LIDL HAT DAS BLUT DER ERDE
Eine Naivität
Griechischer Wein steht bei LIDL neben Lebkuchen und Spekulatius im Vorweihnachtsregal – da beisst sich was. Ich habe Retsina in einer Dekade kennengelernt, als es noch keinen Euro gab, man aber noch mit einem InterRail-Ticket für 365 DM durch ganz Europa fahren konnte. Mitten im Hochsommer. Die Schule war vorbei und wir fuhren „Braunschweig-Athen“ und noch ein paar Kilometer darüber hinaus.
Nach zähem Ringen mit dem Vater der 16-jährige Freundin, CDU-Bürgermeister von Weddel (2966 Einwohner) durfte die vollbusige Oberschülerin mitfahren. „Aber nicht trampen!“ Und was uns dann unter der hellenistischen Sonne zwischen trockenen Olivenbäumen so alles passierte, verdanke ich in Teilen auch diesem harzigen Weißwein, den wir damals nach Sonnenuntergang aus seltsam changierenden Alu-Henkelbechern tranken.
Seit Wochen stolpere ich also im LIDLer Kassenbereich über diese Retsina-Halbliterflaschen. Die Flaschen sind gar nicht schön. Von der Form her sehen sie sogar aus wie ausgetrunkene tschechische Bierflaschen. Gab es die beim LIDL früher schon? Ist das jetzt diese beunruhigende Sache mit der selektiven Wahrnehmung oder hat dass doch schon was mit der Euro-Krise zu tun? Was passiert hier? Eine pro-hellinistische Form des unternehmerischen Solidaritätszuschlags?
In Griechenland gibt es ihn auch: Den LIDL. 2010 hatten wir uns sogar in einen verguckt. Familienurlaub in Griechenland. Selbstversorgung beim „LIDL Sparta“. Und was für ein LIDL: Mit Amphitheater, wenn man großzügig ein paar hundert Meter Luftlinie mitdenkt!
IN der Fremde ein paar Quadratmeter gefühlte Heimat. Und wer sich in Braunschweig auskennt, weiß, das gilt sogar doppelt. Denn die Stadt Heinrichs des Löwen hat seit 2000 auch ein Amphitheater auf dem Milleniumgelände des Müllbergbesitzers Werner Lindemann. Griechenland pur auf deutschem Giftmüllberg. Gut – „Edeka Bangkok“ wäre vielleicht noch toller. Aber da ist gerade Hochwasser.
Ok, ich gebe es zu: Ich quassle hier auch nur rum. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was es mit diesem ganzen Griechenland-Finanzkrise-Euro-Banken-Problem auf sich hat. Und es ist eine schale Beruhigung, dass Politiker, die Ahnung haben sollten, auf dem selben Level operieren und das sogar offen zugeben! Ja doch, es ist völlig neu, dass die, die regieren, auch noch dreist zugeben überhaupt nichts zu verstehen. Klar, unsereiner hat das jahrzehntelang immer behauptet: „Alles Deppen in Bonn (später Berlin)!“ Aber jetzt, wo es umstandslos zugegeben wird, zieht einem doch kalt die Angst ins Gerippe. Nein, das hat keiner gewollt, dass sie WIRKLICH nichts verstehen!
Nur die Zeitungsschreiber geben sich noch die Schlaumeierklinke in die Hand. Und was dann hinten bei rauskommt, wird von Politikern ebenso gelesen wie vom gemeinen Bürger. Die gleiche Informationsquelle und -untiefe. Und die basiert auf einem Gedankenausschuss, abgesondert von Menschen, die Tag für Tag leere Seiten füllen müssen. Nachdenkzeit tendiert dabei gegen Null. Unsere privaten, ebenso wie die politischen Krisenrezepte basieren also auf Fastfood-Gedanken. Ein kollektives Gefühl, wie in der hinteren Bank im Abi-Leistungskurs Mathematik.
Was also tun, wenn keiner weiß was zu tun ist und sich niemand traut zu sagen, was zu tun wäre?
Und da kommt jetzt dieses glückliche LIDL Sparta und der Braunschweiger LIDL am Bienroder Weg ins Spiel. Das Erfolgsunternehmen LIDL will in Deutschland UND Griechenland Gewinne machen!
Und das ist doch exakt, was wir uns auch wünschen, dass eben in beiden Ländern Gewinne gemacht werden. Gewinne für alle! Und wenn nun also – davon kann man doch jetzt ausgehen – LIDL als Krisenlösung vorschlägt, in Deutschland zu Weihnachten griechischen Retsina zu trinken – ja verdammt noch einmal: Dann trinken wir Weihnachten eben Retsina und träumen dann vielleicht sogar nach sechs oder sieben Flaschen von diesem süßen 16-Jährigen Weddler Bikini-Mädchen aus dem 1980er Griechenland-Urlaub! Στην υγειά σου!
Alexander Wallasch - 7. Nov, 19:03