Montag, 12. Dezember 2011

Eine Bibel, ein Container und der Tod des Märchenprinzen

SUBWAY Kolumne für Januar 2012
http://www.subway.de/aktuell/lebensraum/kolumnen/artikel/eine-bibel-ein-container-und-der-tod-des-maerchenprinzen-13814.html

Ich schaue keine Jahresrückblicke. Früher ja. Heute schaffe ich das nicht mehr. So groß kann doch der Voyeurismus gar nicht sein, dass man die Katastrophen 2011 ein zweites Mal und dann auch noch im banal durchkommentierten Schnelldurchlauf erleben möchte: Gaddafi und Söhne erwischt und tot gemacht. Johannes Heesters wie tot, aber 108. Diverse Naturkatastrophen mit dem Highlight Japan und Fukushima.

Ich trete zum Jahresende den Rückzug ins unpolitisch Private an: 14 Tage Resturlaub und Frau hat aus Sorge, das es 14 echt nervige Tage werden könnten, eine lange Liste mit Renovierungsaufträgen zusammengestellt. Und das war ein Segen. Denn einer ihrer Punkte lautete „Bücherregal ausmisten“. Und der hat sich zu meiner absoluten „Top-Erfahrung 2011“ gemausert.

Konkret hieß das also, jedes Buch aus der Bücherwand in die Hand nehmen, anschauen und eine folgenschwere Entscheidung fällen. Zwei Haufen. Der eine für Bücher, die in das neue, viel kleinere Regal dürfen. Und der andere für den Papiercontainer.

Erste Erfahrung: Bücher wegschmeißen ist ein Sakrileg. So etwas tut man nicht. Aber das neue 127er Plasma-TV hat das Regal nun mal um die Hälfte geschmälert. Zweite erstaunliche Erfahrung: Bücher sind Emotionsspeicher. Man braucht nur eines in die Hand nehmen, und schon beamt einen das Gedächtnis auf wundersame Weise an den Ort und in die Zeit zurück, in der man es las.



Ergreifende Bücher speichern ergreifende Gefühle. Das ist schön. Gut, es funktioniert nicht mit dem deutschen Gesetzbuch oder dem vollgeschmierten Geschichtsbuch der 6.Klasse. Aber es klappt mit Karl May. Die ganze Sammlung wandert in die Tonne. Ich wollte damals immer Old Shatterhand sein, der nach seiner Schussverletzung von Winnetous Schwester im Tipi gepflegt wird. Eine frühe erotische Erinnerung wandert also in den Papiermüllcontainer. Darf man da überhaupt Bücher reinschmeißen? Egal, ich bin so frei. Ich mache mich frei..

Eine alte zerfledderte Ausgabe von „Der Graf von Monte Christo“ muss ebenso dran glauben wie 32 Dr. Oetker Kochbücher. So eine Oldschool-Reihe für Fleischfresser. Wir sind aber Vegetarier. Weitere Bücher schmeiße ich schon allein wegen der 80er-Jahre-Knallbunt-Cover weg. Und das sind etliche. Weg, weg, weg.



Svende Merians "Der Tod des Märchenprinzen": Weg! Den emanzipatorischen Blödsinn hatte mir 1984 eine ältere erste Freundin geschenkt und mir dabei dringend ans Herz gelegt, das Ding zu lesen, wenn ich mit ihr was anfangen will. Also las ich. Und anschließend wurde diskutiert. Also die Freundin machte so eine Fragestunde. Ich war damals jung genug, die richtigen Antworten zu geben. Und dann war da ja noch die Sache mit Winnetous Schwester, deren Verwirklichung nahte.

Aber warum habe ich diese Erinnerung so lange im Schrank verwahrt? Also die dicke Svende M. mit Hüftschwung in die dicke Tonne. Erleichterung mit jedem weiteren Wurf. Befreiung auch, als ich alles, was nach Gedichtband aussieht, wegwerfe. Eine gefühlte Tonne Balast verschwindet im düsteren Containerschlitz. Alles muss jetzt in den Schlitz. Ich werfe und werfe und werfe. Sogar den Mörike im Prachtband.

Nur die Bukowski-Sammlung behalte ich inkonsequent. Frau besteht auf alle Djian-Taschenbücher. Aber der Sog ist trotzdem nicht mehr aufzuhalten. Ich höre mich am Container den Michael-Holm-Schlager „Tränen lügen nicht“ pfeifen. Fast hysterisch. Dann ist der Wagen irgendwann leer.

Ich schaue ein letztes mal durch den dunklen Schlitz auf die vielen Erinnerungen und entdecke da plötzlich obendrauf die Hochzeitsbibel meiner geschiedenen Eltern.

Und ausgerechnet bei einem Buch, mit dem ich überhaupt keine eigenen Erinnerungen verbinde, plagen mich plötzlich solche Gewissensbisse, dass ich stundenlang mit einem gebogenen Draht angle und die peinlich berührten Blicke Vorbeieilender ertrage. Frau ist längst nach Hause gefahren, weil ich ihr nicht erklären kann, was ich da tue.



Ich konnte es mir ja anfangs selbst nicht erklären, war dann aber richtig glücklich, als ich irgendwann in der Nacht die Elternbibel wieder in den Händen hielt, in der Jacke versteckte und zu Hause schnell auf der untersten Ebene des neuen Bücherregals positionierte.

Ein frohes Neues Jahr.

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