WAS IST EIN GUTER MENSCH?
Vielleicht ist es einfach so: Wer ein guter Mensch sein will, muss zunächst gut zu sich selbst sein. Mahtab
Der Busfahrer von Linie 16 schaute erst kurz und sagte dann: „Sie sind ein guter Mensch!“ Nicht zu mir, sondern zu einer älteren Dame, die sich beim Einsteigen nach einem zehn Cent Stück bückte und ihm auf seine kleine Kasse legte. Über die Geste selber ließe sich diskutieren. Zum Beispiel darüber wem das Geldstück nun wirklich zusteht. Wurde es von einem Fahrgast verloren oder tatsächlich vom Fahrer? Und was der Dame wohl zu einem 50 Euroschein eingefallen wäre, wenn gerade keiner hingeschaut hätte.
Interessanter finde ich die Reaktion des Fahrers: „Sie sind ein guter Mensch!“ Shen Te sagt in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ : „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“ Ist „Gut sein“ also einfacher, wenn man gut situiert ist? Zehn Cent sind allerdings auch für einen schlecht situierten Menschen kein ausreichendes Argument, schlecht zu sein. Aber vielleicht eine willkommene Geste, gut zu erscheinen.
Was ist also ein guter Mensch? Wenn ich einen benennen müsste, würde ich spontan und maximal kitschig sagen, meine Mutter ist ein guter Mensch.
Sag ich das, weil ich ein guter Sohn sein will? Oder weil mir sonst kein guter Mensch einfällt? Ok, meine Frau. Ja, sie ist ebenfalls ein Top-Kandidat für einen guten Menschen. Aber weniger als es meine Mutter ist. Das muss etwas mit Bedingungslosigkeit zu tun haben. Eine Mutter sorgt sich bedingungslos. Bei einer Frau sieht das dann doch noch etwas anders aus. Aber gut, bei Mutter ist es etwas Biologisches. Mutterliebe ist genetisch. Darf man das sagen? Ist das noch politisch korrekt? Sicherlich.
Aber noch mal anders herum: Ein guter Mensch zu sein, meint ja zunächst, nichts Schlechtes zu tun. Aber bin ich automatisch ein guter Mensch, wenn ich mich fein aus allem heraushalte? Oder wird erst der zu einem guten Menschen, der auch Risiken eingeht? Indem er sich positioniert und diese Position verteidigt und das Kunststück vollbringt, dabei andere nicht zu verletzen.
Die christliche Lehre sagt, der Mensch sei von Natur aus schlecht. Das glaube ich nicht.
Schon die Kategorien „Gut und Böse“ sind christlich geprägt. Das Böse ist dort Inbegriff des moralisch Falschen. Die Kraft, die moralisch falsches Handeln antreibt. Und jedem Christenmenschen ist sie seit dem Sündenfall in die Wiege gelegt. Das anzunehmen, das zu glauben, kann eine Erleichterung sein. Aber ich bin sicher, es ist auch ein Hindernis. Denn woher soll der Antrieb kommen, wenn ich obendrauf zunächst immer schon gegen meine eigene „böse Natur“ ankämpfen müsste?
Wer sich für „von Natur aus gut“ hält, müsste das Gute ja nur weiterentwickeln. Aus sich heraus. Aber darüber haben sich 2000 Jahre lang religiöse und nicht religiöse Menschen Gedanken gemacht. Die Argumente liegen also auf dem Tisch. Nietzsche schrieb beispielsweise in „Jenseits von Gut und Böse“: „Es gibt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen." Und Hiob klagt in der Bibel: „Ich wartete des Guten, und es kommt das Böse; ich hoffte aufs Licht, und es kommt Finsternis.“ Das sind so ungefähr die Fronten, zwischen denen Gut und Schlecht schon so lange diskutiert wird.
Was also ist ein guter Mensch? Ich weiß keine befriedigende Antwort und befrage Freunde und Kolleginnen:
Martin:
"Das ist doch nicht so besonders kompliziert. Gut ist natürlich immer relativ. In unserer mitteleuropäischen, christlich geprägten, säkularisierten und aufgeklärten Gesellschaft ist unser ethisch-moralischer Wertekanon die Messlatte für die Qualität eines Menschen. Ein guter Mensch sollte also im Einklang mit den Gesetzen ein über große Strecken moralisch in diesem Sinne gefestigtes Leben führen, teilweise als Vorbild tauglich und in seiner zwischenmenschlichen Bilanz positiv sein. Ein sehr guter Mensch muss deutlich mehr leisten als das. Die meisten von uns werden allerdings im Mittelfeld zwischen befriedigend und ausreichend landen, manche werden sogar als mangelhaft einzustufen sein. Und leider gibt es wie in jeder Klasse auch einige, die mit ungenügend nicht versetzt werden. Wohin auch immer."
Mahtab: „Ich glaube, gute Menschen gibt es nicht. Gute Menschen sind auch langweilig. Es gibt schlechte und bessere. Ich weiß gar nicht, ob meine Selbsteinschätzung mein Maßstab ist. Aber im Grunde sieht man sich doch selbst als Moralinstanz. Jeder entscheidet für sich, wer gut oder schlecht ist. Und das ist eigentlich schlecht, weil so jeder willkürlich sein Urteil abgibt. Es gibt nichts Übergeordnetes. So wie aktuell bei Wulff: Jeder meint nun, sein Urteil abgeben zu können und zu müssen! Wie das mit Religionen als Maß aller Dinge aussieht? Die Religionen können sich ja untereinander schon nicht einigen, wer gut oder böse ist. Wie soll ich das dann noch auseinanderhalten? In einer globalisierten Welt müsste da doch längst eine Antwort gefunden sein. Wurde aber nicht. Vielleicht ist es einfach so: Wer ein guter Mensch sein will, muss zunächst gut zu sich selbst sein.“
Karen: „Ein guter Mensch ist der, der nichts für sich tut, sondern für seine Umwelt. Das ist nicht religiös gemeint, sondern sozial. Ich mag keine ungerechten Menschen und solche, die sich asozial benehmen oder die auf andere herabschauen. Die glauben, dass sie etwas Besseres sind. Über mich selbst kann ich sagen, ich bemühe mich. Aber ich schaffe es oft nicht. Ich bin im Alter nicht mehr so konsenswillig. Das allerdings halte ich für eine Grundvoraussetzung, gut zu sein. „Gut und böse“ ist mir zu religiös verortet. „Gut und schlecht“ auch. Mein Maßstab ist eher „sozial und asozial“. Weil ich glaube, dass ein Mensch für eine Gesellschaft, eine Gruppe oder ein Team denken muss. Gesellschaften müssen sich positiv weiterentwickeln. Noch können nicht alle gleich gut leben. Oder anders gesagt: Der Mindeststandard ist mies. In anderen Ländern sogar noch mehr als hier."
Elke: „Jesus war ein guter Mensch. Und Mutter Theresa. Eben Leute, die nicht nur an sich selber denken. Die etwas für andere machen. Die an andere denken, ohne dafür etwas wiederhaben zu wollen. Es gibt viele scheingute Menschen, die tun viel für andere, verlangen es aber mit gleicher Münze zurück. Das wäre noch nicht so schlimm, aber die sagen es nicht. Sie lauern und schnappen dann noch ein, wenn nichts zurückkommt."
Tolle Antworten. Nachdenkliche Antworten. Und das alles für zehn Cent auf dem schmutzigen Boden der Buslinie 16. Kann man drei Tage vor Weihnachten eigentlich mehr erwarten? Frohe Weihnachten.
Der Busfahrer von Linie 16 schaute erst kurz und sagte dann: „Sie sind ein guter Mensch!“ Nicht zu mir, sondern zu einer älteren Dame, die sich beim Einsteigen nach einem zehn Cent Stück bückte und ihm auf seine kleine Kasse legte. Über die Geste selber ließe sich diskutieren. Zum Beispiel darüber wem das Geldstück nun wirklich zusteht. Wurde es von einem Fahrgast verloren oder tatsächlich vom Fahrer? Und was der Dame wohl zu einem 50 Euroschein eingefallen wäre, wenn gerade keiner hingeschaut hätte.
Interessanter finde ich die Reaktion des Fahrers: „Sie sind ein guter Mensch!“ Shen Te sagt in Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ : „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“ Ist „Gut sein“ also einfacher, wenn man gut situiert ist? Zehn Cent sind allerdings auch für einen schlecht situierten Menschen kein ausreichendes Argument, schlecht zu sein. Aber vielleicht eine willkommene Geste, gut zu erscheinen.
Was ist also ein guter Mensch? Wenn ich einen benennen müsste, würde ich spontan und maximal kitschig sagen, meine Mutter ist ein guter Mensch.
Sag ich das, weil ich ein guter Sohn sein will? Oder weil mir sonst kein guter Mensch einfällt? Ok, meine Frau. Ja, sie ist ebenfalls ein Top-Kandidat für einen guten Menschen. Aber weniger als es meine Mutter ist. Das muss etwas mit Bedingungslosigkeit zu tun haben. Eine Mutter sorgt sich bedingungslos. Bei einer Frau sieht das dann doch noch etwas anders aus. Aber gut, bei Mutter ist es etwas Biologisches. Mutterliebe ist genetisch. Darf man das sagen? Ist das noch politisch korrekt? Sicherlich.
Aber noch mal anders herum: Ein guter Mensch zu sein, meint ja zunächst, nichts Schlechtes zu tun. Aber bin ich automatisch ein guter Mensch, wenn ich mich fein aus allem heraushalte? Oder wird erst der zu einem guten Menschen, der auch Risiken eingeht? Indem er sich positioniert und diese Position verteidigt und das Kunststück vollbringt, dabei andere nicht zu verletzen.
Die christliche Lehre sagt, der Mensch sei von Natur aus schlecht. Das glaube ich nicht.
Schon die Kategorien „Gut und Böse“ sind christlich geprägt. Das Böse ist dort Inbegriff des moralisch Falschen. Die Kraft, die moralisch falsches Handeln antreibt. Und jedem Christenmenschen ist sie seit dem Sündenfall in die Wiege gelegt. Das anzunehmen, das zu glauben, kann eine Erleichterung sein. Aber ich bin sicher, es ist auch ein Hindernis. Denn woher soll der Antrieb kommen, wenn ich obendrauf zunächst immer schon gegen meine eigene „böse Natur“ ankämpfen müsste?
Wer sich für „von Natur aus gut“ hält, müsste das Gute ja nur weiterentwickeln. Aus sich heraus. Aber darüber haben sich 2000 Jahre lang religiöse und nicht religiöse Menschen Gedanken gemacht. Die Argumente liegen also auf dem Tisch. Nietzsche schrieb beispielsweise in „Jenseits von Gut und Böse“: „Es gibt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen." Und Hiob klagt in der Bibel: „Ich wartete des Guten, und es kommt das Böse; ich hoffte aufs Licht, und es kommt Finsternis.“ Das sind so ungefähr die Fronten, zwischen denen Gut und Schlecht schon so lange diskutiert wird.
Was also ist ein guter Mensch? Ich weiß keine befriedigende Antwort und befrage Freunde und Kolleginnen:
Martin:
"Das ist doch nicht so besonders kompliziert. Gut ist natürlich immer relativ. In unserer mitteleuropäischen, christlich geprägten, säkularisierten und aufgeklärten Gesellschaft ist unser ethisch-moralischer Wertekanon die Messlatte für die Qualität eines Menschen. Ein guter Mensch sollte also im Einklang mit den Gesetzen ein über große Strecken moralisch in diesem Sinne gefestigtes Leben führen, teilweise als Vorbild tauglich und in seiner zwischenmenschlichen Bilanz positiv sein. Ein sehr guter Mensch muss deutlich mehr leisten als das. Die meisten von uns werden allerdings im Mittelfeld zwischen befriedigend und ausreichend landen, manche werden sogar als mangelhaft einzustufen sein. Und leider gibt es wie in jeder Klasse auch einige, die mit ungenügend nicht versetzt werden. Wohin auch immer."
Mahtab: „Ich glaube, gute Menschen gibt es nicht. Gute Menschen sind auch langweilig. Es gibt schlechte und bessere. Ich weiß gar nicht, ob meine Selbsteinschätzung mein Maßstab ist. Aber im Grunde sieht man sich doch selbst als Moralinstanz. Jeder entscheidet für sich, wer gut oder schlecht ist. Und das ist eigentlich schlecht, weil so jeder willkürlich sein Urteil abgibt. Es gibt nichts Übergeordnetes. So wie aktuell bei Wulff: Jeder meint nun, sein Urteil abgeben zu können und zu müssen! Wie das mit Religionen als Maß aller Dinge aussieht? Die Religionen können sich ja untereinander schon nicht einigen, wer gut oder böse ist. Wie soll ich das dann noch auseinanderhalten? In einer globalisierten Welt müsste da doch längst eine Antwort gefunden sein. Wurde aber nicht. Vielleicht ist es einfach so: Wer ein guter Mensch sein will, muss zunächst gut zu sich selbst sein.“
Karen: „Ein guter Mensch ist der, der nichts für sich tut, sondern für seine Umwelt. Das ist nicht religiös gemeint, sondern sozial. Ich mag keine ungerechten Menschen und solche, die sich asozial benehmen oder die auf andere herabschauen. Die glauben, dass sie etwas Besseres sind. Über mich selbst kann ich sagen, ich bemühe mich. Aber ich schaffe es oft nicht. Ich bin im Alter nicht mehr so konsenswillig. Das allerdings halte ich für eine Grundvoraussetzung, gut zu sein. „Gut und böse“ ist mir zu religiös verortet. „Gut und schlecht“ auch. Mein Maßstab ist eher „sozial und asozial“. Weil ich glaube, dass ein Mensch für eine Gesellschaft, eine Gruppe oder ein Team denken muss. Gesellschaften müssen sich positiv weiterentwickeln. Noch können nicht alle gleich gut leben. Oder anders gesagt: Der Mindeststandard ist mies. In anderen Ländern sogar noch mehr als hier."
Elke: „Jesus war ein guter Mensch. Und Mutter Theresa. Eben Leute, die nicht nur an sich selber denken. Die etwas für andere machen. Die an andere denken, ohne dafür etwas wiederhaben zu wollen. Es gibt viele scheingute Menschen, die tun viel für andere, verlangen es aber mit gleicher Münze zurück. Das wäre noch nicht so schlimm, aber die sagen es nicht. Sie lauern und schnappen dann noch ein, wenn nichts zurückkommt."
Tolle Antworten. Nachdenkliche Antworten. Und das alles für zehn Cent auf dem schmutzigen Boden der Buslinie 16. Kann man drei Tage vor Weihnachten eigentlich mehr erwarten? Frohe Weihnachten.
Alexander Wallasch - 21. Dez, 10:38
heinrich schmitz - 23. Dez, 11:28
da wollen wir mal im predigtstil bleiben:
"ein guter mensch hilft mit überlegten antworten; der unheilstifter sprudelt über von unheilvollen reden. - bibel - sprüche 15,28"
in diesem sinne frohe weihnachten
"ein guter mensch hilft mit überlegten antworten; der unheilstifter sprudelt über von unheilvollen reden. - bibel - sprüche 15,28"
in diesem sinne frohe weihnachten
Alexander Wallasch - 23. Dez, 17:40
Du bist ja böse ;))
Und auch Dir schöne tage und weniger Stress mein Lieber.
Herzlich grüßt Dich Alexander
Und auch Dir schöne tage und weniger Stress mein Lieber.
Herzlich grüßt Dich Alexander
schöner artikel zum fest.