DER IRGENDWIE ANDERE BUNDESPRÄSIDENT
Nein, der Oetinger Verlag hat Christian Wulff als kleines Dankeschön keinen zinslosen 500.000 Euro Kredit angeboten. Ob Wulff das noch trauriger gemacht hat, als er es ohnehin schon war, bleibt unklar. Jedenfalls kann man das auf keiner Mailbox erfahren, das steht auch nicht in der BILD-Zeitung und auch im TV-Wiedergutmachungs-Interview zur besten Sendezeit fand das Kinderbuch „Irgendwie anders“ nicht statt.
In seiner Weihnachtsbotschaft hatte Wulff das Blaumännchenbuch beworben, während die Kamera über die bundespräsidiale Weihnachtsgesellschaft hinwegglitt, die dann auch folgerichtig irgendwie anders aussah.
Aber wozu braucht Wulff überhaupt noch 500.000 Euro? Bis zum Lebensende sind ihm jetzt schon 300.000 Euro jährlich sicher. Ob er Präsident bleibt oder nicht. Das allein wäre schon ein gewichtiges Argument, ihn im Amt zu belassen. Sein möglicher Nachfolger würde ja auch bezahlt werden müssen. Wie viele Präsidenten a.D. leben aktuell auf vergoldetem Altenteil?
Walter Scheel: lebendig. Richard von Weizäcker: lebendig. Roman Herzog: lebendig. Horst Köhler: lebendig. Das sind 1,2 Millionen jährlich und ungefähr der Integrationshilfe-Etat Berlin-Brandenburgs für den selben Zeitraum oder irgendwie anders erklärt: 10.000 Doppelzimmer-Übernachtungen inkl. frischer Bettwäsche in einer kleinen Pension auf Norderney.
Wulff-Befragerin Bettina Schausten war noch nie auf Norderney und hat dort auch keine Freunde. Verblüffend also, was uns die TV-Moderatorin im Wulff-Interview weismachen wollte: Es wäre doch normal, dass man Freunden 150 Euro pro Nacht für eine Unterbringung bezahlen würde. Sie jedenfalls würde das immer so machen. Und Wulff konterte: „Dann unterscheidet Sie das von mir im Umgang mit den Freunden.“ Das war dann auch die einzig einigermaßen unterhaltsame Szene des lauen Mainzer Tribunals. Eine perfekte Inszenierung. Irgendwie anders als erwartet? Nein.
Die Lücke, die Wulff vor dem Interview blieb, um im Amt zu bleiben, war denkbar schmal. Zumindest da kann man sagen: Der Show-Souverän hat sie souverän durchschritten. Jede andere Behauptung wäre tatsächlich falsch. Man kann nur ahnen, wie viele Fachleute und Strategen im Vorfeld an den Antworten gebastelt haben und wie viele Stunden es dauert, dass dann auch noch mit der rauen Stimmlage des Sünders einzustudieren und zum Vortrag zu bringen.
Ob er nun ein Präsident auf Bewährung sei, wies Wulff entrüstet zurück. Er verwies aber mehr als einmal – und wie eine irgendwie andere Diekmann-Drohung wirkend – auf eine große Schar Anwälte, die für ihn tätig seien. Selbstverständlich auf eigene Kosten und nicht über das Bundespräsidentenamt abgerechnet, wie er einstudiert hinzufügte. 400 Fragen hätten seine Anwälte beantworten müssen. Das allerdings ist erstaunlich, könnte man doch annehmen, dass Wulff Fragen an Wulff selbst beantworten könnte.
Es geht also um Winkelzüge, Formulierungen und Wahrheitskonstrukte. Wulff selbst war sich also durchaus bewusst, dass er sich auf dünnem Eis bewegte. Und seine Schicksalslage war ja nicht nur irgendwie, sondern ganz anders als die seines Vorgängers Köhler. Der musste gehen, weil er die Wahrheit gesagt hat. Wulff bleibt, weil er gelogen hat. So einfach ist das.
„Wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen. Wie es Harry S. Truman gesagt hat. Und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch.”, erklärt Wulff zum Schluss des Interviews. Und damit sieht er sich dann also doch als Präsident auf Bewährung, wie die Frau Schausten am irgendwie verkatert wirkenden Deppendorf vorbei insistiert hatte.
Und mit Truman schließt sich dann auch wieder der Kreis zum Oetinger Verlag. Denn dort erscheint erfolgreich das „Astrid Lindgren Kochbuch“ mit leckeren Gerichten aus Katthult und Lönneberga. Und immer, wenn der schwedische Michel was Dummes gemacht hat, muss er ohne Essen in den Schuppen, Holzfiguren schnitzen.
Der deutsche Obermichel hat seine Weihnachtskrippe sicher auch längst zusammen. Warum er sie zur Weihnachtsansprache nicht unter den schönen Bundespräsidialamtsbaum gestellt hat, bleibt allerdings ein Rätsel.
Alexander Wallasch - 5. Jan, 09:29