Freitag, 26. Dezember 2014

WIE FUNKTIONIERT EIGENTLICH FACEBOOK?

Wie facebook funktioniert an einem Beispiel erklärt.

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Facebooker 1 hat einen Nussknacker im Fenster stehen. Das Fenster ist geputzt. Die Vorhänge sind gewaschen. Facebooker 1 macht ein Foto seines Nussknackers und postet es im Facebook.

Facebooker 2 – 17 geben dafür ein „gefällt mir“.

Facebooker 18 fällt auf, das der Nussknacker von Facebooker 1 mit dem Gesicht nach draußen im Fenster steht. Er kommentiert: „Schön, das Dein Nussknacker auch was von der Welt sieht.“ Und er setzt zusätzlich noch einen Smiley hinten dran: ;) Facebooker 1-73 geben dafür ein „gefällt mir“. Von den 73 haben 52 ebenfalls einen Smiley mit drangehängt: ;)

Facebooker 74 hat eine Idee! Er stellt seinen Nussknacker ebenfalls ins Fenster mit dem Gesicht nach draußen, macht ebenfalls ein Foto und bekommt dafür postwendend von Facebooker 74-112 jeweils ein „gefällt mir“.

Facebooker 114-219 stellen jetzt ebenfalls Nussknacker-mit-dem-Gesicht-nach-draußen-Fotos ein, nachdem Facebooker 113 eine neue Facebbo-Gruppe aufgemacht hat mit dem Namen Nussknacker-mit-dem-Gesicht-nach-draußen-Fotos.

Ein englischsprachiger Facebooker, nennen wir ihn Facbooker US 1, hat auch einen Nussknacker zu Hause im Fenster stehen, er dreht ihn einer Eingebung folgend um und macht ebenfalls ein Foto. Facbooker US 2 – 1193 tun ihm nach, nachdem Facebooker US 2 eine englische Gruppe aufgemacht hat mit dem Namen „Nutcracker looks outside“.

Weltweit werden im Laufe der kommenden Woche 52.983 Nussknacker in 52.983 Wohnungen in 52.983 Fenstern von 52.983 Facebookern gepostet.

Die Sache ist erst vorbei, als Facebooker 17.342, der als Spaßverderber schon bekannt ist und deshalb in den letzten Monaten bereits von 294 facebookern entfreundet wurde, wütend bemerkt, das Nussknacker in Kinderarbeit gefertigt würden und dazu einen entlarvenden Link eines deutschen Facebookers einstellt:

http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-12/kinderarbeit-tuerkei-sema-genel

Als Facebooker 21.354 bemerkt, das Facebooker 17.342 etwas falsch übersetzt hat, denn mit „Nussknacker“ seien lediglich türkische Kinder gemeint, die Nüsse knacken müssen für Nussschokolade und keine Kinder, die Nussknacker schnitzen, ist schon die Luft raus aus der Nussknacker-Umdeh-Bewegung. .

Ein paar Facebooker murmeln noch "Spielverderber!", da postet Facebooker 1 ein Foto von seinem Hund und kommentiert:

"Hunde sind die neuen Katzen!"

Eine Welle der Empörung rast einmal um den Erdball und sie dauert noch an, als die 52.983 Nussknacker längst wieder eingewickelt und in 52.983 Kellern in 52.983 Weihnachtskisten verstaut sind.

Bescheuert, oder nicht?

Montag, 15. Dezember 2014

TAGESSCHAU LEISTET ABBITTE FÜR LUTZ BERGMANN VON PEGIDA

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Nach kritischer Nachfrage bei Tagesschau.de, ob "Kriminelle(r) Kopf" journalistisch bzw. juristisch korrekt sei, ändert Redaktion vorsichtshalber Ihre Headline.

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Samstag, 6. Dezember 2014

MARTIN RÜTTER IM HAKENKREUZ T-SHIRT ?

Modischer Fauxpas bei VOX:

Martin Rütter moderiert "Der Hundeprofi" zum Nikolaus mit "Hakenkreuz" T-Shirt im Hippie-Design.

Rütters Hakenkreuz-Version findet sich hier :
http://pixgood.com/buddhist-swastika-pattern.html
(Bild aufrufen: "S400 swastika", dann obere Reihe Mitte, zweites Hakenkreuz von rechts "Malta")

Montag, 20. Oktober 2014

Good Luck – Finding Yourself

Veröffentlicht im CICERO:
http://www.cicero.de/salon/dd-search-nice/58349

Hier in voller Länge in unlektorierter Autorenversion:


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The search is nice

„Ich dachte ja, wir werden alle schön alt zusammen, und es wird alles noch einmal wieder gut“, spricht Jutta Winkelmann anrührend und mit flüchtigem Lächeln. Und fast entschuldigend ergänzt sie – oder besser: übersetzt sie – hinüber zum neben ihr ruhenden Rainer Langhans: „Das Ego will ja nicht sterben.“ Der aber bleibt stumm. Geschlossene Augen. Ganz weit weg.

Die Szene passiert irgendwo am Strand von Kovalam im südwestindischen Bundesstaat Kerala. Jutta und Rainer lehnen scheinbar sorglos und entspannt an einem dieser glattpolierten Felsen wie man sie aus Hochglanzprospekten von den Malediven kennt.

Der Dokumentarfilm „Good Luck – Finding Yourself“, der am 23. Oktober in die Kinos kommt, hat allerdings wenig von einem unbeschwert luxuriösen Urlaubstrip. Jutta Winkelmann hat Knochenkrebs mit Metastasen. Ihre Indienfahrt versteht sie als finale Pilgerreise. Eine exotische Prozession rund um ihren Krebs, den „König aller Krankheiten“, wie ihn der in Neu-Delhi geborene Arzt Siddhartha Mukherjee in seiner Pulitzer-Preis-ausgezeichneten Krebs-Biografie nennt. Rainer Langhans wird sich auf ihn beziehen, wenn er sich während einer Autopanne mit Jutta Winkelmann etwas abseits der Hektik der Straße bewegt und man wenige Meter weiter in eine ländliche Stille versinkt – ein indischer Time-Tunnel.

Eine Kuh muht herzzerreißend, eine Großfamilie steht stumm vor ihrem lehmverputzten Haus. Aufgestellt wie vor dem Daguerreotypie-Apparat eines Ethnologen. Und auf dem weiten Hof davor flattern die Hühner um ein klappriges Bettgestell, auf dem ein uralter Mann sitzt, der durch eine dickglasige Brille starr und ausdruckslos die beiden Fremdlinge beschaut. Hat sich Weisheit angesammelt in diesem gelebten Leben an der Schwelle zum Tod? Oder wenigstens eine
Botschaft? Die Kamera scheint darüber nachzudenken, verweilt ein paar Sekunden. Aber die Fragen bleiben offen. Ein schneller Schnitt. Und brutal laut rasen wieder Autos vorbei. Indien in Bewegung.

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Starke Szenen, die Severin Winzenburg da einfängt, und der wiederum ist nicht nur irgendein junger, ambitionierter Doku-Filmer, sondern Juttas Sohn – also ist eine weitere Ebene theoretisch programmiert. Aber nein, die finale Mutter-Sohn-Konfrontation ist Winzenburgs Sache nicht. Nur ein, zwei Sätze überschreiten die unsichtbare Schranke zwischen Kamera und Motiv. „Jutta lernte Rainer 1974 kennen, zu der Zeit war Reiners indischer Lehrer Kirpal Singh gerade verstorben. Seitdem sucht sie etwas Eigenes, einen Nachfolger,“ kommentiert er aus dem Off.

Also kein familientherapeutischer Ansatz. Keine Aufarbeitung. Aus Erfahrung klug? Immerhin begleitete der heute 36-jährige 2008 einen Familienangehörigen mit der Kamera: „My american Cousin“ meint Balthazar Getty, Sohn seiner Tante Gisela, Jutta Winkelmanns Zwillingsschwester. Der Schauspieler Balthazar Getty, der auch Musiker ist,liefert nun einen Teil der Filmmusik.

Mutter-Sohn-Beziehungen sind ja subtiler als diese Vater-Sohn-Dramen, wie sie beispielsweise aktuell der Norweger Karl-Ove Knausgaard in „Min Kamp“ über tausende von Seiten zelebriert hat. Aber selten sind sie deshalb trotzdem nicht. Kästner setzte ihr ein Denkmal in „Meine Mutter“ und Rainer Maria Rilkes Briefe an seine Mutter kommen regelmäßig aus der weiten Welt in die Enge des Altenheims. Heute steht die klassische Familie auf dem Prüfstein. Aber die Mutter-Sohn-Beziehung wird diese Verwürfnisse überleben. Die Nabelschnur ist ihr ehernes Band. Und ihre Rekonvaleszenz eine Daueraufgabe.

Severin geht weit zurück. Unsichtbar hinter seiner Kamera. Eine Annäherung also aus der unnatürlichsten Perspektive einer Mutter gegenüber: als neutraler Beobachter. Ein Konflikt, der durch alle Sequenzen hindurch spürbar ist. Und wenn es gar nicht mehr erträglich ist, wenn die Emotionen überborden, fällt der Vorhang. Aber nicht ganz, wenn der Sohn noch durch einen winzigen Spalt der Mutter beim Weinen, beim Jammern und beim Medikamente einnehmen zuschaut.

Die Bühne gehört ganz Jutta Winkelmann. Und ihren Weggefährten seit Jahrzehnten. Wenn man deren Tun auf Rollen reduzieren würde, wäre Jutta das Herz, Christa das Hirn, Brigitte der Körper und Rainer so etwas wie das Über-Ich. Brigitte verdammt zum Schönsein, zickig, divenhaft, Jutta zuständig für Wärme und Herzlichkeit, das vergebende Element, Christa ist die mit der scharfen Zunge, hinterfragend, was man denn da eigentlich täte. Und Langhans über allem schwebend. Gefangen in der Isolation des ewigen Supervisors.

„Good Luck – finding yourself“ ist eine Dokumentation. Ist aber auch ein Roadmovie quer durch Indien mit dem Boot, dem Auto, Rikschas, Flugzeugen und immer wieder Eisenbahnen. Ist eine Indienreise mit Jutta Winkelmann, Christa Ritter, Brigitte Streubel und Rainer Langhans auf der Suche nach Hilfestellung zur Erleuchtung direkt vor Ort: eben das traditionelle Motiv der westlich-kapitalistischen Sinnsucher im spirituellen Indien.

Dabei ist Indiens Wirtschaftswachstum heute dreifach höher als das der Bundesrepublik. Diese veränderten Verhältnisse sind dann auch die Startrampe für Dissonanzen. Unsere Protagonisten sind augenscheinlich, was sie oft so angestrengt zu vermeiden suchen: Aus der Zeit gefallen mit einer seltsam deplatzierte Haltung, die – wenn auch auf anderem Niveau – wohl noch jede Rentnerurlaubstruppe zu bieten hätte. Wenn man sich immer wieder mit offensichtlich typisch deutschen Wohlstandsdruckstellen für die schlichte Eleganz der Armut begeistert und gleichzeitig über Lärm und Schmutz beschwert, das kann schon unerträglich sein.

Da fragt man sich, welchen Sinn es noch macht, wenn das Private politisch sein soll, aber das Politische, die gesellschaftlichen Verhältnisse, das Elend, einfach nicht mehr den Weg ins Private finden. Abgestumpft im Einzelkampf. Ja, das nervt, wie es schon so oft genervt hat, wenn Langhans und seinem Harem auf Missionstour waren. Oder besser: Könnte nerven, denn hier und in diesem Moment ist es erstaunlicherweise ohne jede Relevanz.

Dieser Langhansche Habitus rund um seinen Harem ist so harmlos, so nebensächlich geworden, das man allenfalls schmunzeln muss über die wenigen Zitate aus dieser Parallelwelt. Indien live schluckt einfach alles weg. Wunderbares Indien: Th search is nice.

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„The search is nice!“, so antwortet Jutta Winkelmann als sie von einem europäischen Indienreisenden gefragt wird, warum sie überhaupt auf der Suche sei. Dann ein Schnitt zurück nach München: „Ein Jahr zuvor“. Jutta und ihre Tochter liegen sich im Bett in den Armen. Die erwachsene Tochter unter Tränen: „Ich will einfach, dass alles so bleibt wie es ist. Ich will, dass meine Mama da ist!“ Jutta streicht mechanisch über die lockigen Haare der Tochter. Schon ganz fern von der Welt. Eine schöne magere Hand. Halbmondfingernägel, Adern wie Flüsse und erstaunlich wenig Falten für eine 65-Jährige.

Hände sind auch ein Schlüsselmotiv des Films. Großaufnahmen. Streichelnde, fassende, suchende, bittende, wundervolle alte Hände. Dürerhände. Weisheit. Wisdom. Einmal, im Zug oder Flugzeug, reicht Langhans Jutta die Hand. Nicht einfach so, er lässt sie mit der Handfläche nach oben in ihre Richtung fallen, bietet seine Hand an, schaut ihr dabei von der Seite auf eine ernste Weise zärtlich aufs traurige Gesicht – das sind starke Szenen voller Emotionalität an der Kamera vorbei.

Oder doch nicht, denn hier filmt ja der Sohn. In solchen Momenten erinnert man sich daran. Klar, das könnte man auch spielen. Aber darum geht es nicht: Es wirkt einfach echt. Authentisch. Und das sind dann auch jene Szenen, die diesen Film, der sicher auch seine Längen hat, so fest zusammenhalten.

Die atemberaubende Indien-Kulisse macht nun aus solchen einfühlsamen Kammerspielszenen großes Kino. Wir sind auf dem Kumbh Mela, einem hinduistischen Fest und das größte religiöse Fest der Welt. Jutta und Rainer gehen eine breite, unbefestigte dammartig erhöhte Straße entlang. Eine baumlose Allee. Es ist Abend. Es ist kalt. Gelbes Kunstlicht. Staubiges Licht. Rechts und links unzählige Buden und Zelte. Hier wetteifern Sekten, Religionsgemeinschaften und Gurus um Gläubige. Hier wird nichts weiter feilgeboten, als wieder die nächste Erleuchtungsalternative. Ein großer Nirwana-Jahrmarkt mit Anreißern wie auf der Reeperbahn. Ballonverkäufer, Kerzenhändler, grellbunte Prozessionen.

Rainer und Jutta wandern ziellos die unendliche Guru-Strecke ab. Orientierungslos. Und – na klar – auch symbolhaft für diese nervenaufreibende, jahrzehntelange Suche und Selbstzerfleischung im heimischen München. Jetzt scheint die Zeit knapp geworden für Jutta. Wo soll man nun noch schauen, wo verweilen?

Eine große Sinnlosigkeit. Menschen huschen vorbei wie Schatten. Ja doch, in diesem Moment befindet sich die Dokumentation „Good Luck – Finding Yourself“ auf ihrem emotionalen Höhepunkt. Absolute Klarheit. Und beißende Einsamkeit hier in diesem echten Leben, das so surreal erscheint. Endzeit ist angebrochen. Krebszeit.

Ein großartiges filmisches Requiem auf das Leben.

Donnerstag, 4. September 2014

DIE INTERIMSNOMADEN

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http://www.kn-online.de

Ich weiß es gar nicht, gibt es überhaupt Leute, die nie in den Urlaub fahren? Sicher, Alte, Kranke oder anderweitig Eingeschränkte. Aber an die dachte ich nicht. Also ja, ich glaube schon, ohne es auf der Heimfahrt aus dem Urlaub googlen zu können, dass es Menschen gibt, die immer am selben Ort verweilen, für die Heimat schon deshalb zum Gefängnis wird, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, zu verreisen.

Heißt, Urlaub für alle bräuchte also eine monatliche Rücklage um einmal im Jahr für ein paar Wochen die Heimat von einem fernen Punkt aus zu betrachten. Es müsste also so etwas wie ein irgendwie verbrieftes Recht auf Urlaub geben, so wie es ein Recht auf Gesundheitsvorsorge gibt.

Doch, ich meine mich zu erinnern, das es für Hartz4ler und Arbeitslose eine bestimmte Zeitspanne gibt, in der diese nicht für Vermittlungen zur Verfügung stehen müssen. Eine Zeitspanne, die mit „Urlaub“ hinreichend begründet ist. Und es gibt Zuschüsse für Kinder, die Klassenfahrten oder Ferienfreizeiten machen.

Perspektiven verändern. Aber nicht als staatliches Belohnsystem wie etwa im III Reich dank „Kraft durch Freude“. Mein Großvater unternahm eine solche Reise wohl irgendwann 1940 berichtet die Mutter, als wir jetzt Richtung Norwegen aufbrachen. Opa war damals ungefähr so alt, wie ich es heute bin. Er brachte meiner Mutter damals eine kleine, mit Sägespänen gefüllte Matrosenpuppe mit. Mutter nannte sie „Hein“.

Hein ging 1945 auf der Flucht verloren oder er wurde nicht für Wert empfunden, vor der heranrückenden Roten Armee gerettet zu werden. Was aus Hein geworden ist, wäre eine interessante Frage, die aber wohl für immer unbeantwortet bleiben muss. Heins Nachfolger hießen Peter und Edeltraud.

Nachkriegspuppen. Weniger geliebt. Nur gemocht. Für Sie als Leser könnte es interessanter sein, zu erfahren, das der Opa damals ausgerechnet mit der Wilhelm Gustloff nach Norwegen fuhr. Jenes Schiff, das später für tausende Flüchtlinge zum Massengrab in der eiskalten Ostsee wurde.

2014 brettern wir schon eine Stunde nach der Ankunft mit dem 30 PS Yamaha-Motorboot über die Fjorde, während die Frauen noch auspacken und sich über die fehlenden Schränke beklagen. Ich hab's schon wieder vergessen, aber der Jüngste berichtete auf der Heimfahrt irgendwo zwischen Aalborg und Aarhus, dass unsere ersten Fänge Minuten nach dem Auswerfen ein kleinerer Dorsch und ein läppischer Köhler waren.

Die Sache fing also zumindest vielversprechend an. Der norwegische „Sommer des Jahrhunderts“ allerdings, von dem ein guter Freund noch Wochen zuvor begeistert sprach, als er stolz Fotos von den zwei selbstgefangenen Makrelen ins Facebook hämmerte, war beendet. So hatten wir den Herbst des Jahrhunderts. Denn so fühlte es sich drei Wochen lang an: wie eine ziemlich milde dritte Jahreszeit mit zwei sonnigen Tagen, die wir im letzten Norwegenjahr noch an einer braungebrannten Perlenkette aneinanderreihen konnten.

Hatte uns das Ferienglück der letzten Jahre – immer die beste Hütte, die tollsten Leute, die spannendsten und überraschendsten Erlebnisse und das beste Wetter – zum ersten Mal verlassen?

Nein, denn es kam dieses Mal aus einer anderen Richtung und als schuppige Entschuldigung. 132 Makrelen schon am vierten Tag in der Truhe. Die Kinder stehend im Boot entrissen dem düsteren Fjord eine der schillernden Schönheiten nach der anderen. Miniaturversionen vom Thunfisch. Herrliche Tiere.
Schmackhafte Omega-3-Bomben. Und welcher Vater würde sich da trauen, diesen Reigen aus jagen, fangen und killen vor der Zeit zu stoppen?

Nun gut, wer schon einmal Makrelen geangelt hat, weiß, das 132 Stück ein ziemlich blutiges Gemetzel bedeuten. 132 mal den Totschläger zücken und zwischen die starren Augen sausen lassen - ein Butbad im schneeweißen Boot. Und die sportlichen Viecher zappeln dann noch eine Weile weiter. Elektrische Entladungen über Minuten. Die Angeln sausten derweil gnadenlos weiter.

Glänzende Kinderaugen versus ermattender Makrelenblicke. Und die Kollegin, die ebenfalls etwas früher an selber Stelle ihren „Sommer des Jahrhunderts“ erlebte, jagte, erlegte und zerlegte sogar den Dornhai, der hier seit 2010 unter Schutz steht, aber darüber lachen die Einheimischen herzlich, denn der Dornige beißt hier immer als erstes, wenn man nicht zufällig ganz tief in so einem Makrelenschwarm zu versinken droht.

Einen Fisch auszunehmen, ist noch einmal etwas anderes, als ihn nur zu fangen. Und nun stellen Sie sich diese unschön zu beschreibende Sauerei einmal multipliziert mit 132 vor. Nicht, das man sie nicht essen oder einfrieren und mitnehmen könnte, aber bis zum Filet ist es ein weiter blutiger Pfad.

Also sagen wir es frei heraus, die Makrele hat keine Fürsprecher. Die Hälfte gibt es beim Penny für 1,49 Euro. Fest im Sortiment, aber wohl kein Megaseller, dafür sieht das geräucherte Stück einfach nicht attraktiv genug aus. Frisch hingegen, auf dem Grill in Alufolie gebacken, eine Augenweide, ein Gaumenschmaus bis zur Gallenkolik. Aber selbst dieses kleine gallige Miststück gewöhnte sich gottseidank irgendwann.

Aber rasch noch zurück zur Eingangsfrage. Ja, der Mensch ist ein Suchender. Das liegt in seiner Natur. Urlaub ist, so man nicht All-inclusive verreist, mehr als nur eine notwendige gewerkschaftlich dem Arbeitgeber abgetrotzte Erholungspause. Also nicht „Kraft durch Freude“, sondern analoge und zeitlich eng limitierte Ersatzbefriedigung für einige menschliche Grundbedürfnisse wie beispielsweise Neugierde, Abenteuerlust, Entdeckerfreude. Inspiration. Eben die absichtsvolle Begegnung mit dem Fremden.

Ich habe nie verstanden, was Freunde und Kollegen in diesem Zusammenhang dazu veranlasst, über Norwegen die Nase zu rümpfen, als reise man nur etwas weiter ins dänische Hinterland. Wer nach drei Stunden Fährfahrt an norwegischen Gestaden anlandet, der betritt echtes Neuland. Dem füllt die klarste Luft die Lungen mit Hoffnung. Immer wieder. Und darum geht es doch.

Der ideale Verstärker 2014 im Reisegepäck übrigens dieser sensationelle – ok, Jahrhundertschriftsteller ist zu dicke, aber : – Schriftsteller des Jahrzehnts, Karl Ove Knausgård, der neue Literatur-Megastar aus … genau: Kristiansand/Norwegen, der mit „Min Kamp“ die norwegische Seelenlandschaft über tausende von Seiten in einem phänomenalen Ich-Striptease hingeblättert hat. Vertrauen Sie mir, der Junge schreibt, als zöge sich der Fjord-Dornhai höchstselbst die festsitzende Sandpapierhaut vom Filet. Filetliteratur! Abenteuerurlaub Norwegen mit zusätzlicher Knausgård-Meta-Ebene.

Und dann sind drei Wochen schon wieder vorbei. Und man quält sich stundenlang über die Autobahn Richtung Heimat. Weg von einem Abenteuer, das nun in der Rückschau bereits erscheint, wie eine Belohnung, eine Abgeltung irgendeiner Quälerei, die wir Arbeit nennen.

Und neue Arbeit wartet, die wieder zwölf Monate lang eine Abenteuer-Belohnung ansparen soll. "Ja sind wir denn verrückt?", fragen sich Woche für Woche etliche Deutsche bei VOX bei „Goodbye Deutschland“ und flüchten ins Dauer-Abenteuer, das dann aber doch wieder nur eine komplizierte Verlagerung des Arbeitsplatzes wird, wenn man überhaupt einen neuen bekommt. Die alte Heimat wird täglich fremder, die neue heimatlicher. Komischer Deal, oder etwa nicht?

Liegt die Lösung im Nomadentum? Und wie viel Nomade steckt noch im dänischen Wohnwagenbesitzer? Fast mehr Fragen als Makrelen. Und am Ende ist es natürlich wieder ganz schnöde eine Frage des Budgets, der Urlaubskasse, die gefüllt sein will. Schließlich machen wir mit vier Kindern und einer großzügigen Oma nicht mehr auf Rucksacktouristen.

Petri Heil!

Dienstag, 5. August 2014

Beggegnung der dritten Art mit Heinrich Schmitz

Interview mit IHM

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http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Bundesarchiv_Bild_102-11649,_Berlin,_Obdachlose_auf_der_Parkbank.jpg


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Ich hatte es mir nach einigen anstrengenden Anhörungen in der Psychiatrie gerade auf einer Parkbank gemütlich gemacht, um eine Zigarette zu rauchen, als er sich zu mir setzte. Sympathischer älterer Herr, Typ Eric Clapton.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Natürlich. Ist ja genug Platz.“

Er setze sich neben mich und drehte sich eine Zigarette. Nach 2 tiefen Zügen begann er zu sprechen:

„Wie wäre es mit einem Exklusivinterview, Herr Schmitz?“
„Exklusiv ist immer gut. Wer sind Sie denn? Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Ich bin der ich bin.“
„Ach was, das bin ich ja auch.“

„Nein, sie sind das nicht. Sie sind ein Mensch.“
„Sie nicht?“
„Nein. Wollen Sie nun ein Interview oder nicht. Ich will mich ja nicht aufdrängen.“

„Lassen Sie mal hören.“

Im Park der Psychiatrie trifft man häufiger Menschen, die sich für Gott halten. Ich hatte keine Lust zu streiten. Einen Sohn Gottes habe ich schon seit Jahren als Mandanten.

„Ich sprach von einem Interview. Sie müssten schon Fragen stellen.“
„Sie sind also kein Mensch. Was sind Sie dann, ein Alien?“
„Auch das wurde schon behauptet, aber nein.“

„Ein Gott?“
„Die einen sagen so, die anderen so. Hier in ihrer Region werde ich meistens mit Gott angesprochen, ältere sagen gerne Herrjott, aber andere auch Allah, Jahwe, Jehova, Manitu oder sonst wie genannt. Mir ist das völlig egal. “

„Sie wollen also der eine Gott sein? Sie erinnern mich zwar an Eric Clapton, aber ist war ja nur ein Gitarrengott.“
Er lächelte.

„Jeder sieht mich anders. Das ist okay.“
„Sie wollen mich wohl verkohlen?“
„Von wollen kann gar keine Rede sein. Meinen Sie etwa das macht Spaß?“


„Nicht?“
„Nicht wirklich. Was glauben Sie wie langweilig das ist, wenn man keine adäquaten Gesprächspartner hat? Immer alleine. Und dann auch noch ewig.“

„Ja. Nachvollziehbar. Und was machen Sie so die ganze Zeit?“

„Ich mache schon seit einiger Zeit nichts mehr. Zuletzt habe ich mal diesen Urknall gemacht. Ist aber schon länger her. Ob das so eine gute Idee war, weiß ich auch nicht mehr. Aber auch das hat ja wenigstens irgendwann ein Ende. Ich nicht. Wissen Sie, so ein Immerdasein, sie nennen das Ewigkeit, ist kein Zuckerschlecken. Kein Anfang kein Ende.“

„Ich verstehe. Und warum wollen Sie mir jetzt ein Interview geben? Soll ich den Menschen irgendetwas mitteilen?“

„Ich bewahre. Nein, nur nicht. Das ist bisher immer völlig daneben gegangen. Wenn Sie sich trauen würden, dieses Gespräch weiterzugeben, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Im günstigsten Fall werden Sie für verrückt erklärt und landen in einer geschlossenen Anstalt. Kennen Sie ja. Im anderen Fall werden Sie vermutlich von anderen zum Propheten gemacht und vielleicht sogar zum Religionsgründer. Das ist ja häufiger passiert, wenn ich mal mit jemandem geredet habe. Ich erinnere mich noch an diesen Moses. Der hatte so ein schlechtes Gedächtnis und wollte sich ein paar Sätze notieren. Auf Steintafeln. Das muss man sich mal vorstellen. Und dann wird gleich wieder eine Religion draus gemacht.“

„ Das war also gar nicht Ihre Absicht?“
„Ach was. Ein paar Tipps wollte ich dem geben, wie man besser miteinander klar kommen kann, mehr nicht. Ich weiß auch nicht, warum die Menschen da immer gleich diese Religionen draus machen. Ich bin nicht religiös. An was sollte ich auch schon glauben?“

„Und die Christen?“
„Ja, auch so ähnlich. Der Jesus sollte auch nur ein paar Tipps geben, wie die Leute besser miteinander klar kommen könnten. Liebe deine Feinde und so. Aber, sie haben ja gesehen, was dabei raus gekommen ist. Neue Religion. Neuer Brassel. Dabei hat der nur mal gesagt, seine Fans sollten seine Tipps an andere weitergeben. War nur gut gemeint.“

„Und Mohammed?“
„Ja, auch so einer. Immer wenn ich mal mit einem rede und der gibt das anderen weiter passiert so was. Und das irre ist, hinterher schlagen die sich auch noch gegenseitig tot, weil jeder meint, ich hätte ihm ein Exklusiv-Interview gegeben. Oder ich wäre sogar ein anderer als der der mit den anderen gesprochen hat. Das war schon immer so. Jeder verpasst mir einen anderen Namen und meint, mit den anderen hätte ein anderer gesprochen.“

„Wenn Sie ewig sind, was hat sie dann bewogen überhaupt so etwas wie diesen Urknall zu machen?“

„Nun werden Sie mal nicht übermütig. Ich hatte meine Gründe.“
„Darf die Öffentlichkeit die erfahren?“

„Besser nicht. Da werden mir dann wieder die Worte im Munde verdreht und schwupps haben wir die nächste Religion. Wenn Sie Pech haben, wird die nach Ihnen benannt. Dann gibt’s auf einmal die Schmitzen, hahaha.“

„Das wäre in der Tat furchtbar. Was halten Sie denn von den aktuellen Plänen einen Gottesstaat zu errichten?“

„Was für ein absurder Gedanken.Kommt immer mal wieder. Hab ich nichts mit zu tun. Können Sie mir glauben, hehehe. Wenn ich so etwas gewollt hätte, dann hätte ich das ja gleich so organisieren können. Wäre einmal die Woche vorbei gekommen und hätte was erzählt usw. Sie wissen schon. Mal als Busch, mal als Wolke. Alles schon mal versucht. Aber weil es jedesmal irgendwie falsch interpretiert wurde, lasse ich das seit einiger Zeit. Bringt ja nichts. Mir hört ja eh keiner richtig zu.“

„Aber die machen das in Ihrem Namen.“
„Ja. Das ist eine ziemliche Dreistigkeit. Aber was soll ich machen?“

„Und warum sprechen Sie jetzt mit mir?“
„Tue ich das?“

„Ich dachte.“

Er erhob sich langsam und ging Richtung Eingang. Bei meinem nächsten Besuch konnte sich niemand an einen Patienten, der aussah wie Eric Clapton, erinnern. Aber das kommt ja vor.

von: Heinrich Schmitz

Donnerstag, 22. Mai 2014

Frank-Walter Steinmeier 's lächerlicher Ausraster

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Hier zur live-Aufzeichnung:
http://www.youtube.com/watch?v=AX5m5swD-QU

Ach herrje, da spielt der ach so besonnene Steinmeier mal den kalkulierten Wütterich und schon liegen Frank-Walter die sozialdemokratisierten Massen auf Youtube reihenweise zu Füßen. Mit heißgelaufenem cholerischem Bariton in Überlautstärke überhaupt nichts Substanzielles gesagt und doch vortrefflich den Ton getroffen. Ja geht’s noch?

Hat sich da einer auf den Weg gemacht, doch nochmal eine persönliche historische Marke zu setzen? Denn von seiner gewesenen Außenministerzeit 2005-2009 ist ja nichts Aufregendes im Gedächtnis hängen geblieben. Die Vizekanzlerschaft von 2007-2009 ebenfalls Fehlanzeige. Dann ein paar Jahre saure Gurkenzeit und 2013 mit der Großen Koalition doch noch der unverhoffte Wiedereinstieg rechts von einer stabilen linken Mehrheit.

Höchste Zeit, dachte sich wohl nun der erneut veraußenministerte Steinmeier, seine bisher so blasse Polit-Karriere mit Heldentaten historischen Ausmaßes zu vergenschern. Dafür braucht’s aber die adäquate Krise! Aber leider taugt die Ukraine nicht für so etwas, wie Genschers historische Balkon-Rede. Kein deutsches Problem. Keine Emotionalisierung von Landsleuten über grenzen hinweg. Keine Ahnung. Und wie klänge das auch, wenn Steinmeier in einem russisch befreiten Donesk den verdutzen Rest-Ukrainern erklären würde: „Ihre Ausreise wurde bewilligt!“

Also kein goldener Lorbeerkranz in Aussicht. Keine Marmorbüste im Regensburger Walhalla beauftragt. Nein, nicht einmal für einen historischen Farbbeutelwurf samt geplatztem Trommelfell reicht es aktuell beim Steinmeier.

Also muss eine Strategie her: Wie wäre es denn, wenn wir nicht länger warten, sondern dort hingehen, wo man sich regelmäßig aufregt? Also abgemacht und Reichsparteitag mit Frank-Walter Steinmeier auf dem Berliner Alexanderplatz, der sonst Woche für Woche ein paar versprengten Montagsdemonstranten alleine gehört. Perfekt alleine schon deshalb, weil deren merkwürdige Anliegen medial bereits im Vorfeld ausreichend diskreditiert wurden. Und die Demo-erprobten Montägler halten Wort: „KRIEGSTREIBER!“ Das ist dann so schön laut und deutlich zu verstehen, dass Steinmeier sein Glück kaum fassen kann. Und überall Kameras! Zwei besonders gut positioniert in Richtung Steinmeier und Demo-Grüppchen.

Zunächst stockt Frank-Walter fast der Atem, wie er einem stockt, wenn die Gelegenheit endlich da ist, dann poltert er schon zu laut und deutlich zu überengagiert los:
„Ihr habt kein Recht! Der deutschen Sozialdemokratie muss man nicht sagen, warum wir für Frieden kämpfen!“ Wow!, das ist die große Ausholbewegung mit den ganzen ollen Kamellen, die Schröder und sein grüner Sozialpartner Fischer schon im ersten katastrophalen Durchgang geschmissen hatten, als man ihnen die Kampfjets über Belgrad verbieten wollte, als mit einem Handstreich Helmut Kohls Anti-Kriegseinsatzpolitik und Willy Brandts "Vom deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ posthum in den Lokus verfrachtet wurden.

Das muss man sich mal vergegenwärtigen, da protestieren Menschen auf dem Alexander, so wie andere mit viel größerer Not auf dem Maidan, dem Tahir oder sonstwo und Steinmeier, der von Vertretern des Koalitionspartner gerade gesagt bekam, seine Mission in der Ukraine sei planmäßig gescheitert, nimmt sich so ein paar harmlose Montagsdemo-Bürschchen und geifert in die aufgestellten Kameras: „Weil wir den Frieden wollen, dürfen wir es euch nicht so einfach machen! Es gibt immer noch Menschen, die Europa nicht verstanden haben.“ Niemand hätte wohl im Traume von dem Häufchen Elend mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet.

Und was soll man sagen, man will es kaum glauben, aber die Strategie geht auf. Nichts gesagt, aber dieser Schreihals-Ton, diese perfekt inszenierte Empörung kommt bei den Menschen vor den Computern gut an. Klick, Klick, Klickerdiklick.

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Und man kann sogar relativ genau sagen, seit wann das so perfekt funktioniert: Die kritische Marke jeder oppositionellen Grundhaltung war mit Bekanntwerden des NSA-Skandals und der Überwachung des Merkelschen Telefons überschritten. Seit dem gibt das Stockholm-Syndrom den Ton an. Ein gigantischer Solidarisierungseffekt. Sorge regiert wieder. Nun soll einfach alles so sein wie früher. Eine große Sehnsucht wächst nach der Bonner Republik und den stereotypen Ost-West-Feindbildern. Und Steinmeier spielt diesen Stockholm-Syndrom-Effekt perfekt aus. So schafft er es tatsächlich gegen jede Logik, gegen den gesunden Menschenverstand glaubhaft zu machen, das diese paar versprengten Montagsdemonstranten stellvertretend seien für eine kritische Masse von Menschen, die in der Lage sein könnten, Steinmeiers – nein, Deutschlands! – Außenpolitik zu gefährden.

Die FAZ berichtete perfekt begleitend, Frank-Walter Steinmeier vergleiche seine Tätigkeit als deutscher Außenminister mit der eines Ingenieurs, der vor einem Graben stehe: „Hier die Erwartungshaltung der außenpolitischen Elite des Landes aus Wissenschaft, Stiftungen und Publizistik, Deutschland möge gemäß seiner wirtschaftlichen Bedeutung mehr außenpolitische Verantwortung in der Welt übernehmen. Dort die Skepsis in der breiten Öffentlichkeit gegenüber einer stärkeren Rolle Berlins in der Welt. Ein Ingenieur würde sagen, erklärt Steinmeier (...) im Weltsaal des Auswärtigen Amtes, über diesen Graben lasse sich keine Brücke bauen. Die Politik aber habe keine Wahl.“

Ja ne, ist klar. Und auf alle Fälle beeindruckend, dass mal ein hochrangiger Politiker offen klar stellt, das längst nicht mehr das Primat der Politik gilt, sondern der außenpolitische Kurs im selben Maße von den global operierenden deutschen Unternehmen, vertreten von ihren Stiftungen und der Publizistik, bestimmt wird.

Was lernen wir daraus? Politisches Scheitern wird uns heute als herzerweichender Kampf gegen Windmühlen verkauft. Vorne weg und jetzt auch hart am Wind: der krächzende Sancho Panza der deutschen Außenpolitik. Einer der sich Sozialdemokrat nennt und nicht einmal genug Arsch in der Arbeiterhose hat, den Menschen reinen Wein einzuschenken, Ihnen mal klipp und klar zu sagen, dass das Modell Deutschland auf der internationalen Bühne zur Lachnummer geworden ist. Nein, der Bürger soll heute gefälligst intuitiv verstehen, was man sich nicht traut laut und klar auszusprechen. Rauszuschreien sowieso nicht.

Politik für Deutschland ist anachronistisch geworden. Aber wozu so frech beschweren, solange der Kühlschrank noch immer gut voll geamcht wird? Nein, Deutschland war nie souverän, Deutschland ist nicht souverän und Deutschland wird es nie mehr sein. Souveränen Gestus zeigt man heute nur noch gegenüber wenigen Hartzern und paar Studenten auf dem Alexanderplatz, wenn man ihnen in Selbstverliebtheit und bigotter Entrüstung entgegengeifert:

„Europa, das ist die Lehre von Zeiten, in denen sich Menschen nicht zugehört haben, in denen man aufeinander geschossen hat. Ich fordere Euch auf, hört zu!“

Das ist natürlich nicht zum Totschießen, sondern zum Totlachen. Keine Sorge, lieber Frank-Walter, von diesen Montagsdemonstranten hast Du nicht zu befürchten. Deshalb hast Du sie Dir ja auch für Deine Wutrede ausgesucht und nicht Deinen Kollegen John Kerry oder den nächsten vorlauten Aufsichtsratsvorsitzenden, der morgen oder wann immer mit großer Fresse unangemeldet in Dein Büro platzt oder Dich gleich in seines zitiert. Herrje, wie erbärmlich das alles ist.

Montag, 10. März 2014

Matthias Matussek wird 60 - Glückwunsch!

Mitten im Bonus des Lebens

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Lieber Jubilar,

gut, die nackte kalte Wahrheit gleich zuerst. Machen wir uns nichts vor Matthias: 60 Jahre alt zu sein, ist hart, eigentlich sogar richtig scheiße. Nein, 60 ist auch keine Hausnummer, an der wir mal eben vorbeimarschieren könnten, als hätte man die weiteste Strecke noch vor sich. 60 ist schon verdammt alt. Zumindest dann, wenn man schon mal 20, 30, 40 und 50 war. 60 ist Synonym für Rentner.

Zumindest für die, die 40 Jahre körperlich hart malocht haben. Gut, hast Du nicht. Du bist ja ein Dichter und Denker. Und diese Berufsgruppe ist ärmer dran, als der ärmste Polier, denn als Edelfeder hat man keine Ausreden, nicht mehr produktiv sein zu wollen. Edelfedern müssen Tinte spritzen bis zum bitteren Ende. Also wenn Du so richtig Pech hast, geht das Theater noch satte 30 Jahre munter so weiter. Also 30 Jahre immer brutal am Zeitgeist lang, immer mit dem Leben der Jüngeren im Update bleibend. Ne ne, 60 kann für Dich nur ein kurzer, schneller Boxenstopp sein. Ein Time-Out allenfalls als Gelegenheit, mal an sich herunter zu schauen. Narben, Verletzungen und chronische Krankheiten zählen. Inventur machen also.

Die allerbesten Jahre bereits hinter sich

Aber selbst dann, wenn man darüber hinweghasten möchte, bleiben doch diese unbestechlichen Statistiken in ihrer für einen 60-Jährigen wohl verachtenswertesten Sprache: 30 Prozent aller 50-54 Jährige beklagen gesundheitliche Einschränkungen, bei den 60-65 Jährigen sind es bereits 50 Prozent. Nein, das Leben schreitet nicht einfach nur so voran, wie ein majestätischer Fluss, die Sache entwickelt sich gerne mal zum gefährlichen Sturzbach. Wer behauptet, es verliefe linear, der versteht nichts vom Leben.

Jeder über 45 weiß, dass man jetzt, mindestens körperlich, seine allerbesten Jahre bereits hinter sich hat. Ab 45 beginnt zwar noch nicht der Altenteil, aber schon so etwas, das man als Bonus des Lebens bezeichnen könnte. Gut, man kann den körperlichen Verfall mit viel Sport und Schweiß konservatorisch noch eine Weile bekämpfen, aber es bleibt, was es ist: reinster Sisyphos.

Nun liegt natürlich viel an den Begleitumständen und der so genannten „inneren Einstellung“. Zählen die einen was war anhand der Einschläge, ziehen andere ihre Erfolgsbilanz. Oder kürzer: Pessimismus vs. Optimismus.

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Bei Dir lieber Jubilar ist das freilich noch einmal etwas komplizierter. Denn natürlich sahst Du die 60 schon kommen, als sie noch gar nicht um die Ecke gebogen war. Und weil Du Dich sorgtest, was da nun kommen würde, hast Du die Sache schon mal im Vorfeld durchexerziert, indem Du Dich literarisch an einem Gleichaltrigen abgearbeitet hast, der schon ein paar Wochen früher als Du die 60 erreichte. Quasi als Testdurchlauf und – na klar – auch als versteckte Bitte, wie Du selbst behandelt werden möchtest, wenn die Zeit gekommen ist, wenn man ganz verlegen mit 60 roten Nelken vor Dir und Deinem Geburtstagsschaukelstuhl steht.

Nicht der Helmut-Schmidt-Weg

Also gedanklich, denn Du bist ja rechtzeitig nach Rio geflüchtet, um dort durch den Karneval zu tanzen, als wärst Du wieder 25 – herrjee. Ausgerechnet dort, wo Du ein paar Jahre lang für den Spiegel tätig warst: „Matthias Matussek, unser Mann aus Rio.“ Wir dürfen also annehmen, das dieser Abschnitt in Deinem Leben ein besonders wichtiger für Dich war, dass Du Dich zu diesem zwiespältigen Jubiläum dorthin verkrochen hast. Aber zurück zum Gleichaltrigen. Gemeint ist der Pop-Titan. Über eine Begegnung mit Dieter Bohlen – übrigens rein zufällig ebenfalls in Rio! – schriebst Du etwas, das perfekt geeignet ist, Deinen Vorab-Gemütszustand zu erzählen:

„Nun ist er also 60 geworden. (…) Er hat ja schon vor mindestens 30 Jahren jene Apfelbäckchen-Alterslosigkeit erreicht, die das Ziel der Peter-Pan-Generation ist. Es sei denn, man sieht aus wie ein ehrwürdiges Monument aus Exzess und Verfall und Drogen. Bohlen ist die Vitaminvariante. Glückwunsch, Dieter Bohlen, prima hingekriegt, dieses Leben ohne Risiko, aber auch ohne Aussetzer. Nun ist er 60. Ich bin es in drei Wochen. Wie entsetzlich!“

Ohne die Psychologie zu sehr zu bemühen, unterliegst Du hier natürlich einer Fehleinschätzung. Nein, dieser dunkelbraune Falten-Bohlen, diese Botox-Variante eines Joachim Gauck, dieser quengelige Shar-Pei II aus Tötensen, dieser seit Jahrzehnten in die selbe zu enge Stonewashed-Jeans Gequetschte, sieht keineswegs jünger oder frischer aus als Du. Ihr beide seid nun einfach 60. Und man sieht es Euch an.

Lieber Jubilar, stimmt, das ist keine Schmeichelei. Und seien wir ehrlich, Dir in diesen rauen Tagen zu schmeicheln – Geburtstag hin oder her – hätte auch etwas von einem Himmelfahrtskommando. Nein, Du hast Dich schon vor Deinem 60-sten entschieden nicht den Helmut-Schmidt-Weg zu gehen. Denn anstatt Dich nun in aller Seelenruhe die kommenden 30 Jahre mit Menthol-Zigaretten zu belüften, hast Du das rostige Bajonett poliert, umstandslos aufgepflanzt und Dich ins Getümmel gestürzt, als gäb’s kein Morgen.

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Rumble in the Jungle im Feuilleton

Die Geburtstagsständchen gerieten entsprechend unterirdisch. Aber so ist das wohl, wenn man die Frechheit besitzt, wenn man noch mal in den Ring steigt, ein paar brutale Uppercuts austeilt und dann selbst mit ein paar üblen Cuts einfach nicht auf die Matte will. Rumble in the Jungle im Feuilleton. Ein großes Tohowabou und Du wütend und grinsend zugleich im Auge des Hurricans.

Und der beste Zeitpunkt, es frei heraus auszusprechen: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Du alter Kämpfer. Lass es bitte nie, niemals ruhiger angehen. Es würde etwas fehlen. Bleib einfach so lange es geht der Stachel im so elend abgesoffenem Feuilleton der Anständigen, die sich in ihren rosa Tütüs in Papierschiffchen um die Einfahrt in die letzten sicheren Häfen balgen. Alles Gute!

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