Montag, 20. Oktober 2014

Good Luck – Finding Yourself

Veröffentlicht im CICERO:
http://www.cicero.de/salon/dd-search-nice/58349

Hier in voller Länge in unlektorierter Autorenversion:



The search is nice

„Ich dachte ja, wir werden alle schön alt zusammen, und es wird alles noch einmal wieder gut“, spricht Jutta Winkelmann anrührend und mit flüchtigem Lächeln. Und fast entschuldigend ergänzt sie – oder besser: übersetzt sie – hinüber zum neben ihr ruhenden Rainer Langhans: „Das Ego will ja nicht sterben.“ Der aber bleibt stumm. Geschlossene Augen. Ganz weit weg.

Die Szene passiert irgendwo am Strand von Kovalam im südwestindischen Bundesstaat Kerala. Jutta und Rainer lehnen scheinbar sorglos und entspannt an einem dieser glattpolierten Felsen wie man sie aus Hochglanzprospekten von den Malediven kennt.

Der Dokumentarfilm „Good Luck – Finding Yourself“, der am 23. Oktober in die Kinos kommt, hat allerdings wenig von einem unbeschwert luxuriösen Urlaubstrip. Jutta Winkelmann hat Knochenkrebs mit Metastasen. Ihre Indienfahrt versteht sie als finale Pilgerreise. Eine exotische Prozession rund um ihren Krebs, den „König aller Krankheiten“, wie ihn der in Neu-Delhi geborene Arzt Siddhartha Mukherjee in seiner Pulitzer-Preis-ausgezeichneten Krebs-Biografie nennt. Rainer Langhans wird sich auf ihn beziehen, wenn er sich während einer Autopanne mit Jutta Winkelmann etwas abseits der Hektik der Straße bewegt und man wenige Meter weiter in eine ländliche Stille versinkt – ein indischer Time-Tunnel.

Eine Kuh muht herzzerreißend, eine Großfamilie steht stumm vor ihrem lehmverputzten Haus. Aufgestellt wie vor dem Daguerreotypie-Apparat eines Ethnologen. Und auf dem weiten Hof davor flattern die Hühner um ein klappriges Bettgestell, auf dem ein uralter Mann sitzt, der durch eine dickglasige Brille starr und ausdruckslos die beiden Fremdlinge beschaut. Hat sich Weisheit angesammelt in diesem gelebten Leben an der Schwelle zum Tod? Oder wenigstens eine
Botschaft? Die Kamera scheint darüber nachzudenken, verweilt ein paar Sekunden. Aber die Fragen bleiben offen. Ein schneller Schnitt. Und brutal laut rasen wieder Autos vorbei. Indien in Bewegung.



Starke Szenen, die Severin Winzenburg da einfängt, und der wiederum ist nicht nur irgendein junger, ambitionierter Doku-Filmer, sondern Juttas Sohn – also ist eine weitere Ebene theoretisch programmiert. Aber nein, die finale Mutter-Sohn-Konfrontation ist Winzenburgs Sache nicht. Nur ein, zwei Sätze überschreiten die unsichtbare Schranke zwischen Kamera und Motiv. „Jutta lernte Rainer 1974 kennen, zu der Zeit war Reiners indischer Lehrer Kirpal Singh gerade verstorben. Seitdem sucht sie etwas Eigenes, einen Nachfolger,“ kommentiert er aus dem Off.

Also kein familientherapeutischer Ansatz. Keine Aufarbeitung. Aus Erfahrung klug? Immerhin begleitete der heute 36-jährige 2008 einen Familienangehörigen mit der Kamera: „My american Cousin“ meint Balthazar Getty, Sohn seiner Tante Gisela, Jutta Winkelmanns Zwillingsschwester. Der Schauspieler Balthazar Getty, der auch Musiker ist,liefert nun einen Teil der Filmmusik.

Mutter-Sohn-Beziehungen sind ja subtiler als diese Vater-Sohn-Dramen, wie sie beispielsweise aktuell der Norweger Karl-Ove Knausgaard in „Min Kamp“ über tausende von Seiten zelebriert hat. Aber selten sind sie deshalb trotzdem nicht. Kästner setzte ihr ein Denkmal in „Meine Mutter“ und Rainer Maria Rilkes Briefe an seine Mutter kommen regelmäßig aus der weiten Welt in die Enge des Altenheims. Heute steht die klassische Familie auf dem Prüfstein. Aber die Mutter-Sohn-Beziehung wird diese Verwürfnisse überleben. Die Nabelschnur ist ihr ehernes Band. Und ihre Rekonvaleszenz eine Daueraufgabe.

Severin geht weit zurück. Unsichtbar hinter seiner Kamera. Eine Annäherung also aus der unnatürlichsten Perspektive einer Mutter gegenüber: als neutraler Beobachter. Ein Konflikt, der durch alle Sequenzen hindurch spürbar ist. Und wenn es gar nicht mehr erträglich ist, wenn die Emotionen überborden, fällt der Vorhang. Aber nicht ganz, wenn der Sohn noch durch einen winzigen Spalt der Mutter beim Weinen, beim Jammern und beim Medikamente einnehmen zuschaut.

Die Bühne gehört ganz Jutta Winkelmann. Und ihren Weggefährten seit Jahrzehnten. Wenn man deren Tun auf Rollen reduzieren würde, wäre Jutta das Herz, Christa das Hirn, Brigitte der Körper und Rainer so etwas wie das Über-Ich. Brigitte verdammt zum Schönsein, zickig, divenhaft, Jutta zuständig für Wärme und Herzlichkeit, das vergebende Element, Christa ist die mit der scharfen Zunge, hinterfragend, was man denn da eigentlich täte. Und Langhans über allem schwebend. Gefangen in der Isolation des ewigen Supervisors.

„Good Luck – finding yourself“ ist eine Dokumentation. Ist aber auch ein Roadmovie quer durch Indien mit dem Boot, dem Auto, Rikschas, Flugzeugen und immer wieder Eisenbahnen. Ist eine Indienreise mit Jutta Winkelmann, Christa Ritter, Brigitte Streubel und Rainer Langhans auf der Suche nach Hilfestellung zur Erleuchtung direkt vor Ort: eben das traditionelle Motiv der westlich-kapitalistischen Sinnsucher im spirituellen Indien.

Dabei ist Indiens Wirtschaftswachstum heute dreifach höher als das der Bundesrepublik. Diese veränderten Verhältnisse sind dann auch die Startrampe für Dissonanzen. Unsere Protagonisten sind augenscheinlich, was sie oft so angestrengt zu vermeiden suchen: Aus der Zeit gefallen mit einer seltsam deplatzierte Haltung, die – wenn auch auf anderem Niveau – wohl noch jede Rentnerurlaubstruppe zu bieten hätte. Wenn man sich immer wieder mit offensichtlich typisch deutschen Wohlstandsdruckstellen für die schlichte Eleganz der Armut begeistert und gleichzeitig über Lärm und Schmutz beschwert, das kann schon unerträglich sein.

Da fragt man sich, welchen Sinn es noch macht, wenn das Private politisch sein soll, aber das Politische, die gesellschaftlichen Verhältnisse, das Elend, einfach nicht mehr den Weg ins Private finden. Abgestumpft im Einzelkampf. Ja, das nervt, wie es schon so oft genervt hat, wenn Langhans und seinem Harem auf Missionstour waren. Oder besser: Könnte nerven, denn hier und in diesem Moment ist es erstaunlicherweise ohne jede Relevanz.

Dieser Langhansche Habitus rund um seinen Harem ist so harmlos, so nebensächlich geworden, das man allenfalls schmunzeln muss über die wenigen Zitate aus dieser Parallelwelt. Indien live schluckt einfach alles weg. Wunderbares Indien: Th search is nice.



„The search is nice!“, so antwortet Jutta Winkelmann als sie von einem europäischen Indienreisenden gefragt wird, warum sie überhaupt auf der Suche sei. Dann ein Schnitt zurück nach München: „Ein Jahr zuvor“. Jutta und ihre Tochter liegen sich im Bett in den Armen. Die erwachsene Tochter unter Tränen: „Ich will einfach, dass alles so bleibt wie es ist. Ich will, dass meine Mama da ist!“ Jutta streicht mechanisch über die lockigen Haare der Tochter. Schon ganz fern von der Welt. Eine schöne magere Hand. Halbmondfingernägel, Adern wie Flüsse und erstaunlich wenig Falten für eine 65-Jährige.

Hände sind auch ein Schlüsselmotiv des Films. Großaufnahmen. Streichelnde, fassende, suchende, bittende, wundervolle alte Hände. Dürerhände. Weisheit. Wisdom. Einmal, im Zug oder Flugzeug, reicht Langhans Jutta die Hand. Nicht einfach so, er lässt sie mit der Handfläche nach oben in ihre Richtung fallen, bietet seine Hand an, schaut ihr dabei von der Seite auf eine ernste Weise zärtlich aufs traurige Gesicht – das sind starke Szenen voller Emotionalität an der Kamera vorbei.

Oder doch nicht, denn hier filmt ja der Sohn. In solchen Momenten erinnert man sich daran. Klar, das könnte man auch spielen. Aber darum geht es nicht: Es wirkt einfach echt. Authentisch. Und das sind dann auch jene Szenen, die diesen Film, der sicher auch seine Längen hat, so fest zusammenhalten.

Die atemberaubende Indien-Kulisse macht nun aus solchen einfühlsamen Kammerspielszenen großes Kino. Wir sind auf dem Kumbh Mela, einem hinduistischen Fest und das größte religiöse Fest der Welt. Jutta und Rainer gehen eine breite, unbefestigte dammartig erhöhte Straße entlang. Eine baumlose Allee. Es ist Abend. Es ist kalt. Gelbes Kunstlicht. Staubiges Licht. Rechts und links unzählige Buden und Zelte. Hier wetteifern Sekten, Religionsgemeinschaften und Gurus um Gläubige. Hier wird nichts weiter feilgeboten, als wieder die nächste Erleuchtungsalternative. Ein großer Nirwana-Jahrmarkt mit Anreißern wie auf der Reeperbahn. Ballonverkäufer, Kerzenhändler, grellbunte Prozessionen.

Rainer und Jutta wandern ziellos die unendliche Guru-Strecke ab. Orientierungslos. Und – na klar – auch symbolhaft für diese nervenaufreibende, jahrzehntelange Suche und Selbstzerfleischung im heimischen München. Jetzt scheint die Zeit knapp geworden für Jutta. Wo soll man nun noch schauen, wo verweilen?

Eine große Sinnlosigkeit. Menschen huschen vorbei wie Schatten. Ja doch, in diesem Moment befindet sich die Dokumentation „Good Luck – Finding Yourself“ auf ihrem emotionalen Höhepunkt. Absolute Klarheit. Und beißende Einsamkeit hier in diesem echten Leben, das so surreal erscheint. Endzeit ist angebrochen. Krebszeit.

Ein großartiges filmisches Requiem auf das Leben.

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