draußen, macht ebenfalls ein Foto und bekommt dafür postwendend von Facebooker 74-112 jeweils ein „gefällt mir“.

Facebooker 114-219 stellen jetzt ebenfalls Nussknacker-mit-dem-Gesicht-nach-draußen-Fotos ein, nachdem Facebooker 113 eine neue Facebbo-Gruppe aufgemacht hat mit dem Namen Nussknacker-mit-dem-Gesicht-nach-draußen-Fotos.

Ein englischsprachiger Facebooker, nennen wir ihn Facbooker US 1, hat auch einen Nussknacker zu Hause im Fenster stehen, er dreht ihn einer Eingebung folgend um und macht ebenfalls ein Foto. Facbooker US 2 – 1193 tun ihm nach, nachdem Facebooker US 2 eine englische Gruppe aufgemacht hat mit dem Namen „Nutcracker looks outside“.

Weltweit werden im Laufe der kommenden Woche 52.983 Nussknacker in 52.983 Wohnungen in 52.983 Fenstern von 52.983 Facebookern gepostet.

Die Sache ist erst vorbei, als Facebooker 17.342, der als Spaßverderber schon bekannt ist und deshalb in den letzten Monaten bereits von 294 facebookern entfreundet wurde, wütend bemerkt, das Nussknacker in Kinderarbeit gefertigt würden und dazu einen entlarvenden Link eines deutschen Facebookers einstellt:

http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-12/kinderarbeit-tuerkei-sema-genel

Als Facebooker 21.354 bemerkt, das Facebooker 17.342 etwas falsch übersetzt hat, denn mit „Nussknacker“ seien lediglich türkische Kinder gemeint, die Nüsse knacken müssen für Nussschokolade und keine Kinder, die Nussknacker schnitzen, ist schon die Luft raus aus der Nussknacker-Umdeh-Bewegung. .

Ein paar Facebooker murmeln noch "Spielverderber!", da postet Facebooker 1 ein Foto von seinem Hund und kommentiert:

"Hunde sind die neuen Katzen!"

Eine Welle der Empörung rast einmal um den Erdball und sie dauert noch an, als die 52.983 Nussknacker längst wieder eingewickelt und in 52.983 Kellern in 52.983 Weihnachtskisten verstaut sind.

Bescheuert, oder nicht?

Montag, 15. Dezember 2014

TAGESSCHAU LEISTET ABBITTE FÜR LUTZ BERGMANN VON PEGIDA

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Nach kritischer Nachfrage bei Tagesschau.de, ob "Kriminelle(r) Kopf" journalistisch bzw. juristisch korrekt sei, ändert Redaktion vorsichtshalber Ihre Headline.

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Samstag, 6. Dezember 2014

MARTIN RÜTTER IM HAKENKREUZ T-SHIRT ?

Modischer Fauxpas bei VOX:

Martin Rütter moderiert "Der Hundeprofi" zum Nikolaus mit "Hakenkreuz" T-Shirt im Hippie-Design.

Rütters Hakenkreuz-Version findet sich hier :
http://pixgood.com/buddhist-swastika-pattern.html
(Bild aufrufen: "S400 swastika", dann obere Reihe Mitte, zweites Hakenkreuz von rechts "Malta")

Montag, 20. Oktober 2014

Good Luck – Finding Yourself

Veröffentlicht im CICERO:
http://www.cicero.de/salon/dd-search-nice/58349

Hier in voller Länge in unlektorierter Autorenversion:


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The search is nice

„Ich dachte ja, wir werden alle schön alt zusammen, und es wird alles noch einmal wieder gut“, spricht Jutta Winkelmann anrührend und mit flüchtigem Lächeln. Und fast entschuldigend ergänzt sie – oder besser: übersetzt sie – hinüber zum neben ihr ruhenden Rainer Langhans: „Das Ego will ja nicht sterben.“ Der aber bleibt stumm. Geschlossene Augen. Ganz weit weg.

Die Szene passiert irgendwo am Strand von Kovalam im südwestindischen Bundesstaat Kerala. Jutta und Rainer lehnen scheinbar sorglos und entspannt an einem dieser glattpolierten Felsen wie man sie aus Hochglanzprospekten von den Malediven kennt.

Der Dokumentarfilm „Good Luck – Finding Yourself“, der am 23. Oktober in die Kinos kommt, hat allerdings wenig von einem unbeschwert luxuriösen Urlaubstrip. Jutta Winkelmann hat Knochenkrebs mit Metastasen. Ihre Indienfahrt versteht sie als finale Pilgerreise. Eine exotische Prozession rund um ihren Krebs, den „König aller Krankheiten“, wie ihn der in Neu-Delhi geborene Arzt Siddhartha Mukherjee in seiner Pulitzer-Preis-ausgezeichneten Krebs-Biografie nennt. Rainer Langhans wird sich auf ihn beziehen, wenn er sich während einer Autopanne mit Jutta Winkelmann etwas abseits der Hektik der Straße bewegt und man wenige Meter weiter in eine ländliche Stille versinkt – ein indischer Time-Tunnel.

Eine Kuh muht herzzerreißend, eine Großfamilie steht stumm vor ihrem lehmverputzten Haus. Aufgestellt wie vor dem Daguerreotypie-Apparat eines Ethnologen. Und auf dem weiten Hof davor flattern die Hühner um ein klappriges Bettgestell, auf dem ein uralter Mann sitzt, der durch eine dickglasige Brille starr und ausdruckslos die beiden Fremdlinge beschaut. Hat sich Weisheit angesammelt in diesem gelebten Leben an der Schwelle zum Tod? Oder wenigstens eine
Botschaft? Die Kamera scheint darüber nachzudenken, verweilt ein paar Sekunden. Aber die Fragen bleiben offen. Ein schneller Schnitt. Und brutal laut rasen wieder Autos vorbei. Indien in Bewegung.

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Starke Szenen, die Severin Winzenburg da einfängt, und der wiederum ist nicht nur irgendein junger, ambitionierter Doku-Filmer, sondern Juttas Sohn – also ist eine weitere Ebene theoretisch programmiert. Aber nein, die finale Mutter-Sohn-Konfrontation ist Winzenburgs Sache nicht. Nur ein, zwei Sätze überschreiten die unsichtbare Schranke zwischen Kamera und Motiv. „Jutta lernte Rainer 1974 kennen, zu der Zeit war Reiners indischer Lehrer Kirpal Singh gerade verstorben. Seitdem sucht sie etwas Eigenes, einen Nachfolger,“ kommentiert er aus dem Off.

Also kein familientherapeutischer Ansatz. Keine Aufarbeitung. Aus Erfahrung klug? Immerhin begleitete der heute 36-jährige 2008 einen Familienangehörigen mit der Kamera: „My american Cousin“ meint Balthazar Getty, Sohn seiner Tante Gisela, Jutta Winkelmanns Zwillingsschwester. Der Schauspieler Balthazar Getty, der auch Musiker ist,liefert nun einen Teil der Filmmusik.

Mutter-Sohn-Beziehungen sind ja subtiler als diese Vater-Sohn-Dramen, wie sie beispielsweise aktuell der Norweger Karl-Ove Knausgaard in „Min Kamp“ über tausende von Seiten zelebriert hat. Aber selten sind sie deshalb trotzdem nicht. Kästner setzte ihr ein Denkmal in „Meine Mutter“ und Rainer Maria Rilkes Briefe an seine Mutter kommen regelmäßig aus der weiten Welt in die Enge des Altenheims. Heute steht die klassische Familie auf dem Prüfstein. Aber die Mutter-Sohn-Beziehung wird diese Verwürfnisse überleben. Die Nabelschnur ist ihr ehernes Band. Und ihre Rekonvaleszenz eine Daueraufgabe.

Severin geht weit zurück. Unsichtbar hinter seiner Kamera. Eine Annäherung also aus der unnatürlichsten Perspektive einer Mutter gegenüber: als neutraler Beobachter. Ein Konflikt, der durch alle Sequenzen hindurch spürbar ist. Und wenn es gar nicht mehr erträglich ist, wenn die Emotionen überborden, fällt der Vorhang. Aber nicht ganz, wenn der Sohn noch durch einen winzigen Spalt der Mutter beim Weinen, beim Jammern und beim Medikamente einnehmen zuschaut.

Die Bühne gehört ganz Jutta Winkelmann. Und ihren Weggefährten seit Jahrzehnten. Wenn man deren Tun auf Rollen reduzieren würde, wäre Jutta das Herz, Christa das Hirn, Brigitte der Körper und Rainer so etwas wie das Über-Ich. Brigitte verdammt zum Schönsein, zickig, divenhaft, Jutta zuständig für Wärme und Herzlichkeit, das vergebende Element, Christa ist die mit der scharfen Zunge, hinterfragend, was man denn da eigentlich täte. Und Langhans über allem schwebend. Gefangen in der Isolation des ewigen Supervisors.

„Good Luck – finding yourself“ ist eine Dokumentation. Ist aber auch ein Roadmovie quer durch Indien mit dem Boot, dem Auto, Rikschas, Flugzeugen und immer wieder Eisenbahnen. Ist eine Indienreise mit Jutta Winkelmann, Christa Ritter, Brigitte Streubel und Rainer Langhans auf der Suche nach Hilfestellung zur Erleuchtung direkt vor Ort: eben das traditionelle Motiv der westlich-kapitalistischen Sinnsucher im spirituellen Indien.

Dabei ist Indiens Wirtschaftswachstum heute dreifach höher als das der Bundesrepublik. Diese veränderten Verhältnisse sind dann auch die Startrampe für Dissonanzen. Unsere Protagonisten sind augenscheinlich, was sie oft so angestrengt zu vermeiden suchen: Aus der Zeit gefallen mit einer seltsam deplatzierte Haltung, die – wenn auch auf anderem Niveau – wohl noch jede Rentnerurlaubstruppe zu bieten hätte. Wenn man sich immer wieder mit offensichtlich typisch deutschen Wohlstandsdruckstellen für die schlichte Eleganz der Armut begeistert und gleichzeitig über Lärm und Schmutz beschwert, das kann schon unerträglich sein.

Da fragt man sich, welchen Sinn es noch macht, wenn das Private politisch sein soll, aber das Politische, die gesellschaftlichen Verhältnisse, das Elend, einfach nicht mehr den Weg ins Private finden. Abgestumpft im Einzelkampf. Ja, das nervt, wie es schon so oft genervt hat, wenn Langhans und seinem Harem auf Missionstour waren. Oder besser: Könnte nerven, denn hier und in diesem Moment ist es erstaunlicherweise ohne jede Relevanz.

Dieser Langhansche Habitus rund um seinen Harem ist so harmlos, so nebensächlich geworden, das man allenfalls schmunzeln muss über die wenigen Zitate aus dieser Parallelwelt. Indien live schluckt einfach alles weg. Wunderbares Indien: Th search is nice.

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„The search is nice!“, so antwortet Jutta Winkelmann als sie von einem europäischen Indienreisenden gefragt wird, warum sie überhaupt auf der Suche sei. Dann ein Schnitt zurück nach München: „Ein Jahr zuvor“. Jutta und ihre Tochter liegen sich im Bett in den Armen. Die erwachsene Tochter unter Tränen: „Ich will einfach, dass alles so bleibt wie es ist. Ich will, dass meine Mama da ist!“ Jutta streicht mechanisch über die lockigen Haare der Tochter. Schon ganz fern von der Welt. Eine schöne magere Hand. Halbmondfingernägel, Adern wie Flüsse und erstaunlich wenig Falten für eine 65-Jährige.

Hände sind auch ein Schlüsselmotiv des Films. Großaufnahmen. Streichelnde, fassende, suchende, bittende, wundervolle alte Hände. Dürerhände. Weisheit. Wisdom. Einmal, im Zug oder Flugzeug, reicht Langhans Jutta die Hand. Nicht einfach so, er lässt sie mit der Handfläche nach oben in ihre Richtung fallen, bietet seine Hand an, schaut ihr dabei von der Seite auf eine ernste Weise zärtlich aufs traurige Gesicht – das sind starke Szenen voller Emotionalität an der Kamera vorbei.

Oder doch nicht, denn hier filmt ja der Sohn. In solchen Momenten erinnert man sich daran. Klar, das könnte man auch spielen. Aber darum geht es nicht: Es wirkt einfach echt. Authentisch. Und das sind dann auch jene Szenen, die diesen Film, der sicher auch seine Längen hat, so fest zusammenhalten.

Die atemberaubende Indien-Kulisse macht nun aus solchen einfühlsamen Kammerspielszenen großes Kino. Wir sind auf dem Kumbh Mela, einem hinduistischen Fest und das größte religiöse Fest der Welt. Jutta und Rainer gehen eine breite, unbefestigte dammartig erhöhte Straße entlang. Eine baumlose Allee. Es ist Abend. Es ist kalt. Gelbes Kunstlicht. Staubiges Licht. Rechts und links unzählige Buden und Zelte. Hier wetteifern Sekten, Religionsgemeinschaften und Gurus um Gläubige. Hier wird nichts weiter feilgeboten, als wieder die nächste Erleuchtungsalternative. Ein großer Nirwana-Jahrmarkt mit Anreißern wie auf der Reeperbahn. Ballonverkäufer, Kerzenhändler, grellbunte Prozessionen.

Rainer und Jutta wandern ziellos die unendliche Guru-Strecke ab. Orientierungslos. Und – na klar – auch symbolhaft für diese nervenaufreibende, jahrzehntelange Suche und Selbstzerfleischung im heimischen München. Jetzt scheint die Zeit knapp geworden für Jutta. Wo soll man nun noch schauen, wo verweilen?

Eine große Sinnlosigkeit. Menschen huschen vorbei wie Schatten. Ja doch, in diesem Moment befindet sich die Dokumentation „Good Luck – Finding Yourself“ auf ihrem emotionalen Höhepunkt. Absolute Klarheit. Und beißende Einsamkeit hier in diesem echten Leben, das so surreal erscheint. Endzeit ist angebrochen. Krebszeit.

Ein großartiges filmisches Requiem auf das Leben.

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