Dienstag, 4. März 2014

UKRAINE – Folgt der Konflikt einem bekannten Muster?


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Fangen wir zunächst mal mit drei subjektiven Wahrnehmungen an:

Eine Bekannte, die als Teenager aus der Ukraine übersiedelte, erzählt, das sie schon als Kind beim Schiffeversenken Russland gegen Ukraine spielte. Erklären wollte sie damit eine immer schon bestehende natürliche Rivalität zwischen den Ländern. Nächste Wahrnehmung ist ein Auftritt Gregor Gysis bei Günther Jauch, der eine erschreckende Naivität an den Tag legte, die man so von dem ansonsten durch fundierte Beiträge glänzenden ehemaligen Ostblock-Politiker nicht gewöhnt ist. Und die dritte Wahrnehmung ist so dämlich, das sie anonym bleiben darf, denn sie erzählt nur von einem Stammtischler der ungefragt kundtat, das nun mit einer wachsenden Zahl ukrainischer Prostituierter zu rechnen sei, von denen er gehört hätte, das die bei deutschen Freiern besonders beliebt seien.

Konzentrieren wir uns aber zunächst einmal auf diese vielbesprochene Günther Jauch-Sendung, denn die war für viele Zuschauer die an Informationen bisher reichhaltigste Quelle über einen undurchsichtigen Konflikt, der aktuell von zu vielen Lohnjournalisten leider unisono auf diese dilettantische Gregor-Gysi-Art-und-Weise besprochen wird.

Heimat misst sich an Bewohnern

Das fand scheinbar auch Patrick Bernau für die „Faz“, der sich immerhin ganz besonders intensiv über den „Grundkurs Ukraine“ seitens der jüngsten, aber kompetentesten Diskutantin, der deutschen Piratin ukrainischer Herkunft Marina Weisband, freute.

Für die eloquente Diplompsychologin sind Einmischungen von außen in den Konflikt nicht das Mittel der Wahl. Für die Idealistin – Jugend darf das! – muss die politische Erneuerung der Ukraine aus dem Volk heraus passieren. Damit war aber schon das erste ungelöste Problem auf der Tagesordnung. Denn da wo Weisband Volk sagt, meint sie wohl eher Staatsbürger. Die Ukraine ist knapp doppelt so groß wie Deutschland bei einer halb so großen Bevölkerungsanzahl. Dreiviertel der Bevölkerung sind wohl ethnisch Ukrainer, aber in der autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol sind russischstämmige Ukrainer die bei weitem bedeutendste Volksgruppe und sunnitische Krimtataren mit heute über zehn Prozent der Bevölkerung die zweitgrößte Minderheit. So gesehen wäre eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der Krim zu Russland oder der Ukraine wahrscheinlich von jeher reine Formsache pro Russland.

Das erinnert Historiker vielleicht an die Situation des Deutsche Reiches nach dem Versailler Vertrag, wo große Gebiete mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung nicht mehr zum Reich gehörten. Eine der vielen Lunten übrigens, die Hitler nach Belieben für sein großes zerstörerisches Feuerwerk entzündete. Die Lehren daraus sind bekannt und dauern bis heute an. Überall, wo es Machträume gibt, die ethnisch nicht den Machthabern folgen, wird ermordet, vertrieben und neu besiedelt. Ethnische Säuberungen sind seitdem mehr und mehr das Mittel der Wahl geworden, will man einen neuen Status Quo erzwingen. Heimat misst sich längst nur noch an Bewohnern, nicht mehr am angestammten Land.

Aber auch über Jahrzehnte bestehende ethnische Konflikte sind nicht die Hauptursache des aktuellen Konfliktes in der Ukraine. Hier muss mehr dahinter stecken. Und einiges verweist hier auf altbekannte Muster vergleichbarer Konflikte des 21.Jahrhunderts.

Perfekt aufgestellt für die internationalen Medien

Analog zum Kairoer Tahrir-Platz und zum Istanbuler Taksim-Platz haben wir in Kiew den Majdan. Die Keimzelle der Umwälzungen, der Demonstrationen, konzentrierte sich auch in der Ukraine nicht etwa auf eine unüberschaubare Region oder Landesteile, sondern medienkompatibel auf einen überschaubaren Platz in der Hauptstadt, der dann perfekt geeignet ist, weltweit den Eindruck zu hinterlassen, wir befänden uns mitten im Zentrum eines Volksaufstandes. Volle Straßen, urbane Verwerfungen mit auffälligem Militäraufgebot usw.

Alles perfekt aufgestellt für die internationalen Medien, die in den Metropolen sowieso bereits ihre Zentralen betreiben. Zeltlager, Bühnen und nächtliches Feuerwerk tun ihr Übriges. In diesem dichten Hexenkessel reichen Aktionen weniger Provokateure von beiden Seiten für eine maximale Außenwirkung. In so einer zentralistisch gesteuerten ehemaligen Sowjetrepublik ist der Effekt natürlich noch einmal größer.

Als nächstes folgt dann in altbekannter Manier die komplette Diskreditierung des Staatsoberhauptes zum Diktator, Machthaber oder Despoten. Wir erinnern uns, weil es dieser Tage es so schnell in Vergessenheit gerät: Der Präsident der orangenen Revolution, Wiktor Juschtschenko selbst schlug 2006 Janukowytsch als Ministerpräsidenten vor. Als Ministerpräsident sprach sich eben dieser Janukowytsch anfangs sogar für den EU-Beitritt der Ukraine aus und düpierte damit Russland. Bei vorgezogenen Wahlen 2007 gewann Julija Tymoschenko und 2010 wurde erneut Janukowytsch gewählt. Vor der Wahl Tymoschenkos drohte Russland damit, die als Gegenleistung für die ukrainischen Gasleitungen nach Europa subventionierten Gaspreise deutlich anzuheben. Immerhin 80 Prozent des russischen Gasexports die nach Europa fließen werden durch die Ukraine geleitet.

Aber weiter in der erkennbaren Methodik: Die Protzvilla des Despoten fehlt nun noch. Ein perfektes Instrument, um Neid und Abscheu zu erzeugen, wie man bei Gaddafi so medienwirksam bereits durchexerziert hatte. Das quasi gleich auf der anderen Straßenseite gegenüber Janukowytschs Villa weitere, noch protziger Villen der Oligarchenfamilien stehen sollen – wie Frau Weißband berichtete – interessierte die Medien kaum. Der Grund ist einfach: Die Türen waren verschlossen. Wozu also klingeln und um Filmaufnahmen bitten?

Jetzt fehlt nur noch der finale Moment

Nächster Akt dann die unter großem Jubel und Fahnenmeere organisierte Freilassung echter oder unechter prominenter politischer Gefangener – bis heute ist ja ungeklärt, ob und welche Wirtschaftsverbrechen Frau Tymoschenko tatsächlich begangen hat – oder wahlweise die Heimkehr eines Politikers aus dem Exil. Die intensive Arbeit oder Beratertätigkeit diverser ausländischer Geheimdienste setzen wir übrigens bei all diesen Umstur-Prozessen einfach mal voraus, ohne sie im Einzelnen investigieren zu wollen.

Jetzt fehlt nur noch der finale Moment, zunächst die Heraufbeschwörung einer Kriegs- oder besser Weltkriegsgefahr, dann zeitnah, wenn die internationalen Medien richtig in Brand geraten sind, der offizielle Hilferuf einer Übergangsregierung, die dann den Einsatz ausländischer Kräfte zumindest moralisch weitestgehend legitimiert. Und siehe da, Frau Tymoschenkos soll bereits aus ihrem Rollstuhl heraus einen Hilferuf gesandt haben. Der Weg scheint also frei für eine erneute Umverteilung von Staatseigentum unter Wenigen. Putin hat damit übrigens am wenigsten zu tun. Er ist in diesem Spiel nur widerwillig zum Buhmann geworden, weil er seine angestammten Interessen schützen will. Denn den Buhmann von außen braucht es ja immer.

Sicher annehmen darf man nun, das sich in fünf bis zehn Jahren neue Gesichter aus der Ukraine melden und vielleicht irgendwo in Europa einen Fußballverein kaufen und was sonst noch so gefällt und unverschämt teuer ist. Der Lebensstandard der Ukrainer wird dabei allerdings allenfalls stabil bleiben. Stabil niedrig.

Das freut dann allenfalls den anonymen Stammtischler und Gregor Gysi, der dann wieder sagen kann, er hätte ja eh schon immer gewusst, dass das nur zu Lasten der Ärmsten gehen kann. Was für ein Trauerspiel. Arme Ukraine.

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